Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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iſt Dein Verdienſt oder vielmehr Deines Säckels, Johann,
auf Weiteres aber darfſt Du keine Anſprüche machen."
"Auch Dich hat er für ſich eingenommen, wie ich ſehe;
früher urtheilteſt Du anders, Jakob!"
"Weil ich ihn nach dem beurtheilte, was Du mir von
ihm ſagteſt, Johann; jetzt aber habe ich ihn kennen ge-
lernt, ſein Gemüth und ſeinen Geiſt erforſcht bei einem
Becher Wein, im offenen, traulichen Zwiegeſpräch, und
ſeitdem ſchätze ich ihn, wie ich nur je einen Menſchen ge-
ſchätzt habe und warne Dich, ihn in Ehren zu halten, denn
üble Behandlung erduldet ſo ein gewaltiger Mann nicht.
Geh' gut mit ihm um, ſchone ſeine Eigenheiten, denn ſonſt
entſchlüpft er Dir."
"Jch halte ihn am goldenen Faden", ſagte Johann
Fuſt lächelnd: "er ſchuldet mir bereits achthundert Gold-
gülden und hat mir ſein Geräth dafür verpfändet, und
jetzt verlangt er noch ehr, da ſie aufgezehrt ſind und er
ſich nicht zu helfen weiß."
"Wirſt Du ihm das Verlangte geben?" forſchte Mei-
ſter Jakob, dem es in der Seele weh that, einen Mann
in der Noth zu wiſſen, den er ſo verehrte, wie den Junker.
"Wohl werde ich, ſeitdem ich die Gewißheit habe, daß
das Unternehmen alle Auslagen reichlich vergüten wird;
überdieß habe ich ja das Pfand, das mich ganz ſicher
ſtellt."
"Du thuſt gut daran; auf die Länge aber, ſo fürchte
ich, wird dieſes Verhältniß doch nicht Stand halten; denn
Jhr, Du und der Junker, ſind zu verſchiedenartiger Na-
tur, als daß Jhr lange in Frieden miteinander leben
könntet."

