Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Spiegelfabrik in Mannheim, die Lacklederfabrik
in Weinheim, die Eisenbahnwagen-, die Feuer-
spritzenfabrik in Heidelberg, die Nagelfabrik in
Wieblinzen, die Tuchfabrik in Michelfeld. Nach
Ueberwindung vicler Schwierigkeiten hat end-
lich auch die Strohflechterei im Odenwald Ein-
gang gefunden. Jn Mudau und Umgebung
flnd durchschnittlich 500 Kinder, erwachsene
MLdchen und altere Frauen vom Spätjahr
bis Frühjahr mit Flechten u. ZusammennLhen
beschäfligt. Auch in Strümpfelbronn und Wa-
genschwend sind jetzt Strohslechtschulen gegründet.
Freilich ift der Arbeitslohn gering (10 bis 24
kr. tLglich), allein es. ist zu berückjichtigen, daß
er meist Personen zufließt, welche gar nichts
verdienen würden. Es ist zu bedauern, daß die
vielfachen Versuche, welche vor 10—12 Jahren
gemacht wurden, im Odenwald HLusliche Jn-
dustrie einzuführen, nahezu sLmmllich gescheitert
sind; die Besenbinderei, das Hobeln von Zünd-
hölzchen, die Weidenfiechterei und die Sackwebe-
rei sind, sobald die Kartoffeln wieder gerathen,
meist an der Abneigung der Bevölkerung, mit-
unter auch auS Mangel an Absatz zu Grund
gegangcn. Leinwandweberei wird in Oberscheff-
lenz und Gebildweberei in Eichtersheim betrie-
ben. — Unter den Kleingcwerben haben sich
die Wurstler in Wertheim einen Namen ver-
schafft. Die Reifschneider in Eberbach liefern
ansehnliche QuantitLten Faßreife von Hasel-
und Birkenstämmchen gefertigt, nach Württem-
berg und dem Rhein. Der Schiffbau in Eber-
bach ist nicht unbedeutend. — Die JahrmLrkte
nehmen fast überall ab, nur Königshofen be-
fitzt noch einen sehr besuchtcn Markt, der 8
Tage dauert und von über 400 KrLmern be-
sucht wird. Die FruchtmLrkte sind fast überall
ihrem Eingehen nahc; dagegcn die ViehmLrkte
in Mannheim und Wertheim bedeutcnd. —
Der Hausirhandel hat beträchtlich abgenommen.
— Die Gewerbefreiheit hattc in kleineren Orten
nur geringkn Einfiuß auf das gewerbliche Le-
ben; nur einzelne StLdte, wie Mosbach und
Tauberbischofsheim, haben einen sichtlichen Auf-
schwung genommen, erstere Stadt-jedoch haupt-
sächlich durch den Eisenbahnbau und durch Er-
hebung zur Kreisstadt. Aus dem Bezirk Sins-
heim hat eine bcträchtliche Anzahl vermögliche-
rer Zsraeliten 'zur Betreibung der Handelsge-
schäfte ihren Wohnsitz nach den größcren StLd-
ten verlegt; aus Wiesloch wenden sich viele
beffere Arbeiter ebenfalls in größere StLdte,
weil sie dvrt bcfferen Verdienst finden. Die
Zahl der Personen, welche früher zünftige Ge-
iverbc betreiben, ohne sie in der früher üblichen
Weise erlernt zu haben, ist gering; viel größer
aber ist die Zahl derer, welche am Nieder-
laffungsort ohne Bürgcrrecht ein Gewerbe aus-
üben, so in Mosbach 59, Boxberg 32, Tauber-
bischofsheim 41, Wertheim 92, Heidelberg Land-
gemeinden 43, Schwetzingen 14. Weit größer
stellt sich die Zahl in den StLdten Mannheim
und Heidelberg.

X Der Frie-e.

Ein zeitgemäßer Vor- und Rückblick.

