Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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deren Bau, wie wir gestern meldeten, in An-
griff gcnommen wird, erfahren wir noch fol-
gendes Rähere. An den beiden Bahnen kann
im laufenden Jahr Angefichts der schon sehr
vorgerückten Jahreszeit der Bau allerdings nur
in beschränktem Maße betrieben werden, wohl
abcr läßt sich bei baldiger Jnangriffnahme den
Unternehmern so viel Zeit bieten, um im kom-
menden Frühjahr die Bauten im vollen Um-
fang zu betreiben. Der Aufwand, den die Ei-
senbahn-Schuldentilgungs-Kafse für die beiden
in Frage stehenden Bahnen aus dem für die-
selben bewilligten Credit zu leisten hat, wird
in diefcm Jahr und selbst in den ersten Mo-
naten deS künftigen Jahrcs von keinem großen
Belang sein. Die Veraccordirungeu der Bauten
und die Vorbereitungen. welche die Accordantcn
für den Beginn des GeschäfteS zu treffen ha-
ben, nehmcn nahezu drei Monate in Anspruch;
die zuuächst und zwar während des Winters
in Angriff kommenden Erdarbeiten verursachen
in der ersten Zeit verhältnißmäßig geringe
KosteN; die Schienenlieferung, sowie die Aus-
führung der Hoch- und bedeütenden Kunstbau-
ten wird erst im nächsten Jahr erfolgcn, so
daß also größere Zahlungen in eine spätere
und, wie wir hoffen, finanziell günstigere Zejt
fallen. — Durch die baldige Vollendung der
'Odenwald-Bahn biS Würzburg wird gerade in
jener Gegend unsereS Landes der ardeitenden
Classe die Gclegenheit zum Verdienst geschmä-
lert, in welcher es, wie in den Bezirken Tau-
berbischofsheim und Wertheim, vor Allem noth
thut, mit der Ausführung öffentlicher Arbeiten
zu Hüfe zu kommen. Neben dieser Erwägung,
welche cinc alsbaldige Fortsetzung des Eiscn-
bahnbaues von Hochhausen nach Werthcim als
sehr wohlthätig wirkend erscheinen läßt, spricht
auch das volkswirthschaftliche wie das finan-
zielle Jnteresse der Staatsbahn-Verwaltung für
thunlichstc Förderung in der Vollendung der
Tauberthal-Bahn, da lehtere nur in ihrer gan-
zen AuSdehnung bis Wertheim hergestclll den
Verkehrsbedürfnissen genügen und das auf sie
verwendete Capital nutzbar machen wird. Die-
selben Gründe lassen stch für die Jnangriff-
nahme dcs Baues bei der Bahn vvn Meckes-
heim über Rappenau nach Jartfeld geltend
machen.

Den in der letzten Zcit durch Einquartie-
rungen, Requisitionen u. dgl. stark in Anspruch
genommenen Bewohncrn dcs vordern Oden-
waldeS und des Ncckarthals' kann durch diese
Gelegenheit zum Verdienst einiger Ersatz ge-
boten werdcn; Vorbereitungen zum Bauvoll-
zuge, wie die Beifuhr des Baumaterials kön-
nen während des Winters, also mit Vermei-
dnng erheblicher Entschädigungcn an anstoßende
Grundbesitzer, getroffen, und mit Erledigung
der bis jetzt nur theilweise vollzogenen Güter-
erwcrbung kann endlich auch den Ansprüchen
der Grundbesitzer Genüge gefchehen, welche auf
Genchmignng oder Anflösung der mit ihnen
vor Einstellung der Bautcn bereits abzeschlof-
senen, aber noch nicht ratificirten Kaufverträge
dringen. (K. Z.)

<5 Aus Baden, 28. Aug. Schon ein
altrömisches Wort sagt: „inter arma silont
1e§68." Nachdem jedoch deS Krieges Stürme
schweigen, und die gewohnten bürgerlichen Ver-
hältnisse allmälig wieder in ihr friedkiches Bett
zurückkehren, wird es am Platze sein, auch ein-
mal wieder der innern Zustände unsers engeren
Vaterlandes mit einigen Worten zu gedenken,
zumal die Kammern in nicht allzu langer Zeit
einberuscn werden sollen, nm das seit Mitte
Juni durch die Kriegsereignisse unterbrochene
gesetzgeberische Werk fortzusetzen. Bekannter-
maßen sind unter' dem frühern Ministerium
Lamey manche, äußerst wichtige Reformen durch-
geführt, andere bcgonnen worden. Die neuen
Gesctze über Gerichts- und Verwaltungsorgani-
sation, Gewerbefreiheit, Gleichstellung der Con-
fesfionen rc. werden immer als bedeutende Fort-
schritte erscheinen, und der Werth dieser Ein-
richtungen wird von keinem Unbefangenen miß-
kannt-werden. Allein ebenso muß noch man-
ches Andere zu Ende geführt, beziehungswcise
nachgeholt werden, was seither unterbrochen
wurde oder uuterblieben ist. Hierher gehören
nameutlich ein vollständiges Schulgesetz, und
Beendigung der Gcsetze über Prcsse und Ver-
ernswesen, über Ministerverantwortlichkeit und

