Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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welche Correggio im Jahre 1520 begann und in drei mü-
hevollen Jahren vollendete. -

Herr Vicomte, verſetzte ich, Gott hat den Menſchen
das Leben verltehen.
"Ja," fiel er ein, "aber er hat ihnen zum Glück viele
Auswege aus demſelben gelaſſen, wenn es ihnen zu lang
dünkt! Doch Verzeihung, mein lieber Doctor, Verzeihung
für ſie, die ich beleidige, denn ſie iſt ein Engel an Sanft-
muth und Frömmigkeit.. .
(Schluß folgt.)

Loſe Blätter.

(Der Häuſerſchwindel,) durch den hin und wie-
der manchem Beſitzer die gebratenen Tauben mit Gewalt
in den Mund geſchoben werden, verdirbt dagegen zuweilen
dem andern den Magen. Herr V . . . e in Berlin hatte
ſoeben ſein Grundſtück verkauft; Alles war abgemacht und
am andern Tage ſollten die kleinen gerichtlichen Förmlich-
keiten, Anzahlung e. abgemacht werden. Da erſcheinen
zwei pikfeine Herren, um das Grundſtück für ein Conſor-
tium zu kaufen. Bedauern des Herrn V., da er ſoeben
abgeſchloſſen habe. Lange Verhandlung, deren Endreſul-
tat iſt, daß die Herren 20,000 Thlr. bewilligen, um dem
erſten Käufer ein Abſtandsgeld zu bieten und gleich Herr
V. 1000 Thlr. als Draufgeld übergeben. Dieſer begibt
ſich guten Muths zum erſten Käufer, um ihn zum Zurück-
treten zu bewegen und bietet vergebens 5000, 10,000 Thlr.,
endlich bei 12,000 erweicht das Herz des Käufers; die
1000 Thlr. wandern in die Hand deſſelben und der Reſt
von 11,000 Thaler wird durch entſprechende querbeſchrie-
bene Papiere geſichert. - Herr V. hat immer noch ein
Plus von 9000 Thlrn. Aber, haben nun die pikfeinen
Herrn die Adreſſe vergeſſen oder wollten ſie Herrn V. als
unbekannten Wohlthäter 1000 Thlr. zuwenden oder ſteck-
ten ſie mit dem erſten Käufer unter einer Decke - ge-
nug, ſie vergaßen das Wiederkommen und Herr V., an-
ſtatt ſein Haus brillant verkauft zu haben, hat jetzt noch
einen Kelch von 11,000 Thlrn. zu leeren, der, da er ein
wohlhabender Mann iſt, nicht an ihm vorübergehen kann.

(Antonio Correggio.) Unter den zahlreichen be-
rühmten Künſtlernamen des 16. Jahrhunderts, jener herr-
lichen Zeit der künſtleriſchen Wiedergeburt, iſt der Name
Correggio einer der berühmteſten. Wie um jeden großen
Namen, ſo rankt ſich auch um dieſen ein populärer My-
thus und erſt der neuern Geſchichtsforſchung war es vor-
behalten, Wahrheit und Dichtung zu ſondern. Dieſer My-
thus, in Deutſchland vorzüglich durch Oehlenſchläger's
Trauerſpiel "Correggio" genährt, läßt den Künſtler an
Armuth, Mißgunſt und Verkennung zu Grunde gehen.
Thatſache iſt jedoch nur, daß er, wenn er auch nicht ge-
rade auf die große Bühne des Kunſtlebens trat, doch ſich
eines bürgerlichen Wohlſtandes und auch mancher Aner-
erkennung zu erfreuen hatte. Nach Verdienſt freilich iſt
er bei Lebzeiten nicht geſchätzt worden, aber bekanntlich
wird dieſes Sonnenloos nur den wenigſten Künſtlern und
was ſeine Zeitgenoſſen an ihm gefehlt, hat die Nachwelt
reichlich vergolten.
Antonio Allegrt, der Sitte der Zeit gemäß nach
ſeinem Geburtsorte Correggio genannt, lebte vom Jahre
1494 bis zum Jahre 1534. Man berichtet, daß er ein
frühreifes Talent geweſen ſei, das bereits in ſeinem 19.
Lebensjahre ſeine künſtleriſchen Lehr- und Wanderjahre de-
endet hatte. Die eigentliche Kunſtreiſe wurde ihm jedoch
erſt, nachdem ſeine eigenſte Jndivitualtät zur Entwickelung
gelangt war und er mit den Vorausſetzungen gebrochen
hatte, welche die kirchliche Tradition an die Malerei ſtellte.
Der Grundzug ſeines Künſtlercharakters iſt das Streben
nach Darſtellung des Sinnlich-Reizenden in vollendeter
Wirklichkeit. Jn dieſer Hlnſicht machte man an Correg-
gio gleichſam eine neue Entdeckung. "Man konnte ſich
nicht ſatt ſehen an der Natürlichkeit der Mienen und Ge-
berden, in denen der angenehme Affekt im Augenblick der
Kulmination mit überzeugender Wahrheit dargeſtellt iſt.
Das Kolorit iſt heiter wie das der Venetianer, und der
Zauber deſſelben beruht in einer zarten Reizbarkeit des
Auges für die Verhältniſſe der Farben untereinander. Aus
eben dieſer Reizbarkeit iſt auch das "Helldunkel" zu er-
klären, welches man als Correggio's Domäne zu betrach-
ten ſich gewöhnt hat."
Die berühmteſten ſeiner Werke ſind "der Tag" - die
Madonna mit dem heil. Hieronymus darſtellend - und
"die heil. Nacht", welch letzteres Gemälde neben der Six-
tiniſchen Madonna wohl der koſtbarſte Schmuck der Dres-
dener Gallerie genannt werden muß. Zu ſeinen großar-
tigſten Arbeiten gehören dann die Fresken der Kuppel und
Halbkuppel im Benediktinerkloſter S. Giovanni zu Parma,

(Submarimer Diebsfang.) Der "Petit Mar-
ſellais" erzählt folgende luſtige Geſchichte: Ein Taucher
war von dem Kaufmann S., dem ein Schiff in der Nähe
des Hafens geſcheitert war, beauftragt worden, das Wrak
nach Geld zu durchſuchen; es hatte aber den Anſchein, als
verſteckte der Taucher das aufgefundene Geld in irgend ei-
ner Felsſpalte unter dem Waſſer. Um das ſicherzuſtellen,
warfen ſich S. und einer ſeiner Freunde in Taucherge-
wänder, ſtiegen auf des Meeres Grund und ertappten den
ſubmarinen Dieb auf friſcher That. Das Zucht-Polzei-
gericht in Marſeille wird demnächſt den erzählten Fall ver-
handeln.

(Jm amerikaniſchen Staate Alaska) iſt die
Civiliſation unglaublich weit vorgeſchritten und zumal die
dortige Damenwelt hat ſich ſehr intereſſante Gewohnheiten
angeeignet. Wie nämlich ein engliſches Blatt in Colum-
bia erzählt, haben die Schönen von Alaska als Schmuck
ſilberne Ringe in den Naſen und ſilberne Nadeln in den
Unterlippen. Da dieſe Vorrichtungen beim Küſſen hin-
derlich ſind, ſo beſteht ihre Unterhaltung hauptſächlich im
Schnapstrinken und Kartenſpielen. Eheſcheidungsgeſetze
ſind im genannten Staate gar nicht nöthig, da da der
Heirathskontrakt nur auf eine Reihe von Monaten abge-
ſchloſſen wird.
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