Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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Ueidtlberger Zeilung.

M 213


Dienstag, 11 September


18G«.

* Politische Uursckau.

Heidetberg, 10. September.

Die Berufung des würtemb. Landtages soll
neueren Anordnungen zufolge auf das lctzte
Drittel dieses Monats erfolgen, und zwar als
zwciter ordenllicher Landtag der jetzigen Wahl-
periode. (Wie der „Würt. Staatsanz." neuer-
dings meldet, wird der Landtag auf den 25. d.
einberufen.)

Wie die „B.- u. H.-Zt'g." erfahrt, werden
in der zweiten Hälfte des Oktober, spätestcns
Anfanas November d. I., die Minister der
sämmtlichen zum Norddeutschen Bundesstaate
vereinigten Länder in Berlin zusammentreten,
um dic Vorlage bezüglich der Grujidzüge zur
Bundesreform für daö Parlament festzustellen.

Aus guter Qu'clle wird dcm Fr. I. bestätigt,
daß der Kronprinz von Preußen zum Vicekönig
von Hannovcr bestimmt ist.' Nicht mit gleicher
Bcftimmtheit, aber doch als wahrscheinlich, ver-
lautet, Prinz Friedrich Karl werde in Zukunft
in Franksurt, vielleicht abwechselnd mit Kassel
und Wiesbaden, residiren.

NachdeM der Antrag der Commission des
preuß. Landtages in Betreff des Einverleibungs-
gesctzes vom Plenum angenommen ist, scheint
es uns zunächst nicht unnöthig, denselben in
seinem Wortlante nochmalS mitzutheilen. Er
lautet: Dem folgendcn Gesetzentwurf unter Ab-
lehnung der Regierungsvorlage die Zustimmung
zu ertheilen: „Wir Wilhelm, von GotteS Gna-
den König von Preußen rc., verordnen unter
Zustimmnng beider Häuser des LandtagS was
folgt: § 1. Das Königreich Hannover, das
Kurfürstenthum Hessen, däs Herzogthum Nafsau
und die freie Stadt Frankfurt werden in Ge-
mäßheit deS Art. 2 der Verfassungsurkunde für
den preußischen Staat mit der preußischen Mo-
narchie für immer vereinigt. 8 2. Die prcuß.
Verfassung tritt in diesen Landestheilen am 1.
Oklober 1867 in Kraft; die zu diesem Behufe
nothwendigen Abänderungs-, Zusatz-und Aus-
sührungs-Bestimmungen werden durch besondere
Gesetze festgestelld. § 3. Das Staaksministe-
rium wird mit der Ausführung des gegenwär-
tigen GesetzeS bcauftragt. Urkundlich unter
Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und
bei'gedrucktem königlichen Jnsiegel. Gegeben rc."

Die Wiederaufnahme der diplomatischen Be-
ziehungen zwischen Oesterreich und Prenßen
wird schon nächster Tage erwartet.

Der Rücktritt des österreichischen KriegSmi-
nisters, FML. v. Frank (nicht Degenfeld, wie
das Telegramm in Nr. 211 besagt) hat keiner-
lei politische Bedeutung.

Eine in ihrer Art eigenthümliche Nachricht
wird der N. D. Ztg. aus Wien mitgetheilt.
Mehrere Erzherzöge sollen in einem Dokumente
förmlich gegen die Ausschließung Oesterreichs
aus Deutschlaud rc. protestirt haben und dem
Kaiser die Berechliguug zur Anuahme der be-
trcffenden prcußijchen Friedensbedingungen be-
streiten. Am Schlusse des Documenls soll ge-
sagt sein, der Kaiser sei nicht berechtigt gewe-
seu, ohne einen Familienrath zu hören, so wich-
tiger Rcchie wie des BundespräsidiumS u. s. w.
ftch derart zu begeben, wie cs durch die beiden
Unterhändler zu Nikolsburg geschehen ist.

Die „Deballe" meldet, daß in nächster Zeit
eine Zusammenkuuft deutsch.österreichlscher Ab-
geordneter, zum Zwccke der Vereinbarung über
ein gemeinsames Verhalten, staltftnden wird.
Als Ort der Zusammenkunft ift Aussee bc-
stimmt, an ihr werden die meisten hervorragen-
den Abgeordueten auS Deutjch-Oesterreich Theil
nehmen.