lich ſein müſſe, dieſelben nach gewiſſen Kategorien einzu-
theilen. Je mehr er nun auf dieſen Gedanken einging,
um ſo deutlicher zeigte es ſich, daß faſt ſämmtliche De-
peſchen ſich nur auf Familien-Angelegenheiten
oder Geſchäfts-Angelegenheiten bezogen. Nach
dieſen beiden Seiten hin begann er nun alle nur mögli-
chen Depeſchen mühſam zuſammenzuſtellen und zu ordnen,
ſo beiſptelsweiſe bei Famtlien-Depeſchen die nur denkbaren
Fälle vei Geburten, Krankheiten Todesfällen, Geneſungen,
Abreiſe, Ankunft rc., bei Geſchäftsdepeſchen die einzelnen
Fälle des Kaufs oder Verkaufs u. ſ. f., bis er dahin ge-
langt war, allein z. B. 600 Familiendepeſchen zu beſitzen,
die er dann mit fortlaufenden Zahlen bezeichnete. Da
nun dieſe Depeſchen gewöhnlich auch Namen enthalten, ſo
ſammelte er auch dieſe und gab ihnen weiterlaufende Zah-
len. Es iſt nun klar, daß wenn auf der Aufgebungs-
und Ankunftsſtation daſſelbe Verzeichniß vorhanden iſt,
die Depeſchirung von zwei Zahlen genügt, um ſofort und
untrüglich aufzufinden, welches Familien-Ereigniß oder
dergleichen ſtattgefunden hat, und welchen Namen die be-
treffende Perſon trägt. Jn gleicher Weiſe würde die De-
peſchirung einer andern Zahl ebenſo angegeben haben, wel-
cher Auftrag in geſchäftlicher Beziehung zum Kauf oder
Verkauf oder dergleichen gegeben worden iſt. Die Depe-
ſchtrung derartiger Zahlen ſchien dem Erfinder jedoch eben-
falls noch zu lang und zugleich dabei zu unſicher. Er be-
nutzte daher das bekannte mathematiſche Ergebniß, daß
ſämmtliche 24 Buchſtaben des Alphabets bis auf nur dret
Elemente mit einander permutirt über 14,000 verſchiedene
Poſten ergeben. (Jeder einzelne Buchſtabe von a bis
giebt die Zhlen von 1 bis 24; dann verbindet man den
Buchſtaben a wiederum mit den 24 Buchſtaben, alſo aa,
ab, ab, ad bis az und weiter ba, bb, be, bd bis b2.
ferner ca, eb, cc, ed, ce, ck bis e und ſo fort auch
zu drei Buchſtaben aaa, aba, aca, ada bis a7a, bis
obiges Geſammtreſultat von über 14,000 entſteht.) Hier-
durch gelangte er zu dem Reſultat, durch zwei, reſp. drei
Buchſtaben jede beliebige Zahl bis 14,000 ausdrücken zu
können oder aber durch zwei reſp. drei Buchſtaben den
Jnhalt von 14,000 verſchiedenen Ausdrücken (Depeſchen e.),
die lexikographiſch geordnet ſind, auf das Untrüglichſte be-
zeichnen zu können.
Man erſieht, daß auf dieſe Weiſe ſchon Außerordent-
liches gewonnen iſt, indem die Depeſche ſelbſt nur durch
wenige Buchſtaben wiedergegeben werden kann, es bleibt
daher nur noch die Bezeichnung des Abſenders und des
Adreſſaten übrig. Auch hierfür hat Herr Bernſtein noch
eine treffliche Erleichterung oder doch Vereinfachung er-
dacht. Er nimmt an, wie es ja auch erfahrungsmäßig
feſtſteht, daß der Telegraph faſt nur zum Verkehr mit
Bekannten, ſeien es Familien- oder Geſchäfts-Bekanntet
benutzt wird und daß ein Vater oder Geſchäftsmann recht
wohl vorausſetzen kann: mit meinem Sohne in London
oder mit meinem Geſchäftsfreunde in Paris werde ich jähr-
lich mindeſtens, ſagen wir, ſechs Depeſchen wechſeln. Er
abonnirt nun, weil durch das Abonnement die Depeſche
bedeutend billiger wird, Herr N. N. in Berlin auf jähr-
lich 6 Depeſchen an Herrn L. L. in London. Bei der Be-
zahlung des Abonnements erhält Herr N. N. eine be-

(Fortſetzung folgt.)

A. Bernſtein's neueſte Erfindung auf dem
Gebiete der Telegraphie.
(Schluß.)
Bernſtein's Syſtem gipfelt mit einem Wort
allein ineinergroßartigen Vereinfachung der
bisherigen telegraphiſchen Uebermittlung;
ſtattderbisher üblichen Uebermittlung ſämmt-
licher Buchſtaben einer vielleicht 20 Worte
umfaſſenden Depeſche, verlangt Bernſtein
nur die telegraphiſche Uebermittlung von 5, 7
oder 11 Buchſtaben, durch welche eben ſo ſicher
und klar der Geſammtinhalt der Depeſche
wie dergegeben wird. Klingt denn dies nicht ganz
unglaublich? Durch 5-11 Buchſtaben ſoll nicht weniger
ſicher das ausgedrückt werden, wofür gegenwärtig minde-
ſtens 50 - 30 mal ſo viele Buchſtaben erforderlich ſind.
Und iſt es nicht unmittelbar verſtändlich, daß, wenn dies
möglich iſt, eine Umwälzung im telegraphiſchen Verkehr
eintreten muß, daß daſſelbe Beamtenperſonal mit denſel-
ben Apparaten 20-30 mal ſo viel zu leiſten im Stande
iſt, und daß der bisher theure Gebrauch des Telegraphen
ungemein billiger werden muß.
Jn ſeiner langjährigen Beſchäftigung und Beobachtung
des telegraphiſchen Weſens hatte Bernſtein bald erkannt,
daß eine unglaublich große Anzahl von Depeſchen ſich täg-
lich faſt in ihrem Wortlaut wiederholen und daß es mög-
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