Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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gen Zustände" umkonigirt), sowie die heutige
Aeußernng des Ministers Eulenburg über die
„moralische Nothwendigkeit" des Ministeriums,
der liberalen Partei nach der JndemnitätSer-
theilung mehr als bishcr entgegenzukommen,
viele am Freitag noch uncntickiedene Abgcord-
nete zur Jndemnitätsertheilung bewogen haben.
Von den heute gehaltenen Rcden erwähnen wir
zunachst die von Schulze-Delitzsch. Er charak-
terisirte die Fragc der Jndemnitätsertheilung,
welche Lasker allzu jehr vom juristijch-sormalen
Standpnnkl aus betrachtet hatte, als eine Vcr-
IrauenSfrage. und begründete seine Verneinung
dieser Frage damit, daß das Ministerium biS-
her nocb seine Neigung zur Verjöhnung und
Ausgleichung thatsächlich nicht bekundct habe.
Vincke-Hagen kam ganz unerwartet aus die
Rednerbühne; für ihn hatte vorher auf der
Rednerliste ein Konservativer gestanden. Vincke
paßt nicht mchr als Friedensstifter und Ver-
söhnungsapostel im parlamentarischen Kampfe.
Zu Anfang versuchte er sich in Ausfällen nach
links und rechtS, dann «eber wurde seine Rede
aller Schärfe der Auffassung wie in der Dar-
stcllung der Würze entbehrend. Selbst die
Rechte, welche ihm andächtig zuhörte, verhielt
sich durchweg still. Der Abg. Ziegler, welcher
auch noch'eine Rede in Bereitschast hielt, wurde
durch den Schluß der Diskujsion präcludirt;
Ziegler hat es mit beiden Parteien verdorben,
und deßhalb verzichtete auch die Linke auf seine
Rede, obwohl dieselbe gegen die Jndemnitäts-
ertheilung gerichtet sein sollte. An der ganzen
Jndemnitätsdebatte haben sich die 140 Konser-
vativen, abgcsehen von den beiden Ministerial-
räthen Wagener und Achenbach, und ausge-
nommcn die Epklamation der Landräthe Ger-
lach und Wedemeyer, nur durch krästiges Bravo-
rufen, bezw. Zischen betheiligl. (Fr. I.)

Berlin, 4. Sept. Wie man dcm „S. M."
von hier schreibt, wäre wegen der annectirten
Länder der Gedanke eineS provisorischen Central-
ministeriums in Berlin, ohne datz darübcr schon
etwaS bcstimmt wäre, angeregt wordcn.

Berlin, 5. Sept. Man erwartet 'm Ab-
geordnetenkreisen täglich den Nachtrag zum An-
nexionsgesetz, das die Erwerlmng Schlcswig-
HolsteinS auSspricht. Die Kammern werden
und können nicht cher gcschlosscn wcrdcn, als
bis auch wcgen der Herzogthümer die Regie-
rung das sanctionirende Votum deS Landtags
eingeholt hat. Diese nachträgliche Vorlage wird
wegen Nordschlcswigs besondere Bestimmungen
enthalten; daß dort eine Abstimmzzng stattfin-
det, steht fest. — Das He rrenhaus hat heute
der Regierung durch Verwerfung ihrer Ver-
ordnung über die Aufhebung der Wuchergesetze
eine empfindliche 'Niederlage bereitet. Diese
octroyirte Verordnung wird damit von heute
ab ungültig, und es bleibt der Regierung nichts
weiter übrig, als auf legislatorischem Wege
Abhülfe zu schaffen. Am bestcn schon ware es,
die Regierung brächte gleichzeitig ein Gcsetz
über die Reform des Herrenhauses ein, denn
selbst dem Ministerium BiSmarck, das bisher
stets von tlnseren „Herren" unterstützt wurde,
dürfte klar werden, daß mit der ersten preu-
ßischen Kammer in ihrer jetzlgen Zusammen-

wohnte, fand fich auch ein Poltzeisoldat (wie eS

hatte er jeboch die Unglückliche crfaßt, so zog fie
aucb Ihn in die Tiefe, und im näcbsten Augenbltck
waren allc Dret, dic Frau, der brave Soldat und
der Hund, in den Wellen verschwunden. Die
Menschcnmenge blicb fast starr vor Entsetzen, als
der glatte Wasstrspicgel die drei Opfer unter seiner
Decke verhüllte.

