Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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jede derartige Tracht Prügel die bei uns landesübliche
"Naſe vertritt, wird jedenfalls alljährlich eine große Menge
unnöthige Schreiberei erſpart. Der Abgeſtrafte hat übri-
gens zum Schluß der Feierlichkeit für den richtigen Em-
pfang der Prügel ſeinen Dank auszuſprechen.

auch dieſe, wie in allen ſolchen Fällen, den Sieg davon
trug, ſo geſchah es nicht ohne Kampf.
Von dieſer Zeit an wurden die Beſuche bei ſeiner Mut-
ter wieder ſeltener; die Wohnung für ſich hatte er behal-
ten, er hatte es ſo bequemer gefunden. Es ließ ſich vor
der Wittwe nicht mehr verhehlen, daß ihr Verſuch, die
Geliebte ihres Sohnes durch freundliches Entgegenkommen
zu feſſeln, fehl geſchlagen war. Frau Halter ſagte wenig
darüber, aber ihr Lebensmuth und ihr rühriger Sinn wa-
ren gebrochen. Den jungen Mann durch ein Machtwort
von Willa trennen zu wollen, daran dachte ſie nicht mehr;
ſie hatte erkannt, welche Gewalt das Mädchen über ihn
ausübte. Es war ihr nicht viel anders, als ſei Richard
todt; freilich blieb die nagende Sorge um ihn ſchlimmer,
als wäre er geſtorben.
Auch die ſeltenen Beſuche des Sohnes im Stübchen der
Wittwe hatten ſeit einiger Zeit aufgehört, da brachte ei-
nes Tages die Poſt einen Brief. "An mich?" fragte die
alte Frau verwundert, während ſie ihre Brille hervor-
ſuchte, "wer ſollte an mich ſchreiben?"
"Es iſt Richard's Hand, Mutter und der Brief kommt
aus Wien", ſagte Dorothee tonlos.
Frau Halter war in das Sopha geſunken. "Lies",
ſagte ſie leiſe, und die Tochter las,
Richard befand ſich ſeit acht Tagen in Wien. Er hatte
ſeine Stelle in der Heimathsſtadt aufgegeben, um Willa
zu folgen, welche auf einem Wiener Theater Boden für
ihre Piouretten zu finden hoffte. Sie war auch ſchon auf-
getreten und hatte, wie Richard mit Stolz hinzufügte, das
Publikum entzückt. Er ſelber habe Ausſicht auf eine vor-
zügliche Stelle, in einem der erſten Comtoirs der Stadt;
Willa ſei früher hier geweſen und beſitze viel Konnexio-
nen, ſchrieb er. Die Mutter ſtöhnte: er gehört zum Ge-
folg der Tänzerin, er hat kein Ehrgefühl mehr - er iſt
verloren."

(Die Berliner Tribüne) empfiehlt anläßlich der
neuen Ober- und des Bürgermeiſters in ihre Aemter in
ironiſcher Weiſe nachſtehendes Feſtprogramm: "Um Mit-
ternacht werden die Herren Hobrecht und Duncker
aus ihren Betten geholt und wohnen einigen Einbrüchen
und Straßenkämpfen bei. Alsdann Beſichtigung des er-
ſtürmten Polizeibüreaus in der Schönhauſer Allee und der
Baracken der Wohnungsloſen in der Haſenhaide. Es folgt
eine Droſchkenfahrt über das Pflaſter der Königgrätzer
Straße und andere Hügelketten der Kaiſerſtadt. Hierauf
Beſuch der Ausſtellung abgepfändeter Gegenſtände für rück-
ſtändige Steuern. Schließlich werden die beiden Bürger-
meiſter an den Ufern der Panke entlang geführt, worauf
ſie ohnmächtig in das neue Rathhaus gebracht werden.
(Man nimmt) gewöhnlich an, daß die Panzerſchiffe
eine Erfindung der Neuzeit ſeien; dem iſt jedoch nicht ſo;
denn ſchon die Johanniter hatten ein Schiff mit einem
Bleipanzer ausrüſten laſſen. Boſio, der Hiſtoriograph des
Ordens, macht darüber ſelbſt folgende Angaben: Das
Schiff wurde im Jahre 1530 zu Nizza erbaut und ge-
hörte zu dem Geſchwader, das von Carl V. gegen Tunis
geſendet wurde. Der berühmte Andreas Doria comman-
dirte die Expedition, welche mit der Einnahme von Tunis
endete. Das Panzerſchiff "Santa Anna" trug nicht we-
nig zu dieſem glücklichen Erfolge bei. Es führte mehrere
Kanonen, hatte 300 Mann Beſatzung und war nach da-
maligen Anſprüchen auf das Prachtvollſte ausgeſtattet. So
gab es an Bord eine - Kapelle, ein Empfangszimmer
und eine Bäckerei, welch' letztere täglich friſches Brod lie-
ferte. Das Merkwürdigſte war aber ſein mit Metallnä-
geln befeſtigter Bleipanzer, der das Schiff, das ſich oft
im heißeſten Kampfe befand, für die feindlichen Kugeln
undurchdringlich machte. Eine Abbildung dieſes merkwür-
digen Fahrzeuges befindet ſich noch heute unter den Fresken
in dem Palaſt der Johanniterritter zu Rom.

(Schluß folgt.)

Loſe Blätter
(Es iſt in China) bei den Gerichtsverhandlungen
Sitte, daß der Angeklagte auf dem Bauche liegend und
die Naſe andächtig gegen den Fußboden drückend, das Plai-
doyer anhöre. Die chineſiſchen Richter plagen ſich nicht
mit feinen Unterſuchungen ab, ob in einem gegebenen Falle
Gefängniß- oder Geldſtrafe zu verhängen ſei. Jſt der An-
geklagte ſeines Vergehens für ſchuldig erklärt, ſo ergreift
der Vorſitzende unverzüglich einen Becher voller Schickſals-
ſtäbchen, wirft durch eine raſche Schwenkung eine gewiſſe
Anzahl zu Boden, läßt ſie zählen und dem Verurtheilten
die Summe von Hieben mit einem Bambusrohr verab-
reichen. Die Prügelſtrafe iſt in China nicht mit entehren-
den Vorſtellungen verbunden, ſelbſt höhere Beamte werden
bet geringeren Verſchuldungen nicht gleich vor einen Dis-
ciplinargerichthof geſtellt, deſſen Ausſpruch vielleicht ihre
ganze künftige Carriere zu Grunde richten würde; der De-
partementschef läßt den ſtraffälligen Staatsdiener auf den
Fußboden ausſtrecken und ſeinen unteren Rücken in aus-
reichender Weiſe mit dem Bambusruhr bearbeiten. Da

(Jm Pariſer "Figaro") leſen wir folgende wahre
Geſchichte: Eine Frau wird von ihrem Manne in dem Au-
genblicke geſtört, als ſie mit einem Hausfreunde eine recht
belebte Unterhaltung begonnen. Der Letztere flüchtet ſich
in aller Eile unter das Bett, in welches ſich nach kurzer
Friſt der nichts ahnende Gatte begibt. Jn dem Augen-
blick, als er einſchlafen will, hört er unter ſich Geräuſch
und richtet ſich empor. "O", ſagt die Frau, "es iſt nur
unſer Hund." Beruhigt legt ſich nun der Gatte wieder
nieder, ruft das Hündchen und ſchnippt nach ihm mit den
Fingern. Der Hausfreund, in Todesangſt, daß er entdeckt
werden könne, macht die Jlluſion vollſtändig, indem er
zärtlich die Hand des furchtbaren Othello leckt, bis dieſer
ſanft entſchlummert.
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