Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

Page: 249
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/hdtz1866a/0249
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
es. ist der gute Zustand seiner Finanzen, es
ist die Thätigkeit seiner Verwaltung und, um
Allcs in ein Wort zusammen zu fassen: es ist
die größere Höhe dcs geistigen Bodens, der
Unterricht, der in allen Klassen verbreitet ist
und welcher macht, daß Jeder iu scinem Wir-
kungskreise mit Einsicht nach dem allgemeinen
Zielc hinstrebt. Wenn demnach Frankreich,
wic wir glauben und nicht daran zweifeln, sei-
nen Rang in Europa und in der Welt auf-
recht erhalten will, so muß es nicht nur das Mi-
litärsystem -mit dem Gedanken nach Verbesse-
rung prüfen, es muß besonders noch.sein Sy-
stem des öffentlichen Unterrichts einer Prüfung
unterwerfen. Was in unserem Lande fehlt,
ist nicht die Jntelligenz, cs ist der Unterricht.
Wenn wir sehen, daß in gewissen Departe-
ments die Verhältnißzahl der Conscribirtcn,
die nicht lesen können, sich auf 60 Proz. be-
läuft, so ist's erlaubt, sich zu fragen, ov die
öffentliche Gewalt ihre Pflicht thut, ob die Re-
gierung, ob der gesetzgebende Körper genügcud
von dieser Wahrheit durchdrungen sind, die
heute hellleuchtend tst wie die Sonne, nämlich:
daß die Ueberlegenheit der Nationen im Kriege
wie in der Jndustrie eng verbunden ist mit
der Entwickelung der allgemeinen Bildung, d. h.
mit der gnten Einrichtung des öffentlichen Un-
terrichts."

Paris, 4. Septbr. Die Veranlassung zu
dem Ausscheiden des Hrn. Drouyn des Lhuys
aus dem Cabinet dürfte in Deutschland kaum
bekannt sein. Wir glauben im Stande zu sein,
aus einer nicht zu beargwöhnenden Quelle eine
Erläuterung dieses im jetzigen Momente viel-
leicht auffallenden Entschlusses des Hrn. Drouyn,
oder richtiger des Kaisers, zu geben. Vorher
aber müssen wir bemerken, daß dieser parjielle
Cabinetswechsel keineswegs, wie man wohl zu
glauben versncht sein könnte, einen System-
wechsel andeutet, wie dies vielleicht in ähnlichen
Fällen in Preußen oder England dcr Fall wäre,
denn Hiet7 ist der Kaiser das personificirte Re-
gierungssystem, und die Minister sind meist
nur Factoren, die irgend eine napoleonische
Jdee dem Jn- oder Auslande gegenübcr an-
deulen sollen, also weiter nichts, als, wenn man
so sagen darf, verkörperte Demonstrationen.
Dieses Axiom vorausgcschickt, melden wir, daß
Hr. Drouyn seiner prononcirten Vorliebe für
Oesterreich wegen, die dem Kaiser momentan
nicht ganz zeitgemäß erschicnen sein soll, sich
veranlaßt gesehen hätte, aus der Negierung zu
scheiden. Nicht etwa, daß der Kaiser deßhalb
gegen Oestexrcich demonstriren wollte, sondern
seine Absicht wäre gewesen, beiden Mächten
gegenüber ganz unparteiisch zu erscheinen, und,
weil sein Mmister bcs Auswärtigen sich mehr
nach einer Seite hin neigtc. der anderen jeden
Grund zu etwaigem Mißtrauen zu nehmen.
Diese Erklärung glaubt das „Fr. I." sowohl
ihrer Einfachheit als der Persönlichkeit wegen,
von der sie dem Correspondentcn gegeben wurdc,
alS die einzig richtige Lmpfehlen zu können.

Paris, 4. L>ept. „Temps" vernimmt, Graf
Goltz werde nur noch zu dem Zwecke nach
Paris zurückkchrcn, um seine Abberufungs-
schreiben zu überreichen; er werde Herrn von
Werther, welcher zum Unterstaatssecretär im
Ministcrium des Aeußern ernannt worden sci,
in Wien ersetzen. Darüber, wer dcr Nachfol-
ger des Grafen Goltz auf dem Botschafterposten
am Hofe der Tuilerien sein werde, eirculiren
verschiedene Angaben. — Nach dem „Pays"
wird der neu ernannte Minifter des Aeußern,
Marquis Mousticr, sich am 26. d. zu Kon-
stantinopel einschiffcn, um nach Frankreich zu-
rückzukehren.