DaS Ideal rines GeizhalseS dürste wohl der
kürzlich in London verstorbene Old Boge gewesen
scin. Derselbe Old Boge hatte große Reichthümer
unter den größten Entbehrungen angesammelt und
ein Altcr von 70 Iahren erreicht, als er plötzlich
ernstlich erkrankte. Er lag auf seinem Sterbebette
und litt Höllenqual. In dieser Situation gereichte
es ihm zum Troste, daß er nicht mehr im Stande
war, etwaS zu essen. Der wider seinen Willen ge-
rufene Arzt erklärte ihm, daß er dem Tode nahe
sei. „Wie langc habe ich noch zu leben?" fragte

setzung nicht auszukommen ift. DaS heutige
Votum des HcrrenhauseS zeigt übrigens, wie
sehr antiministeriell die Majorität gcsinnt ist.
Es gefällt ihr noch wcniger als die Aufhcbung
der Wuchergesetze die Einholung der Jndemni-
tät. Es gefällt ihr ebensowcnig der Gang der
auöwärtigen Politik wegen des Bruchs mit
Oesterreich. Des (durch seinen Austritt auS
dem preuß. Herrenhause bekannten) Grafen. v.
Westphalen Anschauungcn sind im Herrenhause
vielfach vertreten, nur daß die meisten cs nicht
für zwcckgemäß halten, mit gleichen Protesten
öfsentlich hervorzutreten. Jn den annectirten
Staaten gleicht nur die hannöverischc Adcls-
kammer unserem Herrenhause; sonst steht die
crste preußische Kammer ganz isolirt in Deutsch-
länd da. (Fr. I.)

Verlin, 5. Sept. Das Herrenhaus hat
heute das Wuchergesetz nach den Vorschlägen
der Commission angenommen (den § 1 bei
Namensaufruf mit 40 gegen 36 Stimmen).
Ebenso ohnc Debatte den Gesetzesentwurf über
die Vermehrung des Bankkapitals.

Berlin, 6. Sept. Abgeordnetenhaus.
Tagesordnung: Präsidentenwahl. Der Abge-
ordnete Arnim (Heinrichsdorf) beantragt die
Beibehaltung des Präsidiums und wird durch
v. Vincke unterstützt. Das Präsidium wird
wieder gewählt. v. Forkenbeck erhäll 184, v.
Stavenhagen 157, v. Bonin 150 Stimmen.

Koln, 4. Sept. Die Truppen aus Böhmen
treffen bereits ein. Die Waldecker haben uns
gestern verlassen und heute oder morgen begeben
sich die österreichischen Kriegsgefangenen in ihre
Heimath zurück.

Kirsifel, 6. Sept. Zwölf hicr anwesende
kurhessische Ständemitglieder sprechen in einer
nach Berlin gerichteten Erklärung ans, daß sie
die Vereinigung Kurhcssens mit der preußischen
Monarchie als eine durch die geschichtliche Ent-
wicklung gegebene Nothwendigkeit, und die An-
nahmc des Antrags der Kommission des preu-
ßischen Abgeordnetenhauses als den Jntercssen
Kurhessens entsprechend erachtcn.

Hannover. 3. Scptbr. Der Herzog von
Braunschweig soll seinen bedeutenden Aüodial-
besitz vem Kronprinzen Ernst August hinter-
lassen wollen und entsprechende Verfügung ge-
troffen haben.

Flensburg, 3. Sept. Jn aller Stille
haben sich in voriger Woche eine Anzahl Dänisch-
gesinnter nach Berlin auf dew Weg gcmacht,
um für möglichste Ausdehnung einer eventuellen
Theilungslinie zu wirken, sind aber bereits
heute alle aus Berlin zurnckgekehrt. Ueber das
Resultat ihrer Reise vernehmen wir, daß sie
bei dem Könige von Preußen keine Audienz
crhalten haben; auch wurden sie vom Grafen
v. Bismarck wegen überhäufter Arbeit nicht
zum mündlichen Vortrage zugelasfen; doch ließ
derselbe sich ihre Papiere ausbitten und daraus
durch einen Adjutanten ihnen melden, daß ihnen
ein schriftlicher Bescheid ertheilt werden würde.
Natürlich wird dieser Antwort von allen Seiten
mit großer Spannung entgegengesehen.

O efterreichische Monarchie
! Wien, 4. Sept. Der Karlsr. Ztg. wird
I von hier geschrieben: Jch weiß nicht, ob es

er mit leiser Stimmc. „Ungefähr eine halbe Stunde," ^
antwortete der Doctor. „Wollen Sie, daß Iemand ^
gerufen werde, vielleicht ein Diener dcr Kirche?" ^
Old Boge sah ihn erstaunt an und schwieg, dann z
abcr fuhr er mit der Hand über die Stirn, wte i
wenn ihm etwas eingefallen wäre: „Schnell — !
schnell, — kommen — gleich — Barbier." Dteser l
crschien, und Old Boge fragte ihn mit matter !
Stimme: „Sie bekommen 2 Pence fürs Rafiren,
nicht wahr?" Der Barbier bejahte die Frage. „Wie
viel Lkkommen Sie, einen Todten zu rafiren?"
fragte Boge weiter. 5 Schilling, war die Antwort.
„Nun, dann schnell, schnell," sagte er zum Barbier,
indem er die rrstorbenen Augen auf den Doctbr
richtete, der noch immer die Uhr in der Hand hielf.
Als er hörte, daß noch 15 Minuten Zeit für ihn
seien, lächelte er wohlgefällig. Der Barbier ver-
richtete dte Arbeit trotz der Zuckungen des Geiz-
halses mit großer Schnclltgkeit. „Gut, gut, 4
Schilling und 10 Pcnce gespart," sagte der Geiz-
hals und verschieb.

