Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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eeielheraer ollszlatt.
1- -

Nr. 75.

Mittwoch, den 18. September 1872.

5. Jahrg.

rſcheint Mittwoch und Samſcag. Preis monatlich 12 kr. Einzelne Nummer à 2 kr. Man abonnirt in der Druckerei, Schtfſgaſſe4
und bei den Trägern. Auswärts bei den Landboten und Poſtanſtalten.

Die Zuchthäuslerin.

Novelle von J. Krüger.

(Fortſetzung.)

flattern dann, wie leichte Nebelwolken, die von dem
erſten Sonneſtrahle verſcheucht worden."
"Du magſt Recht haben, lieber Vater," erwiderte
Emilie. "Aber ich danke doch dem Himmel, daß er
mein Herz ſo weich bildete, nm für Bertha innige
Schweſterliebe zu empfinden. Das Bewußtſein, daß ſie
in meiner Geſellſchaft manche glückliche Stunde verlebt,
wird ſie ſtets zu den theuerſten Erinnerungen meines
Lebens zählen."
Der alte Herr ſchloß Emilie gerührt an ſeine Bruſt
"Gott wird Deine Zukunft ſegnen," ſagte er. "Denn
das wahrhaft Gute ſindet ſeinen Lohn in der Seele
deſſen, der es thut. Und nun laß uns von unſerer
Bertha Abſchied nehmen."
Er küßte noch einmal die kalten blaſſen Wangen
der Todten, und als Emilie ein Gleiches gethan, ſchrit-
ten Beide, die Häupter geſenkt, zum Trauerſaal hin-
Us. -
Jetzt war nur noch ein lebendes Weſen, der vorer-
wähnte Diener an der ſtillen Stätte.
Wie die Thür ſich hinter ſeiner Herrſchaft geſchloſ-
ſen, begab ſich derſelbe in eine Ecke des Saales.
Dort ſtand ein weichgepolſterter bequemer Lehn-
ſtuhl.
Friedrich ließ ſich in denſelben nieder
"Fatale Commiſſion," brummte er, "bei einer Leiche
zu wachen. Es iſt mir immer, als müßte ſie ſich aus
dem Sarge erheben und mit offenen ſtarren Augen auf
mich zukommen. Das ſind Gedanken, die mich fiebern
machen. Zum Glück habe ich dafür geſorgt, daß ſie
mich nicht unterkriegen."
Er zog eine Flaſche Wein und ein Glas aus der
Seitentaſche ſeiner Livree, ſchenkte das letztere voll und
trank es in einem Zuge aus.
Dem erſten Glaſe ließ er bald ein zweites, dann
ein drittes und ein viertes folgen, ſo daß die Flaſche
nach einer halben Stunde geleert war.
Da er ſtarken, betäubenden Wein gewählt, über-
kam ihn nach Verlauf von ein paar Stunden eine ſo
ſtarke Schlaftrunkenheit, daß er nur mit Mühe die
Augen offen hielt. Aber er kämpfte vergebens gegen
den Schlaf an.
Noch eine Stunde verrann, da ſank er in den Lehn-
ſtuhl zurück und war nach wenigen Minuten feſt in
Schlummer geſunken.
Zu derſelben Zeit, wo dieſer Wächter ſo ſchlecht
ſeine Pflicht erfüllte, es mochte um die eilfte Stunde
der Nacht ſein, lag die kleine Tochter des Schulmei-

"Du folgſt uns wohl mit Emilie. Das gute Kind
ſchwimmt ja ganz in Thränen. Auch ihr wird Ruhe
und ein zerſtreuendes Geſpräch gut thun.
"Nur noch wenige Minuten laß mich hier weilen,"
verſetzte Herr von Handorf. "Es iſt der letzte Anblick.
Jſt der Deckel des Sarges geſchloſſen, werde ich das
arme Kind ja niemals wiederſehen."
"Jch bleibe noch bei Dir, ieber Vater," flüſterte
die ſanfte Emilie ihm zu.
Die kaltherzige Frau ließ ihren Gatten gewähren.
Sie winkte ihren Söhnen und verließ mit ihnen die
Trauerſtätte.
Beate Dölling folgte mit der Dienerſchaft und die
Landleute entfernten ſich ebenfalls. Sie hatten ihre
Neugier, eine prunkvoll verzierte Leiche zu ſehen, be-
friedigt. Aus keinem andern Grunde waren ſie hier-
hergekommen.
Außer Herrn von Handorf und Emilie blieb nur
noch ein Diener zurück. Die Herrin des Schloſſes hatte
ihm befohlen, die Nacht über bei der Leiche zu wachen.
Der Greis beugte ſich auf's Neue über die ent-
ſchlafene Tochter.
"Arme Kleine," ſagte er, "Deine Mutter, Deine
Brüder haben Dich nie geliebt. Du wirſt bald ihrem
Gedächtniſſe entſchwunden ſein. Aber Dein Vater wird
Dich nie vergeſſen. Du warſt nicht ſchön, die Natur
hatte Dir keine Geiſtesgaben geſchenkt. Aber Du be-
ſaßeſt ein Herz, das treu an Denen hing, welche Dir
Liebe und Mitleid zollten."
"Ja, ſo war es lieber Vater," ſagte Emilie. "Ber-
tha's Augen ſtrahlten vor Seligkeit, wenn ich ſie lieb-
koſend in die Arme ſchloß. Ach, ich durfte es nur dann
thun, wenn ich allein mit ihr war. Die Mutter ſagte
immer, Du und ich verzögen ſie. Jch habe oft bitter-
lich geweint, daß ſie ſo hart gegen das arme Geſchöpf
war."
"Gott hat nicht alle Herzen gleich geſchaffen," ſagte
er entſchuldigend. "Und es iſt vielleicht ein Glück, daß
Deine Mutter nicht ſo tief fühlt, wie wir. Die Schmer-
zen und Leiden, die das Leben mit ſich bringt, ver-
düſtern ihr den Horizont nur auf kurze Zeit und zer-
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