Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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' Poütische Umscbau-

Heidelderg, 31. Zuli

» Währcnd m den letzten Wochen die all-
gcmeine Ansmerksamkeit in Dcutschlanv auf
den iunern Conflict und dksscn cndlichen AuS-
gang gerichtet war, haben stch in andern Ländern,
der alten und neuen Wclt, n>c»n auch nicht
ebenso erhebliche, doch immcrhin nicht unwich-
tige Begebcnheiten zugctragen. Bor Allem
zählen wir dahin die glückliche Bollendung dcr
Legung ded CabcltaucS (nach mehreren voraus-
8-gangenen verunglücktcn Dersuchen) zur Her-
stellung einer telegraphischen Berbindung zwi-
schen Europ» uud Amerika. Ju dcr Union
flnd die inuern Zwistigkeiten zwischen Präst-
dent und Eongreß, zwischen Demokratcn und
Republikaner noch nicht zu Ende, und Präst-
deut Zohnson nimmt noch sortwährcnd eine den
Südstaalcn zugeneigte St-llung ein, Jn Eng-
land hat die Anbahnung der schon lange im
Gang bestudlichen Reform zum offenen AnS-
bruche von Thäüichkcitcn gesührt- Blut ift ge-
fiossen, da ein i» London entstandcner Auslaus
von dcr Polizei uuo dem Mllitär mit Geivalt
auseinander getricben werden svlilc — Spa-
nicn ist noch nicht zur Ruhe gckommcn; fort-
währcnd hört man noch vop Militärverjchwö-
rungcn und Ausftinden; auch ist neuerdingS
wieder ein Wechsel des Ministeriuma crsolgl-
— Jn Rumänien schcint die der Vollendung
nahe geglaubte Verständigung mit dcr Psorte
mißglückt zu scin, und der nene Fürst trachtet
nun, sich vvn der Souveriiiität deS SultauS
ganz unabbingig zu machen, indcm er zuglcich
einc sehr prononcirtc Slellung gege» Oester-
rcich angcnommen hat. Nicht unmöglich ist eS
untcr diesen Umstinden, daß auf den kaum be-
endigteii Krieg im Westen EuropaS neue crnste
Vcrwicklungen im Osten dicseS Weltlheils nach-
fvlgen werdcn-

Vo>» KriegSschauplatz.

Berlin, 28. Juli. Nach amtlicher Angabe
betrigt der Gesammtverlust der zwciten Armee
(unter dcm -Ikronprinzen) vom 27. Juni biS
zum Waffcnstillstand 87 Osficicrc, 1138 Mann
todt; 261 Officicre, LS42 Mann vcrwundet;
2 Officicrc, 1888 Mann vermißt. (Köln. Z.)

Ikikolsburg, 29. Juli. (Uebcr PariS.)
Heute wurden die Ratificationen deS Waffen-
stillstandeS mit Oesterrcich auSgewechsclt. Der
mit Bayern abgeschloffeue Waffenstillstaud geht
biS zum 2- August.

Prag, 29. Juli. (Uebcr PariS.) Von
Lhcresienstadt kommende Oesterreicher sprengten
die Pseiler der Elbbrücke in die Lust. Nach
Privalnachrichten aus Laubliz wurden 89 dort
statiouirte Prcußcn 'und die Telegraphenbeam-
ten von dcn Oesterreichern gesangen gcnommen.

Würzburg, 27. Juli. Nach zwcistündi-
gem Bombardcmcnt — wobei der rechte Flügel
der Festung Marienberg, daS sogenannte Com-
mandantschastSgcbiude in Brand gerieth, und
vicle Hohlgcschossc in die Stadt (dicsscitS deS
MainS?) ficlen — wurden die Batterien dcr
Preußcn aus Höchberg zu und auf dem soge-
uannten Hexenbruch zum Schweigcn gebracht.

Minuten NachmittagS zuerli auf Bufl, 'späler aaf
San Bndrea zurnckzog- Zwcl fclner Panjerschlffe
waren in Beand geratden, cS glücktc lhm zwar,
betde außer Schußbereich zu brtngen, doch flog etnes
derselben, „Paleftro", um 2 Uhr Nachmiltags ln
dle Luft. Ss war der großartlgste Anbltck, den lch
bis ietzt erlrbt habc. Der Panzer sprang aus dem
Waffer, ein furchtbarer -stnall und elnc niehrere
hunbert Kuß hohe dichtc Rauchsäule bezeichnetrn
den Oet, wo dee Keind fetne zweite Panzersregatte
binncn Z Stunden vernichtrt sah.

