Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Mittwoch, den 14. Auguſt 1872.

5. Jahrg.

Crſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 2 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonntrt in der Druckeret, Sch. ſſe4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Johannes Guttenberg und Peter Schöffer.

(Fortſetzung.)

ſolchen, wie er ihn haben wollte, und bereute es jetzt
bitter, den jungen Mann ſo hart behandelt zu haben.
Er hatte, das ſah er ein, eine falſche Rechnung ge-
macht, indem er den Charakter Schöffers verkannt, und
ſeine Fähigkeiten, die dieſem nothwendig einen gewiſſen
Stolz verleihen mußten, nicht gehörig gewürdigt hatte.
Schöffer konnte, das war ihm klar geworden, keine ab-
hängige Rolle mehr ſpielen, konnte ſich nicht mehr un-
terordnen, ſeit ſeinem Geiſte und Genie die Schwin-
gen gewachſen waren; ſo war auch dieſer, und mit
ihm die Ausſicht auf Ruhm und Gewinn für ihn ver-
loren, wenn er ihn nicht wieder mit ſich auszuſöhnen,
ja, durch unauflösliche Bande an ſich zu ketten ver-
ſtand.

Dies verletzte den ſtolzen Mann, der durch ſein
Anſehen und ſeine Reichthümer ſtets ſeiner Umgebung
zu imponiren gewohnt war, zwar nicht wenig; allein
es flößte ihm zu gleicher Zeit eine Achtung gegen
Schöffer ein, die er vergebens zu bekämpfen ſuchte,
und die ſelbſt mächtiger war, als die, welche Gutten-
berg in ſeiner ruhigen Größe als gerechten Tribut von
ihm fordern durfte.
Auch machte dieſer Letztere kein Geheimniß daraus,
was die neue Kunſt ſeinem ſinnreichen, hochbegabten
Gehülfen zu verdanken habe, ſchon deßhalb nicht, weil
er Schöffer'n ſein Wort gegeben hatte, ſeiner Liebe auf
ſolche Weiſe, wenn auch auf keine andere, Vorſchub zu
leiſten. So oft alſo Fuſt, der mit lauerndem Auge
und Ohre überall hinſpähte, dieſes oder jenes zu er-
forſchen ſuchte, wurde er mit den offenen Worten von
dem Junker zurückgewieſen: "Das geht Euch nichts an,
Herr Johann Fuſt; das ſind unſere Geheimniſſe, die
wir zur Zeit Keinem, alſe auch Euch nicht mittheilen
werden. Die Produkte unſerer Kunſt, inſofern Jhr
Geld zu deren Hervorbringung anſchafft, gehören zum
Theile Euch an: über die Waare habt Jhr zu gebie-
ten - über das in uns, was ſie hervorgebracht hat,
aber nicht."
Solche und ähnliche Reden des Junkers, die ohne
Hochmuth, aber mit Feſtigkeit und Ruhe geſprochen
wurden, machten die Kluft zwiſchen dieſen beiden ſo
verſchiedenartigen Männern immer größer; Fuſt ſah
ſich von Guttenberg verachtet, ſah ſich von dieſem ge-
waltigen Menſchen auf den Platz hingewieſen, der ihm
zukam, und zurückgeſtoßen, ſo oft er den Verſuch machte,
einen höhern einnehmen zu wollen.
So entſtand jener glühende Haß gegen Guttenberg
in ihm, der in der nächſten Zeit zur lichten Flamme
ausbrechen und einer ſo unnatürlichen Verbindung auf
immer ein Ende machen ſollte.
Jndeß befand ſich Fuſt in großer Verlegenheit, da
er ſchon damals die Nothwendigkeit einer Trennung
von Guttenberg zu begreifen anfieng, weil er nicht nur
ein bloßer Geldmenſch, ſondern auch ein von brennen-
dem Ehrgeize beſeelter Mann war, von jenem erbärm-
lichen Ehrgeize aber, der ſich nur äußerlich geltend zu
machen ſucht; denn er ſah ſeinen Plan ſcheitern, ſich
in Schöffer einen andern Handlanger zu erziehen, einen

Wie aber ſollte dies bei dem ruhigen, abweiſenden
Weſen Schöffers gegen ihn, bei dem ſichtbaren Wider-
willen, den auch dieſer gegen ihn, zwar nicht in Wor-
ten, doch durch ſein Betragen an den Tag legte, be-
werkſtelligt werden? Jhm blieb zwar noch eine Hoff-
nung, das früher von ihm ſelbſt zerriſſene Band wie-
der anzuknüpfen: Chriſtine; allein auch dies war nicht
dazu geeignet, ihn völlig zu beruhigen, denn der junge
Mann hatte auch nicht den leiſeſten Verſuch gemacht,
ſich der Geliebten wieder zu nähern, und nie kam ihr
Name in ſeiner Gegenwart über ſeine Lippen; nie
äußerte Schöffer auch nur entfernt den Wunſch, Fuſt's
Haus wieder zu betreten, und daß die jungen Leute
ſich nicht heimlich ſahen, das wußte Keiner beſſer, als
er ſelbſt, da er die Tochter in der erſten Zeit der Tren-
nung von dem Manne ihrer Liebe mit Späheraugen
bewacht und jeden ihrer Schritte belauſcht hatte, was
er um ſo wirkſamer in Ausführung bringen konnte, da
ſie nicht wußte, daß ihr zartes Geheimniß keins mehr
für ihn ſei.
Er war alſo völlig irre an Schöffer geworden, und
glaubte, annehmen zu müſſen, daß es dieſem nie Ernſt
mit ſeiner Bewerbung um Chriſtinens Liebe geweſen,
oder daß ſie jetzt doch gänzlich von ihm vergeſſen ſei.
Er konnte, trotz aller ſeiner Klugheit und Feinheit,
auch die eigene Tochter nicht mehr ergründen; denn
Chriſtine, von der er wußte, wie heiß ihr Herz Schöf-
fer liebe, und deren von ihm nur zu wohl gekannter
Charakter nicht auf Wankelmuth ſchließen ließ, war
ruhig und geſaßt, ja zuweilen ſogar heiter, obgleich er
ſie von dem Gegenſtande ihrer innigen Zuneigung ge-
trennt hatte.
Freilich hatte ſie mit der ihr eigenthümlichen Feſtig-
keit und Entſchiedenheit die Hand eines andern Man-
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