Cs ist kein Zweifel mehr an der Existenz
des kaiserlichen Schreibens au Lavalette (s.
Heidclb. Ztg. Nr. 211 Umschäu). Man tele-
graphirt der Köln. Zlg. aus Berlin, 7.L>ept.,
darüber „in zuverläisiger Weise" folgendes
Nähere: „Während der Unlerredung Bencdetli's
mit dcm Grafen Bismarck yabe Herr Drouyn
de LhuyS die Jdee gehabt, die Compcnjation
zu entwerfen, auf welche Frankreich ein Necht
hätte. Jetzt sagen die Zeilungen, man refusire
Frankreich den Nhein. Aus den Berrchten Be-
nedetti's gehe hervor, daß Frankrelch sür cinen
geringen Vortheil ganz Deutschland gegen sich
haben würde. Hr. v. Lavalette solle das Aücs
energisch dementiren lasftu, klarer, als bis jetzt
geschehen sei. Der Schluß des Schreibens soll
wörtlich lauten: „Das wahrhafle Jnteresse
Frankreichs ist nicht, irgend eine unbedcutenvc
territoriale Vcrgrößereruug zu erhalten, sondern
Deutschland darin zu unlerslützen, daß es sich
in einer Weise constituire/ die für seine und
für Europas Jnteressen am vortheilhaftesten
ist."" Die Form des Ganzen scheint eine sehr
vertrauliche zu sein, ja, wie man der „Europe"
meldet, ist es ein einfaches Handbillet.

Die „Natione" behauptel, daß, obglcich die
Volköabstimmung geschehen wird, die ital. Reg.
dennoch in ihrer im -Namen des nationalen
Rechtes in Veneticn eingenommenen militäri-
schcn und politischen Slellung Nichts ändern
wird. Diese Erklärung sci allen Commissären
des Königs in Vcnetien mitgetheilt worden.

Die in Kopenhagen erscheinende „BcrlinSke
Tidende" theilt den Worllaut der Adresse der
Nordschleswig'er an den König von Preußen

mit und constatirt die Annahme der Adresse
(aber nicht der Dcputation) von Seiten des
Grafen v. BiSmarck mit dem Versprcchtn, die-
selbe dem Könige zu überreichen, sowie bald zu
beantworten. Der Verkehr der Deputation mit
dem Grafen v. Bismarck sci nur ein schrift-
licher gewesen. Die Adresse bittct um Abstim-
mung, soweit die dänische Bcvölkerung reicht,
bis südlich von Flensburg (so weit rcicht fte
aber nicht, wohl aber die deutsche weit nörd-
licher als Flensburg), und fügt hinzu, die
Gewahrung dieses Wunsches werde den Frie-
den und die Freundschast zwischen Dänemark
und Deutschland befestigen.

D e u t f ch l .r n d.

x Karlsruhe, 9. Sept. Was istzunächst
unsere Aufgabe? Von der richtigen Auf-
fassung dersclben und ihrer verftändigen Ver-
wirklichung hängt bci der gegenwärtigen Lage
der Dinge zum guten Thcil die Zukunft der
süddeutschen Staaten, und damit die deulsche
Zukunft überhaupt ab. Wir sagen die „deutsche
Znkunft", denn es dürftc ftch bal'd heraus-
stellen, wie unentbehrlich und nothwendig zur
Erhaltung ächt dcutschen Wesens und Geistes
überhaupteine lebendige Weckselwirkung zwischen
dem Norden und Süden des großen Bundes
ist, das wir als unser gemeinsames Vaterland
erkennen. Würde ein unseligcs Geschick wollen,
daß die Mainlinie nicht etwa nur vorüberge-
hend die politische Grenzlinic zwischen dcm
unter Preußen geeinigten Nordbund unv dem
zerrissenen Süden bezeichnete, sondern zu einer
trennenden Scheidewanä zwischen beiden sich
gestaltete, so wäre dies das Ende der deut-
schen Nation (ünis 6ei msniue!); der Nor-
den würde vou dem spezifischen Borussenthum
absorbirt, und der Süden müßte in sich selbst
verkümmern! . .

Auf dem Geviete der materiellen Jnteressen
ist dieS auch allgemcin erkannt und anerkaunt,
und zwar im Süden sowohl, alS im Norden.
Dort wie hier hat man die Nothwcndigkeit,
die bisherige Zoll- und Handels.verbindung zu
erhalten und noch enger zu schlicßen crkannt
und hat ihr auch sofort Rechuung getragen.
Man sieht hierin eine der Grundbedingungen
der Existenz in Gegenwärt und Zukunft, und
zwar sowohl rechts wie links vom Main.