Abänderung der Gemeindeordnung in liberalem
Sinne. Sprechen wir es offen aus — das
frühere, in so dankbarem Andenken stehende
Ministerium, war in solchem Grad der Ber-
tretcr der öffentlichen Meinung. daß das Volk
sich nicht in der selbstthätigen Weise, wie es
wünschenSwerth gewesen. an öffeutlichen Ange-
legenheiten betheiligt hat. Dies gab auch den
Anstoß zur Bildung einer'Forlschrittspartei in
der zweiten Kcnnmer, wekche auf eine mehr
energische Durchführung der zertgemäßen stgats-
rechtlichen Jdcen drang. Was nun das jetzige
Ministerium betrifft, so ist von den MLnncrn,
aus deuen es gebildet, zu erwarten, daß es die
iunern LandeSangelegenheiten in derselben frei-
sinnigen Richtung, in der fie begonnen wurden,
zu Ende fühxt. Jn mancher Bezichung, z. B.
in den kirchlicheu und Schulangclegenheiten wird
es wahrscheinlich mit größerer Entschiedcnheit
und Raschheit, als dies früher der Fall war,
zu Werke gehen, und sich auf ein Vermitteln,
Verzögern und Hinausschiebeu nicht einlassen.
Den südwestlichen deutschen Staaten, die sich
dermalen leider in einem bloßen unfertigenUeber-
gangsstadium befindm, und vorerst ganz auf
sich angewiesen sind, und unter dicscn besondcrs
Baden, ist — der südwestdeutsche Bund mag
zu Stande kommen oder nicht — überhanpt
jetzl mehr alS je die Aufgabe zugefallen, frei-
heitliche Einrichtungen zu pflegen, besonders da
Norddeutschland vorerst vollauf mit seincr Con-
stituirung zu thun haben wird, und an innere
liberale Einrichtungen sobald nicht denken kann.

Stuttgart, 27. Aug. Ein Symplom der
gegenwärtigcn Stimmuug in Württcmberg ist
folgende Auslassung des „Bcobachters" gegen
Hrn. v. Varnbüler: „Der Leichtsinn, mkt dem
dieser Mann das Land in den Krieg verwickelt
hat, ohne auch nur die allernothwendigsten
Maßregeln zur Sicherung des Erfolgs zu er-
greifen, welche der schlichteste Verstand von
einem leitenden Minister forderte, ohne sich
durch einc cngere, auf ein Parlament gestützte
Verbindung seiner Bundesgenossen und ohnc
sich durch cine Verbesserung des gänzlich vcr-
rotteten Heerwesens der Möglichkeit einer wirk-
lichen LandeSvertheidigung zn versichern, dieser
Leichtstnn verdient alleS eher als Lob und Be-
lohnung; und er verdient dies zumal jetzt nicht,
nachdem dem Königreich Württemberg eine
feiudliche und für die bctroffenen Gegenden
sehr lästige Occupation durch die Siegcr, die
heute noch fortdauert, nicht ersparl gcwcsen
und nachdem ein Friede zu Stande gekommen
ist, der unsern armen Steuerpflichtigen den
-Schweiß -aus den Gliedern und das Wasfer
aus den Augen treibt. Freilich habcn wir nicht
auch noch Gebietsabtrctungen zu erdulden, wie
unser größeres Nachbarland; allein jedes Kind
weiß, daß wir dicse Bevorzugung nur der
russischen Protcction vcrdanken, welche uns
die Verwandtschaft und der hohe Einfluß unserer
Königin Olga verschäfft haben, keineswegs
einer bcsonderen Geschicklichkeit des Diplomaten,
der unsere auswärtigen Angelegenheiten vertritt.
Jetzt Hrn. v. Varnbüler zu decorircn, war eine
Herausforderung an das Volk, in dessen Namen
wir diesen beleidigend hingeworfenen Hand-
schuh aufhebeu."

Sluttgart, 30. Aug. Seit gestern weilt
Frhr. Carl v. Nothschild aus Frankfurt dahicr,
wie man üllgemein annimmt, um über den Ab-
schluß eines würtembergischen Anlehens persön-
lich zu verhandeln. Auch andere Frankfurter
Finanzmänner waren in den letzten Tagen in
der nämlichen Angelegenheit hier. Wie die
„Neuc D. Ztg." erfährt, handelt es sich um
ein vier und ein halb procentiges Anlehen von
14 Millionen Gulden.

Vom Maiu, 30. August. Wie wir von
verlässiger Seite hören, ist in der preußischen
Politik, Darmstadt gegcnüber, neuerdings eine
Wendung cingetreten. Das Ministcrium Dal-
wigk zeigt sich, gestützt auf die bisherige Für-
sprache Rußlands und Englands, den Zwecken
Preußens so feindselig, daß diescS in den näch-
sten Tagen mit allem Ernst gegen das Groß-
herzogthum vorschreiten wird. Die Jncorpo-
rirung der Provinz Oberheffen ift in diesem
Augenblick so gut wie einc beschlofsene Sache.