Zwischen Preußen und den meisten Mittel-
staaten ist dcr Frieden nun abgeschloffen. Faffen

ihn selbst photograpbirt hatte. Ueberrascht über die
schnellr Earriere, welche der Photograph gemacht,
fragle er ibn: „Wieso sind Sie denn Oberst ge-
worden?" vFragen Sie mich liebcr, wieso ich Pho-
tograpb gewordcn bin," war die Antwort.

* Literarisches.

Der Friede steht vor der Thür und die aufge-
regten Gemüther brruhigen fich nach und nach. Es
thut Norh , daß wir einen klaren Ueberblick über
die Ercignisse der letzten Zeit gcwinnen; denn das
Ehaos von Nachrichten, we.lche uns die Tagespresse
Lrachte, muß erst grsichtet werden. — Diese dan-
renswerthe Arbeit hat der bekannte Schriftsteller
Ludwig Hauff unternommen, indcm er uns
eine Geschichte derKriege von 1866, ibre
Ursachen und ihrc Folgen (München bet
Gummi) bietet, von der das erste Heft vor uns
liegt. Die darin enthaltene Einlcitung gidt klar
und unparteiisch die Gcschickte der letzten Jahre
und Monate bis zum Beginn dcs unheilvollen
Krieges, und es läßt fich erwarten, vaß unS Herr
Hauff ein recht intercssantes und für die Zukunft
lehrr^eichcs Buch liefern wirb,^dem^die Abnehmer

land, gut colorirt, um ben Herstellungskostenpreis
von 18 kr. iedem Abonnenckn geliefert werden.

wir die guten und schlimmen Folgen, welche
der nun beendigte Bürgerkrieg für die deutschen
VerhLltniffe haben wird, in ihren allgemeinen
Umriffen unbefangen in's Auge, so ergibt sich
im Allgemeinen etwa Folgendes:

Für die Sache der Freiheit hat, unbe-
fangen und aufrichtig geurtheilt, der Krieg
Nichts geleistet. Sein ganzes Ringen ging
um Macht- und Gebietserweiterung. Aber dies
hat ihn nicht verhindert, die VerhLltniffe Eu-
ropa's in ihren innersten Fugen aufzuwühlen.
Wie ein gewaltiger Sturm hat er die Atmo-
sphäre crschüttert, mit eiserner Pflugschaar ist
er in den alten Boden Europas gefahren und
hat tiefe Furchen in deffen Busen geriffen, um
ihn fähig zu machen, neue Saaten zu empfan-
gen. Denn, täusche man sich nicht — noch
ist die Bewegung nicht vollendct, zu der dies-
mal von Berlin das Zeichen gegeben wurde.
Der Kricg ist fertig, aber geheime Minen
und ZündfLden glimmen unter dem Boden
fort. Der abgeschloffene Friede ist mehr oder
weniger faul, er wird keine stete Dauer haben,
vielmehr nur als ein kürzerer oder längerer
Waffenstillstand anzusehen sein. Am wenigsten
wird Oesterreich mit ihm zufrieden sein. ES
verliert zwar an Preußen NichtS, außer dem
Verluste dcr Bundesgenoffenschaft an Deutsch-
land, an Jtalien, daS es zu Land und See
geschlagen, muß es dagegen, der ferneren An-
sprüche auf Südtyrok und Jstrien zu geschwei-
gen, Venetien abtreten. Was liegt ihm näher,
alS in einem späteren günftigeren Augenblicke
das Glück der Waffen noch eimnal zu ver-
suchen? ' Jtalien selbst ist nichts wcniger, als
zufrieden; denn die Ruhmsosigkeit seiner Waffen
licgt ihm schwer auf dem Herzen und es muß
die Gelegcnheit ersehnen, seine Scharten aus-
zuwetzen und sich von dem unerträglichen Ge-
fühle befreien zu könncn, scine Vergrößerung
nicht sich selbst, sondern Preußen zu verdanken.
— Am meisten hat natürlich Preußen Ursache,
mit dcm Kriege zufrieden zu sein, denn es hat
seine Zwccke vollständig erreicht. Selbst das
übrige Deutjchland erkennt, wenigstens relativ,
unter den Ergebniffen des Kriegs einen Fort-
schritt und kann hoffen, denselben im Frieden
noch weiter zu entwickeln. Vor Allem ist die
Schmach der Lhatenlosigkeit vom deutschen Na-
men genommen, und derselbe hat aufgehört,
den AuslLndern und Deutschen selbst als Ziel-
scheibe dcs Spottes zu dienen. Wenigstens im
Norden entsteht ein Staat, der an L>tärke und
Kraft den übrigcn GroßmLchten nicht nachsteht,
und der, wenn er will, das Ansehen Deutsch-
lands in der ganzen Wclt nicht ferner der bis-
herigen Schutzlofigkeit überlassen,' sondern ge-
hörig vertreten kann. Allein an dieser Genug-
thuung nagt ein innerer Wurm dss Mißbe-
hagens. Mit dcm erstarkenden Norddeutschland
halten die freiheitlichen Beziehungen durch-
aus nicht gleichen Schritt. Auch ist bekannter-
maßen die so heiß ersehnte Einheit Deutsch-
lands nicht zu Stande gekommen; ihr fehlt
bis jetzt das unentbehrliche Süddeutschland, ihr
fehlt wohl auf lange hinaus Deutschösterrcich!