Z t a ! i e n.

Eine wichtige Erscheinung ist die in Nom
mehr und mehr sich geltend machende versöhn-
liche Stimmung gegenüber der ncuen Lage der
Dinge, mit der sich die Haltung des Clerus
in steigendem Maße befreundet. Der römische
Hof hat zu viel Erfahruug und Takt, um nicht
zu begreifen, daß durch die Abtretung Vene-
tiens die überlieferte Politik unmöalich gewor-
den ist und man seinen Stützpunkt^nicht mehr
in Wien suchen kann. Man darf überzeugt
scin, daß wenn die Jtaliener von Rom und
die Jtaliener von Florenz sich einander allein
gcgenüber befinden, sie sich ohne große Mühc
verständbgen werden. Ganz besonders ist es
der hl. Vater selbst, in dem sich die italieni- !

schen Gefühle wieder regen. Er überzeugt sich,
daß er getäuscht worden ist. Man hat ihm
immer vorgesagt, die Einheit Jtaliens sei un-
möglich, die italicnische Regierung sei lebens-
unfähig. sie werde von der Revolution hinweg-
geschwemmt. dic wie Saturn ihrc Kinder ver-
schlingc, Oesterreich werde niemals Venetien
aufgeben, niemals mit italienischen Diplomaten
unterhandeln. Alle diesc und ähnliche Be-
hanptungcn waren ihm mit größtcr Sicherheit
wiederholt worden: heutc sieht er, daß dieß
Alles durch die Thatsachen widerlegt ist; er
sucht sich von den Einflüssen, die ihn umgeben,
frei zu machen, und ist vielleicht nicht mehr
weit davon entfernt, auf Grundlage des Pro-
gramms zu unterhandeln: Rom mediatistrt,
dem Königreich einverleibt, aber sich selbst re-
gierend mit besonderen Einrichtungen, ohne
aufzuhören, dem Papst zu gehöreU. Eine
solche Stimmung darf das Florentiner Kabinet
nicht unbenützt vorübergehen lassen. Au ihm
ist es jetzt, durch versöhnliche Vorschläge cinem
langjährigen Kampfe ein Ende zu machen und
den Strebungen Jtaliens, wie der Römer ins-
besondere, volle Befriedigung zu gewähren.
Diese würden sicher gcrnc ein Regime anneh-
men, das ihnen das italienische Bürgerrccht
und doch den Fortbestand ihrer Selbstständig-
kcit gewährtc, das ihnen Zulaß zu allen Civil-
und Militärämtern verschaffte, und dabei die
Steuerlast minder drückend ließe, sie von der
Conscription befreitc, und den Sitz dcs Papft-
thums für immer ihrer Stadt sicherte.

Florenz» 5. Septbr. Die erste offizielle
Konferenz für den Frieden ist vorgestern in
Wien abgehalten worden. Die Bevollmächtig-
ten Jtaliens und Oesterreichs unterzeichneten
an jenem Tage die Einleitung und einige Artikel.

Florenz. 5. Sept. Die „Gazetta ufficiale"
meldet: „Die Regicrung hat Maßregeln zur
Dislocatchn der Truppen wegen der im oberen
Friaul herrichenden Cholera getroffen. Vier
Armeccorps werden auf die Linie von Piacenza
nach Ancona, die anderen Corps nach Venetien
verlegt."

T ü r k e i.

Konstantiiiopcl. 4. Sept. Der im Juli
fällige Coupon dcr allgemeinen Schuld wird
am 13. Oclober von dcr ottomanischen Bank
ausbezahlt werden.

Konstantinopel, 4. Sept. Die Nach-
sendung von Verstärkungen nach Candia ist
suspendirt; man erwartet zuvor das Resultat
der dem Stabschef Mustapha Pascha anver-
trauten Mission. Letzterer soll den Candioten
die Aufhebung der neuesten Stcuern anbieten.
Vor Candia sind amerikanische Kriegsschiffe an-
gekommen; die Einwohner haben dieselben um
Schutz angerufen.

Steueste Nachrickten.