Dte Klvtten btldeten nun auf eine Entftrnung
von 2'/,—3 Seemeilen Schlachtordnung; wir er-
warteten irtzt einen crneuerten Angrlff, deiln wtr
hatten tinen um 300 Skanoncn überlegenen Felnd
beflegt, Die surchlbaren D-rluste schelnen j-doch
dic ttali-nlsch- Klotte bewogen zu batzin, den Kampf
fne heute gänzli« aufzuaeden, fie intseente fich im.
mer m-dr nnd mibr, Wlr setzten nu» um 8 Uhr
RachmlttagS SurS >n dem Hasen von Liffa, wo
wtr gegen 7 Uhr Abends elnllcfrn.

Gestern (21) Rachmittags sand dte Beerdlgnng
bee 3l Beaven statt, dt, den Hetdentod gestordcn
flnd. Mit Itefbcwegtem Herzen trnaen wir unsrre
gefallencn Waffenbrüder unter dem Donner unferer
skanoncn zu Grabc. Lcider tst febr zu hefürchtrn,
daß noch manche der Schwcroerwundeten nachfolgen
werden. Gkstern um halb 9 llhr AdendS vertießen
«tr Liffa; lch boffe, wlr treffen noch b-u!- Abend
in Pola, refpeetio- anf der Rhede oon Falana, etn.

Nach dem hier vernehmbaren Klcingewehrseuer
zu schließcu, werdcn die Prcußen von unjerer
Znsanteric versolgt- Genrrat v- Hartmaun jolt
xrcußlsche Munifio» crkeutet haben. Bielleicht
jall diescr Angriff drr Preußen anf die Festung
nur ihre wirkkichen Absichten maskiren, die wohl
aus Eroberung der Ansbacher Bahn gehen.

Bamberg, 28. Juli, Nachm. Die Preu-
ßen haben in Eulmbach die Thore besctzt und
flnd in Heßdors und Biudloch bei Bayreuth
eiiigerickt. (B.aycr. Ztg.)

Tauberbischofsheim, 28. Juli. Zn
einem der abgebraunten Hiuser fand man die
verbrannten Gcdeine von acht Menschcn und
die Reste »on einigril Zündnadelgcwehren; ei
ist wahrscheinllch, daß solcheS preußische Vcr-
wundete waren, welchc im Hause lagen und so
raschen Tod sandcn- (M- I.)

Gerchsheim, 28. Zuli. Ein starkcs und
blntigeS Gcsecht zwijchcn Bayern, Würtembrr«
gern, Badnern, H-ffcn einerscits und Preußen
anderseitS hat dahicr staNgefundcn und große
Bcrluste, yauptiichfich aus preußischer Seil»,
zur Folge gehabt. Hinler unserm Orle gegcn
den Kilstcrwald war der Zusammenstoß Ulid
schlugen stch die süddcutschcn Truppen mit einer
Bravour, welchc-dcn Gegneiii Achiung ciiiflößtc.
Von Baocn waren Theile dcS 1, und 3-Dra-
goirerregimciltS, namenfiich aber Artillerie im
G-f-cht, di- letztere fügte den Preußen grohen
Schaden bei. Hailpliiiaiui Deimting ließ preu-
ßischc Cürajsiere ziemlich nahe aii tcine Batteric
heranjprengen, dann ader richtcte er cin Kar-
titschenfcuer gegcn dieselben, daS schreckliche Ver-
heerungen anstcllte. Ganzc Haufen von todtcn
Pferden lagen wie cin Wall da und bezeichne-
lcn die Tetc dkS angreifeiiden Regiments- Jn
Großrindcrfeld liegcn Kirchen, SchulhauS und
RathhauS voll von Verwnndeteii, cS sind wohl
an 809 dasclbst nnd genießl greund und Fcind
die glciche Pflcge, an der sich bejondcrs barm-
hcrzigc Schwestern bethciligcn, Ma» hat auch
hier bcmerkt, daß di- Preußkli »or All-M sn-
ch-n, ihre Todten zu degraden, jo daß über
deren Zahl der Fcind keine Kunde hat. Unscr
Orl hal großcn Schaden gehavt, eö ist nichts
EßbareS nichr zu findeii, Groß- uild Ktciilvich,
Geflügel, Mehl, AlleS wurde wcggenommcii,
sogar kaum ein Tcllcr oder cin Glas war h-r-
nach noch zu haben. (M, I,)

