Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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deß im Verborgene blieht! Alſo viel Glick zu d'r Wahl
Männer! -
Vun de Heidlberger Burgermeeſchterunnerhaltunge am
heisliche Herd zu d'r Berliner Unnerhaltung am heisliche
Herd is zwar en ziemlich großer Schbrung, awer was
dhut ma nit, wann ſunſcht weiter nix Bemerkenswerthes
uff d'r ſchtädtiſche Dagesordnung ſteht. Alſo zur Abwechs-
lung emool e
Berliner Unterhaltungen am häuslichen Herd.
1. Beim Wirth.
Wirthin. Wieder verdrießlich.
Wirth. Das iſt nicht mehr zum Aushalten! Die
Dienſtmädchen ſtrecken mir auf Fluren und Treppen die
Zungen heraus, die Kinder zeigen mir noch ganz andere
Dinge und als ich geſtern in den Hof trat, fiel mir ein
Ziegel auf den Kopf, der nie auf meinem Dache war.
Wirthin. Schändlich! Da iſt man ja nicht mehr
ſeines Lebens ſicher!
Wirth. J - nicht einmal der Miethen!
Wirthin. So verkaufe doch das Haus wieder. Lie-
ber doch Kartoffeln mit Zufriedeheit, als Men-
ſchenhaß mit Eistorte!
Wirth. Dann werden wir wieder Miether und
du weißt, mein Kind, was wir als ſolche gelitten haben.
Wirthin. Jmmerhin! Will ich doch lieber Schwarz-
brod in Frieden eſſen, als Caviar und Chokolade
in Haß und Zwietracht!
Wirth. Kartoffeln, Eistorte, Schmalz-
brod, Caviar und Chokolade - da muß es ja
bald innere Unruhen geben. -
2. Jn der Kinderſtube.
Mutter. Hübſch beten, Kinder, vor dem Schlafen-

D'r Nagglater
Alſo de Mondag
ſolle mer en neie
Burgermeeſchter
wähle, Männer!
Unſer bisheriger hott
aus G'ſundhetts-
rickſichte ſein Amt
niedergelegt. Glaab's
gern. D'r Deifl mag
zwetter Burger-
meeſchter ſein. Zu
dem Amt g'heert e
b'ſonderi Kuttl!
Was hott ſo'n Mann
's Johr durch nit
for Zoores un Händl
ausenanner zu ma-
che. Wie manch bit-
teri Pill muß'r bet
Gelegenheit ſchlucke,
denn Ruhe is de
zwette Burgermeeſch-
ters erſchti Bflicht.
Ball kummt die Fraa
un ſchennt iwer ihrn
Mann, ball kummt
d'r Mann un beklagt
ſich iwer ſein Fraa.
Ball kummt en Miether un vertaugt Wotnungsverlange-
rung ſeim Hausherr gegeniwer, ball kumt d'r Hausherr
un verlangt vom Burgermeeſchter en Wohnungsausweis-
berrlagr öemm teos, ll kummt die Madamm un
verklagt bei'm die Madamm! Un denne ſoller's all recht
mache, d'r Herr Burgermeeſchter. Merſi for ſo e Amt.
Nit for e Milliard! Deß heeßt, ich dhäts aah etwas bil-
liger! - No, mir werre de Mondag ſehe, wer neier Zwet-
ter werd. An Vorſchläg zu Burgermeeſchter fehlt's nit.
Mir hawe poetiſche un broſaiſche! G'ſeefte un un-
g'ſeefte. Sucht de Letſchte raus. Vor alle Dinge, Män-
ner, guckt uff en Mann, der immer de Kopp am rechte
Fleck hott. Uff en Mann, der nit rechts un nit links,
ſondern immer gradaus geht in Amt un Bflicht. Uff en
Mann, der ſich ke R for e U vormache loßt! Uff en
Mann, der uns Heidlberger kennt aus'm ff raus. Uff en
Mann, der ab- un zuzugewe weeß, un kalt wie'n Froſch
zwiſche de ſchtreitende Bartheie ſchteht. Uff en Mann, der
ſich durch nix im Amt err mache loßt! Uff en Mann,
der nie die Perſon, ſondern immer norr die Sach, um
die ſich d'r Handel dreht, im Aag hott Uff en Mann,
der mit eem Wort braktiſch, g'ſcheid un bergerfreindlich
g'ſinnt und Jedem, ohne Anſehe ſeiner bollitiſche Jwer-
zeigung, nooch beſchtem Wiſſe un Wille recht dhun will.
So een ſucht eich de Mondag mit d'r Latern, Männer!
dann ohne Latern werd'r'n ſchwerlich finne. Burgermeeſch-
ter vun der Sort find ma nit wie die Brummbeere am
Weg, ſondern miſſe oft g'ſucht werre wie e Märzeveilche,

Töchterchen (faltet die Hände):
Lieber Gott, laß mich auf Erden
Niemals doch ein Hauswirth werden,
Der nur früh und ſpät drauf denkt,
Wie er Nebenmenſchen kränkt.
Mutter. "Böſewicht" heißt es, aber nicht "Haus-
wirth."

Töchterchen. Aber, Mamachen, du ſagteſt doch
neulich, alle Hauswirthe wären Böſewichte!
Mutter. Schlafe! - Sage Dein Gebet Karl
Söhnchen (die Hände faltend):
O Herr, ſieh deine Kinder
Vor deinem Throne ſtehn.
Und laß uns nicht als Gründer
Zur Hölle niedergehn!
Mutter. "Sünder", nicht "Gründer" heißt
es! Wenn Jhr mir ſo quatſches Zeug betet, werde ich
morgen eine Ruthe für euch kaufen!
Die Kinder ſpringen und tanzen freudig in den Betten
Mamachen, kauft uns eine Ruthe! Mamachen, kauft uns
eine Ruthe! - Mutter. Und darüber jubelt ihr noch?
Das Söhnchen. Aber, Mamachen, Papachen meinte
ja heut beim Abendbrod, daß an jeder Ruthe noch 200
Thaler zu verdienen wären!

Druck von G. Mohr. - Verlag von G. Geiſendörfer.
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