Von der Trientiner Grenze, 6. Sept,
Nachm. Ein vertrauliches Zirkular lädt die
Gemeindevorstcher ein, die Gemeindevertreter
zum Behuf der Abfassung einer den Wunsch
des Verbleibcns bei Oesterreich ausdrückenden
Adresse zusammen zu berufeu.

Wien, 6. Sept., AbcndS. Die amtliche
Zeitung mcldet, daß der Kriegsminister, Graf
von Degenfeld, auf .eigenes Ansuchen sMes
Postens enthoben und GesundheitS halber unter
Verleihung des Feldzeugmeistercharakters für
geleistete wichtige Dicnste in bleibenden Ruhe-
stand versetzt worden ist.

Paris, 6. Sept., Abends. Nach Briefen
ans Konstantinopel ist die Concession für die
Docks nnd Entrepots in der Türkzi dem Haus
Mires übertragen worden.

Versetzungen in dem Großh. Armeecorps.

^(Schluß.)^ ^ r-E s

zum (1.) Leib-Drag.-Rcg., Oberleutnant Busch vom
Ledensmiitel-Fuhrwesen zum (1.) Leib - Drag. - Reg.,
Leuln. Bübler vou der Ersatzabth. zum (1.) Leib-
Drag.-Reg., Leuln. Schmidt von der Ersatzabth. zum
2. Drag.-Reg.. Leulu. Schinzing von der Ersatzabth.
-um 3. Drag.-Rcg., Leuln. v. Henniu von der Ersatz-
abth. zum (t.) Leib-Drag.-Reg. Der RecrutirungSoffiz.
Oberst v. Böcklin vom Armeecorps wird der ihm durch
höchsten Beiehl vom 20. Juin^^ I.^Nr.^d2, über-

der^l. Jnfanteriebrigade, wird wieder die Garnisons-
commandautschast Mannheim übertragen. Zu Brigade-

» commandanten dcr Jnfanterie werden ernannt: Für die
' 1. Brigade: Getleralmajor v. Laroche, mit dem Sitz
in Mannheim; für die 2. Brigade: Oberst Ludwig
v. Neubronn, mit dein Sitz in Freibura.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Sich
unterm 28. Aug. d. I. allergnadigst bewogen gefun^n:

Mannheim, 5. Sepl, Jn dir h-utigen
öffentlichcn Sitzung des grotzh. Kreis- und Hof»
gerichts wurden durch den großh. KreiS - und
Hofgerichisvräsidenien Nestler für dns 3. Quar-
tal folgende Gefchworene gezogen:

I. H auptgeschworene: Fran; Schotterer. Müller
in SchrieSheim; Adam Heller, Gastwirth in Bargm;
Anton Eller, Bürgerm. in PeterSlhal; Al hert Schrciber,
^orst ^mM^oöba^

Friedvich Wunder, Uhrmacher, Karl Betz, Kaufmann,
Friedrich Wilhelm Langeloth, Wirth, Karl Köhler, Be-
zirksförster, Mar Frhr. v. Roggenbach, Bcnj. Boime,

vcrmifchte Nnchrichten.

Aus der Pfalz, den 3. Sept., schreibt^der „Schw.

Frankfurt, 6. Seplbr^!Oer gMe^nimo,^der^die

^ 1882er Amcnkaner verkehrtcn von 75^/-—b/g—i/,.

aclien zu 142—^/z, 1860er Loose zii 62i/g, im Nmsatz.

zu^9iv!"bez." 'Darmst.^Bank'206>/r G^° ^""^^rger
Ostbahu 115 Br.

Jn Wechseln: London IIN/g. Paris93V8- Wien 91.
Napoleons 9. 23Vr-24V2»

6 Uhr AbendS. Jn der Efsectensocietat war wenig
Geschäft. 1882er amerikan. Bonds 75V« bcz. Oesterr.
Greditactien 143 G. 1860er Loose 63 G.

Gottesdienst in Heidelberg.

Hoheit deS^ Großherzog?. Feftgottesdienst in der Heilig'-
geistkirche uM 9 Uhr; es predigt daselbst Hr. Stadtpst.
H erbst.

Uebrige Goltesdienste: in der Providenzkirche, 9 Uhr,
Hr. Decan Dr. Zittel.

Nachmittags 2 Uhr,

in der Heiliggeistkirche: Hr. Stadtpfr. Sch ellenberg.
Wochengottesdienst:

Mittwoch, 8 Uhr, in der Hciliggeistkirche: Hr. Stadt-
loading ...