Dem deutschen Mißbehagen entspricht aber
ein mindestens ebenso entschiedenes von Veiten
Frankreichs. Nicht nur Napoleon IN., sondern
den Franzoseu überhaupt ist dcr Gedanke un-
erträglich, an die Stelle der französischen Gloire
die deutsche treten, und an Frankreichs Seite
eine erstarkende deutsche Macht entstehen zu
sehen, welche die französische Suprematie in
Europa so leicht beseitigen kann. Die Einheit
Deutschlands und die französische Suprematie
in Europa sind zwei Disige, welche beide Na-
tionen zur höchsten Hraftanstrengung^ zu ent-
fiammen vermögcn, und für deren Prers früher
oder später noch ein gewaltiger Kampf geführt
werdcn wird. Deutschland freilich wird diesen
Kampf nicht beginnen, um so heißer wird ihn
im gegebenen Augenblicke Frankreich fordern.
Früher odcr spater erscheint derselbe unaus-
bleiblich; und deßhalb ist dem Frieden am we-
nigstcn zu trauen.

* Politrsche Umschau.

Heidelberg, 28. August.

* Wir haben der aufge^egten Haltung der
französischen Presse gegen Prcußen schon zu
verschiedencnmalen ErwLhnung gethan. Wenn
nun Napoleon lll. den Frieden zwischen Frank-

reich und Preußen ernstlich erhalten wissen
j will, so muß man sich billig wundern, daß
er jencn Hetzereien nicht Einhalt thut. Mit
Ausnahme der sich neutral verhaltenden „Opi-
nion nationale" gibt es kein französisches Blatt
mehr, welches den Grafen Bismarck und seine
Annexionspolitik vertheidigen dürfte. Mit dem
Unwillen über die Vergewaltigung der annexir-
ten Staaten macht sich gleichzeitig auch das
Gefühl geltend, daß durch dicses Vorgehen
Preußens die französische Politik eiue schwere
Niederlage erlitten habe. Die französische Re-
gierung hat nun schon durch ihr strengeS Prcß-
rcglement hinlänglich bewiesen, oaß sie die
Macht der Preffe ganz wohl zu beurthcilen
versteht; sie wird sich daher auch über die
Wirkung nicht täuschen, welche jeneS, offenbar
von ihr absichtlich geduldete, Aufstacheln gegen
Preußen auf die in solcher Bezichung so reiz-
baren Franzosen ausüben muß. Weun sie die
Presse nichtsdestoweniger gewähren läßt, so hat
sie ihre guten Gründe. Dem Kaiser ist es mit
seiner angeblich friedlichen Gesinnung gegen
Preußen entweder nicht recht Ernst, oder es
soll sich der Berliner Hof wenigstens überzeu-
gen, daß Napoleon, sobald »cr scine Friedens-
politik verlassen will, auf die Zustimmung und
Unterstützung der französischen Nation rechnen
kann.