Aus etner großen schlestschcn Stadt.wtrd
folgendes Geschichtchen mitgetheilt: Eine junge

schon irgendwo hcrvorgehoben ist, daß der Text
deS östcrreichifch-prcußischen Friedensvertrags
in seincm politisch-internationaleü Theil fast
wörtlich den französischen Entwurf wiedergibt,
wie er durck dcn Herzog v. Gramont im Auf-
trag seiner Regierung redigirt und zur An-
nahme empfohlen war. Daß Art. 4 des Ver-
trags eine wesentliche Abweichung von der be-
treffenden Festsctzung der Präliminarien ent-
hält, insofern erst im Vertrage der Bildung
eiucs süddcutschen Staatenbundes mit dcr den
Präliminarien nicht einverleibten ausdrücklichen
Maßgabe gcdacht wrrd, daß derselbe eine „in-
ternationale, unabhängige Existenz" haben soll,
ist, so viel ich mich erinncrc, bereits anderwei-
tig bemerkt. Auch dieser auf nachträgliche Re-
clamation aufgenommene und sicher nicht be-
deutungslose Zusatz entspricht vollständig dem
französischen Original, welchcs jenem Bund
„un6 exiZtenee interostioonle et inäepen-
cknvte" vindizirt.

Wien, 5. Sept. Die „Oesterr. Ztg." de-
mentirt die Mittheilung dcr „Presse" vom
Rücktritte des Ministcrs Grafen Moritz Ester-
hazy.

Wien, 5. Sept. Durch Erlaß des Finanz-
ministeriums ist das Pferde-Ausfuhrverbot, mit
alleiniger Ausnahmc der italienischen Grenze,
wieder aufgehoben.

'Wien, 6. Sept. Den Morgenblättern zu-
folge ist General Möring nach Venedig abge-
reist, um die Uebergabe Veneziens an General
Leboeuf zu vollziehcn. Das „N. Fremden-
Blatt" schreibt: Demnächst wird eine Ver-
sammlung politischer Notabilitäten der deut-
schen Partei zur Fortsetzung der Berathung
über das Verfassungsleben stattfinden. A)em
Vernehmen nach gedcnkt man sich bezüglich Un-
garns zu dem System der Personalunion zu
bekennen.

Wien, 6. Septbr. Die „Oefterr. Ztg."
sagt, daß die Verhandlungen zur Lösung der
österreichischcn Verfassungsfrage bisher ganz ob-
jectiv geführt worden sind und daß dic Perso-
nenfrage noch nicht zum Gegenstande von Be-
sprechungen gemacht worden ist. Wenn die
Journale sich mit bevorstehenden oder angeb-
lich schon eingetretenen Personal-Veränderun-
gen beschäftigen, so gehört dies in das Gebiet
der unberechtigten Conjecturen.

Z r a n k r e i ch.

Paris, 4. Sept. Die Opinion nationale
bringt heutc cinen Artikel über die neuen Pflich-
ten, welchc Frankreich aus der jetzigen polili»
schen Weltlage erwachsen. „Die Rcform un-
seres militärischen Systems", sagt sie, „ist nicht
die einzige Verbcsserung, welche uns die Nach-
barschaft des vergrößerten Preußens auferlegt.
Jn der That, wie groß auch die Vortrefflich-
keit der Militäreinrichtung Preußens sein mag,
so ist's augenscheinlich, daß es nicht dieser ein-
zigen Ursache seinen Erfolg und das schnekle
Ansehen verdankt, wclches es in Deutschland
gewonnen hat. Die wahre Ursache der Erfolge
Preußens ist nicht das Zündnadelgewehr, es
ist sogar nicht einmal seine Militäreinrichtung,
es ist besonders die Tüchtigkeit seiner Generale,
die Jntelligenz und der Muth seiner Soldaten,

schöne Dame hatte etnen außerordentlichen Hang
zum Stehlen. Jn keinem Laden konnte fie etwas
kaufen, ohne cinen Äersuch zu machen, etwas zu
entwenben. Ein Commis, der gegen fie Verdacht
schöpfte, nahm fich vor, bei dem nächsten Besuche

einen theuren Stoff und steckte dabei heimlich einen
seidenen Foulard cin. Da zufällig Niemand in
der Nähe war, raunte der Commis der schönen
Diebin'ins Ohr: Mein Fräulein, sie haben soeben
ein seidenes Tuch gestohlen. Ich lasse Jhnen dte
Wahl, sofort als Spitzbübin verhaftet zu werden,
oder fich von mir meinem Principal als metne
Braut vorstellen zu lassen und mtr, mögen die
Hindernisse auch sein, welche tze wollen, dte Hand
zum Ehebunde zu reichen. Sie wählte das Letztere,
und ver entschlossene Jüngling kam zü einer schö-
nen Frau mit 60,000 Thlrn. Vermögen. Er muß
jedoch nicht reinen Mund über den Vorfall gehal-
ten haben, weil derselbe kein Geheimniß ge-
blteben ift.
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