Aber der Mensch, und damit auch ein ganzes
Volk lebt nicht vom Brod allein^. zu einem
würdigen Dasein und zur gedeihlichen Wohl-
fahrt gehören noch ganz andere Dinge, deren
Inbegriff die Höhe der Civilisation, den geistigen
Werth und gleichsam den wahren Lebeusodem

durch schöne Witterung; deßhalb war auch der Be-
such ein sehr reichlicher und der Glanz der Gesell-
schaft ein großartiger. Auf dem fürstlichen Balcone
erschienen u. A. der Fürst von Fürstenberg, der
Erbprinz und vie Prinzessin Amalie von Fürsten-
berg. Wohl 400 Wagen aller Art waren erschie-
nen, um die Zuschauerräume anzufüllen; vorher
schon konnte man fich erfreuen am Anblicke der
edeln Renner, welche rn großer Anzahl und in
außerordentlicher Schönheit in und vor den Stäl-
len zu sehen waren. Heute allein ritten in 5 Ren-
nen 41 Pferde, während 60 angezeigt waren, obne
Mitrechnung jener, welche früher als heute zurück-
gezogen wurden, bezw. für welche die Eigenthümrer
Reuegeld bezahlt hatten. Das erste Rennen war
um den PreiS von Karlsruhe: 3000 Frkn.,
Elnsatz 100 Frkn., Entfkrnimg 1500 M-ttr. D-n
den 9 auf der Bahn erschienenen Pferden, welche
schön abgingen, nahm zuerst des HerzogS v. Ha-
milton br. Hengst „Apsley" die Spitze, gefolgt von
des Grafen v. Lagrange'S zweijährigem schwarzen
Hengfte „Montgoubert", welch letzterer schließlich l

nock dem Apsley den Sieg abrang. 2. Preis von
Eberstein (Handicap): 3000 Fr., EinsatzlOOFr.,
Entfernung 2400 Meter. Von den 13 erschienenen
Pferden errang des Hrn. Delamarre's br. Hengst
„Eollet-Monte" den Preis, 2. Pferd war, wenn
wir recht gesehen haben, des Hrn. A. Lupin's br.
Stute Damiette. 3. Großer Preis von Ba-
den: 20,000 Frkn. und Ehrenpreis, gegeben
von Sr. K. H. dem Großherzog von Baden,
bestehend in einem in Pforzheim gefertigten silber-
nen Tafelaufsatze, über dessen Fußgestell eine Edel-
frau zu Pferde sitzt und einen Falken steigen läßt,
während Knecht und Hund neben thr stehen; von
dicsen aus zieht sick nach oben ein schlanker Stamm,
der in Form eines ArmleucktcrS in 7 Bouquethal-
tern sich entfaltet. Es erschienen 6 Pferde, der
Einsatz betrug bOO Frkn., das Reugeld 300 Frkn.,
die Entfernung 3200 Meter. Das 2. Pferd erhielt
1000 Frkn. auS den Einsätzen. Die braune Stute
„Etoile-Filante" deS Hrn. Lunel, welche anfangs
nur den dritten und vierten Platz eingenommen
hatte, holte nahe dem Ziele rasch die vorderen
Pferde etn und erreichte den Ring als 1. Pferd
um eine ganze Pferdelänge vor dem 2. des Grafen

! (Herrenreiten): 3000 Frkn., Einsatz 150 Frkn.,

! Einschretbung 50 Frkn., Entfernung 2400 Meter.

Von den 10 angezeigten Pferden erschienen 5 am
^ Pfosten, wovon anfänglich Hrn. F. Kent's „Said"
! die Führung nahm, dann aber von Hrn. Delamar-
j re's br. Stute „Willts" Lberholt wurde, welche
> auch die Spitze behielt und den Sieg davon trug,
^ „Beadle" des Herzogs von Hamilton war 2. Pferd,
! „La-Germatu" des Grafen v. Lagrange 3., „Said"
blieb ganz zurück. 5. Ldnsolationspreis:
1500 Frkn., Einsatz 25 Frkn., Entfernung 2000
Meter, das 2. Pferd erhielt bie Einsätze. Anmel-
! dungen offen auf der Bahn bis zum Beginn des
! Wiegens. Es erschienen die Pferde Reveille-Ma-
tin, Gazehound, MUe. de Varaville, Juliet, Kory-
Kory, Last Born, Gaulois, Medeon. Es siegte
! jedoch erst nahe am Ziele — deS Grafen von La-
grange'S br. Stute „Mlle. de Varaville". Freitag,

I 7. September, vierter und letzter Renntag. Große
Steeple-Ehaffe: 500 FriedrichSd'or (10,750 Frkn.)
l und Verkaufs-Iagdrennen: 2500 Frkn. Anfang
Nachmittags 3 Uhr. (B. L.-Ztg.)
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