Boxberg, 29. Juli- Hcute gehc» 70 Wa-
g-n mii Lirserungen an dik preußischc Armee
ad. Der dieffeitige AmtSbezirk hal zu liefern:
12,000 Laib Brod, 1200 Centner Hascr und
60 Ochsen. Die Li-ferung sollle ansinglich nach
GerchSheim g-jch-hcn, wnrde aber durch eine
heutc Mittag angckommen- Extra-Staffette uach
Würzburg (?) bcordert

Nachschrift: Socbcn (i Uhr) sprengt wür-
tembergische und badijche Cavallerie hier ein
nnd nahmen den ganzen Wagenzug mit Brod,
Hafer und die Ochfcn in Bcschlag, und eöcor-
tiren die für Preußcn bestimmtc Lteferung nach
Mcrgenthcim- Die prcußische Staffette nahm
RciSauS über Wölchingen und Uesfingen.

(N- B. L.-Z.)

Bon der Tauber, 29-Znii. Die Nach-
richtcn vom KriegSichauplatz nehmen Erweite-
rungen an, die hinter den bcreitS gemeldeten
Gcrüchten nicht zurückbleibcn, Wd sollen heute
früh 2 Todte nach Sachjeiipur gehpacht wor-
den sein, die oon ihren Eltcrn vdm Schlacht-
fclde abgeholl wurden, um sie in dem HcimathS-
ort zu bcgrabcn. Die Bekümmerniß derjenigen,
wrlche Angehörlgc im Kampse hatiin oder noch
habcn, ist groß. Wer iußerst ka»n, eilt auf
den KricgSschauplatz, um fich Gewißheit über
das Schicksal seineS SvhncS oder Bruders zu
veijchaffen. Der Wid-rstanb der Unjrigen muß
surchtbar gewcsen sein; anch flnd die Preußcn
üb-r den enormen Verlust an Todtcn und Ber-
wundeten in iußerst g-r-iztcr Sfimmnng- Jch
habe Aeußernngen hicrüber sclbst gchört. GerchS-
h-im besttzt an Bich nich!» mchr. Ochscn, Küh-,
Rinder, Schweine, Hühner, Ginse rc., LlllcS
»erzehrt oder uiitgciidmmen Die Meldung der
KarlSr Ztg. von der Brücke in TauberbischosS-
heim ist nicht richfig, die Brücke ist nvch ganz.
An SanititS-Maiilischaft >st >n Tauberbischofs-
heim ein bunteS Durcheinaüder, aber in fried-
lichster Weise weltciscrt dicselbe in dcn Werken
der Liebe.

Münchcn, 29. Jnli, D-r Waffenstillstand

zwlscheu Bayern und Preußen ist ohne verein-
bartc FrlcdciiSpriliminarien abgcschlofseii-
München, 30. Juii, NachmiltagS. Die
„Bayer. Zlg." crwihnt, daß krotz drr am 27.
d. zu RikotSburg Hrn. «. d. Psordlen gcgcbr-
nen sormellen Vcrsicherungen die preußischcn
Lruppen bis zum 29- d. in bayerischen Lan-
deötyiilen vorrücktcn- Hr. v. d. Psvrdten habc
deShalb von Wien auS cnergischc Schrittc im
preußlschen Hauptquartier gcthau, IIM das wci-
tere Borrückcn zu vcrhindcrn, Wciter meldet
dle „Bayer, Ztg.": Prinz Karl hat gcstern
mit Generat v Mantcuffel eine Waffenrnhe
bis 2. Auguft mit 24stiindiger KündigungS-
srist adgejchloffen. Di- Trnppen böziehen Can-
tonllirimgen- Der Befehl znr Einstcllun, aller
Feiiidsctlgkeiten wurde Nlcht blos an den Ge-
nerat »on Manteuffel, sondcrn auch an den
Großherzog von Mccklenbnrg, alS den BesehlS,
habcr oer über Hof in Bayern eingerückten
prcußischen Truppen, über Berlin und Wien
yom prelißischeil Hauplquartier ans tklegraphirt,
Florenz 27- Juli. Große Ausrrgung in
Gcnua und Neapel- Die Malrosen weigcrn stch,
an Bord zu bleiben: die Marine-Officiere pe-
fifioiiircn für soforlige Enilaffung Pcrsanv'»
sowie auch deS MarincuiiiiisterS- — Dic Frie-
densverhandlungen danern sort: Oesterreich svll
Beneficil bis znm Jsoiizo ablreten, verweigert
aber Zstrien und beharrt aus einem Theil von
(Wctsch-)Tyrol, welcher jedoch von Prcußen
(den Jtalienern) garanlirt jein soll. Jtalien
übernihme den Schuldantheil VenelienS, Oestcr-
reich vcrlangt quch das lctzle Anlehen vou 30
Millioneii- Jlalien bestcht ailf Tyrol- Eili Con-
greß soll entschcideii. — Prinz Napolcon wird
in unierer Stadt erwartet.

