Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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beigeholt, ſtanden auf einer Tribüne neben dem Ein-
gange. Die ziemlich zahlreiche Dienerſchaft, feſtlich ge-
kleidet, bildete Spalier.
Mehrere Freunde und Freundinnen aus der Nach-
barſchaft hatten ſich auch eingefunden, das junge Paar
zu begrüßen. Der Freiherr, ſeine Gemahlin und Al-
fred hatten den Platz unter dem Portale gewählt. Un-
fern von ihnen befand ſich Fräulein Herbert mit ihrem
Zögling. Mariens Pflegevater hatte gewünſcht, daß
auch ſie beim Willkommen freundliche Worte an Emilie
richteu ſolle.
Die Kleine hatte zu dieſem Tage einen neuen, zwar
ſehr einfachen, aber doch modern geſchmackvollen An-
zug von dem alten Herrn zum Geſchenk erhalten. Jhr
glänzendes Haar, mit einem Kranz von natürlichen
Roſen geſchmückt, fiel in reichen Locken auf ihre Schul-
tern hernieder. Der Greis hatte dieſen Schmuck ge-
wollt und die Erzieherin war dabei thätig geweſen.
Obwohl Marie ſich nicht vordrängte, waren die
Blicke der anweſenden Freunde der Familie doch auf
ſie gefallen und alle erklärten, nur ſelten ein ſo lieb-
liches Geſchöpf geſehen zu haben. Selbſt Alfred, der
Sohn des Hauſes, der ſich bis dahin wenig oder gar
nicht um den Pflegling ſeines Vaters bekümmert, ver-
ſchlang ſie faſt mit den Augen. Seine Gedanken wa-
ren: Alle Wetter, die muß famos ausſehen, wenn ſie
erſt ausgewachſen iſt.
Die Geſellſchaft hatte nicht gar lange zu warten.
Das Rollen eines Wagens von der Fahrſtraße her
wurde hörbar.
"Sie kommen, ſie kommen!" ertönte es in dem
fröhlichen Kreiſe.
Wenige Minuten ſpäter fuhr die Reiſekaleſche, in
der Graf von Herbſtau, ſeine Gattin und der alte Graf
ſaßen, in den Schloßhof. Letztgenannter Herr war ihnen
entgegengeeilt, um den erſten Willkommenskuß von ſei-
nem Sohne und der holden Schwiegertochter zu em-
pfangen.
Lauter Jubel, von den Klängen der Muſik beglei-
tet, erſcholl.
Die glücklichen Reiſenden ſtiegen aus. Zahlloſe Um-
armungen folgten. Dann wollte Emilie mit ihrem
Gatten das Schloß betreten.
Ehe das aber geſchah, trat Marie, die bisher den
Augen der jungen Gräfin noch verborgen geblieben, auf
einen Wink des Freiherrn ſchnell an ſie heran, knirte
und ſprach ſchüchtern, aber mit ſeelenvollem Tone ein
kurzes Begrüßungsgedicht, das Fräulein Herbert für
ſie verfaßt hatte
Die letzten Zeilen deſſelben beſagten, daß Herr von
Handorf die väterliche Waiſe in Schutz genommen und
enthielten die Bitte, ihr nicht zu zürnen, daß ſie es
wage, mit dieſen unbedeutenden, aber gutgemeinten
Verſen ſie zu begrüßen.
Dieſe Bitte war überflüſfig. Emilie, die Marie
augenblicklich wiedererkannte, war entzückt von dem
holden Weſen des Kindes. Sie umarmte und küßte
Marie und ſagte dann laut und freudig zu ihrem
Vater:

"Papa, das haſt Du gutgemacht. So habe ich ja
wieder ein Schweſterchen bekommen, das meine Liebe
verdient, und welches auch mich lieben wird. Schicke
mir Marie, ſo oft es angeht, nach Herbſtau. Es wird
mir viel Vergnügen gewähren, das liebliche Kind auf
ein paar Tage bei mir zu ſehen."
Die jungen Gatten und der alte Graf von Herbſtau
blieben drei Tage auf Handorf, die durch verſchiedene
ihnen zu Ehre gegebene Feſte ausgefüllt wurden. Jn
der Zeit hatte der Freiherr Gelegenheit gefunden, die
Gräfin von der Abneigung ihrer Mutter gegen Marie
Reiner zu unterrichten.
Emile verſprach vermittelnd aufzutreten. Was ſie
beabſichtigte, gelang ihr wenigſtens ſo weit, daß Frau
von Handorf, die der innigen Bitte der reizenden Toch-
ter nicht zu widerſtehen vermochte, der kleinen Reiner
mit ihr zu ſprechen vergönnte und ihre Hand nicht
mehr mit dem feinen Spitzentuche abwiſchte, wenn Ma-
rie ſie geküßt hatte. Aber ihre Gunſt in erhöhterem
Grade zu erwerben, ſollte ihr erſt viele Woche nach
der Abreiſe der Gräfin von Herbſtau nach dem Gute
ihres Mannes gelingen. Und dazu mußte ein uner-
warteter glücklicher Zufall die Hand bieten.
Eines Tages waren die Lehrſtunden, welche Marie
von ihrer Gouvernante erhielt, früher als gewöhnlich
beendigt.
Die Kleine hatte ihre Aufgaben in fremden Spra-
chen mit erſtaunlicher Schnelligkeit und ſo zur Zufrie-
denheit der Lehrerin gemacht, daß dieſe ihr erlaubt
hatte, die Zeit bis zur einbrechenden Dämmerung im
Schloßgarten zu verbringen, wo Marie einige Beete
beſaß, die ihr von ihrem Pflegevater zugewieſen wor-
den. Sie durfte dieſelben gleichſam als ihr Eigenthum
betrachten und konnte darauf ſäen und pflanzen, was
ihr beliebte.
Die Beete zeigten jetzt ſchon eine Fülle der ſchön-
ſten Frühlingsblumen. Sie waren gediehen, denn der
alte Schloßgärtner, mit dem Marie gern und freund-
lich plauderte, hatte ihr die Blumen pflanzen helfen.
Er hatte ſie gelehrt, wie ſie zu behandeln wären,
ſollten ſie nicht allzu ſchnell in der warmen Jahreszeit
dahinwelken.
So oft die Kleine im Garten war, machte ſie ſich
bei dieſem, ihrem Lieblingsplätzchen, zu ſchaffen.
Der Freiherr hatte für ſie eine kleine Gießkanne
aus der Stadt kommen laſſen und der Gärtner ihr
eine Blumenſcheere beſorgt, um die vertrockneten Sten-
gel und Blätter damit abzuſchneiden.
Wenn Marie an ihrer kleinen Pflanzung herum-
hantierte, dann leuchteten ihre Augen vor Vergnügen
und ihre feinen roſigen Lippen trällerten heitere Me-
lodien, die ſie von Fräulein Herbert auf dem Clavier
hatte ſpielen hören.
Oft auch ſprach ſie mit den Blumen, als wenn es
lebendige, vernünftige Geſchöpfe wären, welche ſie zu
verſtehen vermochten und gab ihnen allerhand Schmei-
chelnamen.
Die größte Freude aber, die ſie an ihrer Schöpfung
hatte, war, daß ſie ihrem Wohlthäter, dem alten Frei-
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