Wie die „B. Börsenztg." wisscn will, hätte
Profeffor v. Treitschke den an ihn ergangenen
Ruf nach Heidelberg definitiv angcnommen.

Ein officiöser Münchner Correspondent der
„Allg.Ztg." widerspricht der Nachricht von dem
Rücktritt des Frhrn. v. d. Pfordten.

Die Wiener „Debatte" erfahrt von sehr ver-
läßlicher Seite, daß dic Gcrüchte von dem Rück-
tritte des Staatsministcrs Belcredi jeder -that-
sächlichen Begründung entbehren.

Der Herzog von Nassau läßt in München
Militärmcdaillen anfertigen, wclche für scine
sämmtlichen Truppen bestimmt sind, die an dem
Krieg theilnahmen.

Die beiden Großherzogthümer Mecklenburg
haben bis jetzt den Vertrag des Bündnisses mit
Preußen noch nicht unterzeichnet, weil sie durch^
dic in Mecklenburg bestehende Landesverfassung
verhinderl sind, schon jetzt bindende Vörpflich-
tungen zu übernehmen!

Nach amtlichen Ausweisen sollen sich gegen-
wärtig in den iammtlichen unter preußischer
Leitung stehcnden Lazarethen noch zwischen

33.000 und 34,000 Verwundete und Kranke
befinden. Die Zahl der Letzteren wird auf etwa

12.000 angcgeben. Das Verhältniß der in
preußischer Behandlung befindlichen österreichi-
schen Verwundetcn zu den preußischcn soll sich
nahezu wie 2 zu 1 verhalten (7000 auf etwa
13,000). Gering angeschlagen, dürfen die
Opfer des letzten ebenso kurzen als blutigen
Krieges auch nicht unter 20 — 24,000 Todte
und an ihren Wunden Verstorbene gerechnet
werden, wozu vielleicht noch die gleiche Zahl
von beiden Theilen an.Krankheiten und na-
mentlich an der Cholera Gestorbener hinzutritt.

Nachrichten aus Congreßpolen melden, daß
Rußland in jenem Königreiche soeben eine
MilitLraushebung, und zwar von 1000 Seelen
4, angeordnet hat.

Deutschland.

Karlsrusie, 27. August. Gestern hat der
Abmarsch der königl. preußischen Truppen und
der hanscatischen Drigade aus den von ihnen
besetzten diesseitigen Landestheilen begonnen.
Die RLumüng wird in vier Tagen vollendet
sein. — Das großh. Mjnisterium des Zunern
hat, wie die „Karlsr. Zeitung" vernimmt, die
Ausführung einer Reihe von Vicinalstraßen-
Bauten mit Staatsunterstützung, die im außer-
ordcntlich'en Budget für 1866/67 vorgesehen
waren, angeordnet; zu denselben gchören u. a.
dic Straßen von Berau nach Gurtweil, von
Schönau nach Neckarsteinach, Altneuvorf nach
Schriesheim, und Osterburken über Merchingen
nach Ballenberg und Oberndorf.

Heidelberg, 24. Aug. Dem „Fr. I."
wird von hier aus folgende Anregung geschrieben:
„Da Köln sich für alte Urkunden, welche in
Darmstadt liegen sollen, Düsseldorf sich für
seine Bildergallerie bemüht, welche in München
HLngt, so ware es vielleicht an der Zeit, daß
Heidelberg und hinter ihm Baden, ja ganz
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