(K. Z )

Berlin, 29. Aug. Dcn Pariser Gerüch-
ten, daß Graf Bismarck binnen Kurzem nach

Biarritz gehen werde, wird von officiöser Seite
widersprochen; es sei über cine Reise des Mi-
nisterpräsidenten für diefen Herbst noch gar
keine Beftimmung getroffen. — Aus der darm-
städtischen Provinz Oberheffen, besonders aus
Gießen, dem Kreise Büdingen und der Wetterau
sind der Rcgierung zahlreiche Adreffen mit der
Bitte um Annexion zugegangen. Eine Depu-
tation der Lüadt Gießen trug diese Augelegen-
hcit dem preußischen Civilgouverneur mit der
Bitte vor, mindestens die Stadt Gießen in
Preußen einzuverleiben, wenn die ganze Pro-
vinz Oberheffen nicht unter preußische Hoheit
kommcn könue. Diesc Bitte wurde durch eine
Adrcffe angesehener Männer der Stadt unter-
stützt. Die Bewohner derselben besorgen in
Betreff der Universität und der commerciellen,
wie industriellen Verhältnisie die größten Nach-
theilc, wenn Gießen bei dcm Großherzogthum
Heffen verblciben müßte.

Berlin, 30. Aug. Der König wird, wie
in militärischen Kreisen verlautet, die aus
Oesterreich heimkchreuden Garde-Regimenter
bei Großbeeren conccntriren un8 dort Heerschau
übcr sie abhalten. — Dem Kaiser-Franz-Negi-
ment ist Hanuover zum Garnisonsort ange-
wiesen; das Regiment soll nach dreitägiger
Rast in seincr ganzen Stärke von hier dorthin
abrücken.

Berlirr, 31. Aug. Der „Staatsanzeiger"
enthält folgende Bekanntmachung des Kriegs-
ministcrs: „Mchrere Zeitungen bringcn die
Mittheilnng, eS sei befohlen, die brauchbaren
Mannschaftcn der allgemeinen Ersatzreserve aus
den Jahren 1835 bis 1845 auszuexerciren und
dann wieder zu cntlassen. Ein dcrartiger Be-
fehl ist nicht ergangen."

Altona, 29. Aug. Der „Alt. Mercur"
vernimmt aus sicherer 'Quelle aus Schleswig,
daß dort die Ankunft des Königs von Preußen
Ende September behufs Entgegennahme der
Huldigung des LandeS bevorstehe.

Oefierreicbische Monarchie

Wien, 27. Aug. Folgende Mittheilungen
bezüglich der kandiotischen Angelegenheiten sind
hier eingelaufen: Der Gouverneur von Kreta,
JSmael Pascha, welcher die dringend vcrlaugten
Verstärkungen nothwcndig braucht, hat an dev
Spitze der ihm zu Gebot stehenden 20,000
Mann einen Streifzug durch die Znsel unter-
nommeu. Die Schutzmächtc Griechenlands
werden je ein Kriegsschiff nach dcm Hafen von
Kanea senden und Oesterreich wahrscheinlich
das Gleiche thun. Jnzwischen haben aber die
Kreter, indem sie eine provisorische Regierung
einsetzen, ihre Losreißung von den Türken und
ihren Anschluß an Griechenland förmlich prok-
lamirt unter der Losung: „Die Union oder
dcn Tod!" Die griechische Regierung indeß
verficherte den türkischcn Gesandten in Athen
(gleichfalls ein Jnsclgrieche, Photiades) ihrer
Neutralität. Gleichwohl ist in Athen ein Auf-
ruf verbreitet worden, wclcher die Hellcncn im
Allgemeinen und die Athener insbesondere auf-
fordert, die auf griechischen Boden geflüchteten
oder noch flüchtenden kretischen Brüder gastlich
aufzunehmen und in jeder Weise zu unter-
stützen. Dcr Minifter der auswärtigen Ange-
legenheiten hat sich nach Korfu begeben, um
dem König über die Angelegenheit Vortrag zu
halten. Äls sehr betheiligt gilt Kalergis, der
felbst Kreter ist.

Wien, 27. Aug. Auch Benedek soll nun,
wie es heißt. vor das Kriegsgericht gestellt
werden. Abgesehen hiervon wird man ihm
am Hofe niemals verzcihen, daß er seine un-
umschränkte Vollmacht unnütziger Weise zur
Compromittirung eines kaiserlichen Erzherzogs
benutzt hat. Benedek, obgleich Ungar, hat
.auch dort keinen Halt, weil cr stetS dem Cen-
tralismus das Wort gesprochen hat.

Wien, 30. Aug. DaS Brückenkopfcom-
mando Florisdorf ist aufgelöst, und Graf
Degenseld, unter dankbarster Anerkennung ge-
leisteter ersprießlichcr Dienste, seinem Ansuchen
gemäß, in den Ruhestand zurückverfetzt.

Wien, 31. Auguft. Es verlautet, Graf
Mensdorff werde nach dem Rücktritt von
semem Ministerposten das Commando des 1.
Armeecorps in Böhmen überuehmen.

Wien, 31. Aug. Der Kaiser hat wegen
der finanziellen Bedrängniß des Staates die
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