D e u t s ch > >, n d.

Kurlsrube, 30- Jnli. Se. Kgl- Hoheit
der Großherzog haben Sich iiiiler dem 28-
Juli d. Z. gnidigst bewogen gefunden: den
StaatSminifter der Justiz, Dr. Stabcl, auf
scin uiiterthiiiigstcS Ansuchen ieineS Dienste»
in Gnadcn zil entheben uno dcnselben, unter
Bvrbehalt der Wi-dcrverwcndulig, cinstweilen
in Rllhestand zlfiversktzen; die eiiistweiligc Füh-
rnng deS JustizminifieriumS dem Prästdenten
deS Ministeriiims bes Jnnern, Dr. Jolly, zq
übertragen.

Karlsrube, 29- Juli. Uebcr iiiiserc beiden
neueii Ministcrialpräsideiiten Jolly unb von
Frcydorf ist der „Schw. M." in der Lage,
solgciide Mittheilungen macken zu könne». Dr-
JuliuS Zolly, zn Anfang der 1820er Jahre
in Mannhcim geboren, wurde 1848 nach glin-
zend bestaiidenem Examen iinter die dad. RechtS-
praktikanten aufgcnommen, habilitirte sich spiter
al» Privatdocent an der juristischen Faknltit
zu Heidclbcrg und wurde 1887 außerordeut-
lichcr Profrffor dajetbst. Jm Jahr 1861 zvg
ihn Lamcy, dessen Nachsolgcr er nunmchr gc-
wvrdcn, mit dem Titel eineS RegiernngsrathS
in das Ministerilim deS Jniicrn, 1862 wurde
er Ministerialrath; vor wenigen Wochen an
den VerwallungSgerichtshof versctzt, steht er
heute an der Spitze deS MinisteriumS deS
Jnnern, Jolly ist ein Mann von durchauS
libcralen Grundsitzen, eminenter Begabmig,
schriststellerischem Rnf und glänzenber Bercdt-
samkeit, welch letztere namenllich cr alS Abge-
ordnctcr der Univcrstlät Heidelberg in der 1-
Kammer ichon in vielcn FLllen bethitlgt hat.
— Rnbolf v, Freydorf auS Karlsruhe, einige
Jahre ilter als Jvlly, wurde 1843 RechtS-
praktikanl, 1848 RechtSanwalt in Mannheim,
1849 HofgerichtSasscffor in Freiburg, 1888 Hofi
gerichlSralh, 1880 Zustizmiilisterialrach und «or
cinigcn Wochcn an Jolly'S Slelle in daS Mini'
steriilin bcS Jmiern verjetzt. Jm ösfentliche"
Leben hat stch v, Freydorf noch wenig bewezt
und als juristischer Schriftsteller war er biS
jetzl nur seincn Fachgenosscn bekannt.

Karlsruhe, 30. Juli- Nach einer Pri-
vatmittheilung eincö höheren irztfichcn Beamten
hat der badlsche Hcerkörpcr im Ganzen 70
Todte, darunter ncnnen wir die Obcrlicutenantc
Schmtdt, Vögelin und Fritschi vom 8.
Jnsantcrieregiment- Die Zahl der Verwundeien,
worunter man den Major Bieselc, Hanpt-
mann Dufner und Liciitenant Delorme
desselbcn Regimcnts angibl, ist begreifiichcr
Weise grißer, doch sollen die Wunden meisten»
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