Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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etwa für dercn Umfang, sondern überhaupt um
deren Bedeutuug und Wcrth zu mcffcn, ist ohne
unser Wlssen und Willen ein ganz andercr ge-
worden, Daß kleinere Staatcn gegenüber dcr
Großartigkeit dcr ncuern Knlturentwicklung,
deren Bedürfniffe und Ansprüche gleichsam ver-
schwinden und mehr und mehr alle Bedeutung
vcrlieren, das könnte nur cin Blindcr nicht se-
hen wollcn Sie sind zur politischen und mi-
litarischen Ohnmacht vcrurtheilt, die nur um
so trauriger sich zeigt nnd durch die That sich
herausstcllt, sobald sie mit äußerster Kraftauf-
bietung eine Rolle spielen und dcn Schein für
pch gkwinnen wollen, als stinden sie auf eige-
nen Füßen und könnten sie ihre eigene Bahn
wandcln, Richts ist in der That kläglicher,
nutzloser uud selbst für ihren Bestand verderb-
lichcr als das Großstaatsspielen der Kleinen,
wodurch kurzsichtigc sogenannte Staatsmänner
diese sclbst mehr und mehr erschöpfen und iu
unseru Tazeu unmöglich machen.

Dicse an sich lächerliche, in ihren Folgen
aber vcrderbliche Selbstüberschätzuug der Klein-
staaten ist es nämlich gewcscn, die biSher dcr
Verwirklichung deS Föderalismus in Deutsch-
land die größten Hindcrniffe bereitet hat, Eine
wahre nationalc Einlgung ist in Deutschland
nur auf Grund der natürlichcn Besvnderungcu
aufzubauen; um dicS aber möglich zu machen
und dem zu schaffcndcn Organismus selbstjtän-
digcS Leben zu gebcn, war unumgängiich uoth-
wcndig, daß die Einzelnen sich auch zu wirk-
lichen Glicdern gestalteten, d, i, daß sic joviel
vou dem Jhrigen an das Ganze abgabcn, alS
nöthig ist, damit darauS cinc lebensfähigc hö-
here Potenz hervorgehcn könnte, die erhaltend
und anregcnd auf die Glieder znrückivirktc, wäh-
rend diese der gemeinsame Trägcr jcner waren,

Wie oft ist aber, wcnn in deutschcn Kam-
mern das Bcdürsniß und die Nothwcndigkeit
einer solchen Organisation schon im wohlver-
standenen conservativcn Jntcreffe, vorgebracht
und mit aller Wärme nativnaler G-sinnung
belont worden ist, von unsern Staatslenkern
entgegnet worden: „Wir sind groß genug,'
um uns selbst zu geuügen." ES ist noch
nicht lange her, daß diese d-utsche Phiiisterpo-
litik in einem dcr größcrn dcutschen Schöppen-
staaten in angegcbener Weise fast wörtlich sich
breit gemacht hat, Zn andern'ist Äehnliches
geschehen im Norden und Süden. Bei der cr-
sten Feuerprobe hat indeß diese StaatSweiSheit
in der poiitischen wie in der militärischen Füh-
rung eine solche Jmpvtcnz an Tag gelcgt und
beurkundet, daß man sich in der That nicht wun-
dern dars, daß das Föderativsystcm in Dentsch-
land fast allen Crcdit vcrloren, und über Nacht
nicht Wenige seincr bisherigen Anhänger in das
Lager dc« nationalen EinhcitsstaateS übcrgetre-
ten stnd, Wie die Dingc jctzt stehen, kann eS
keinem Zweifcl unterliegen, daß in Dcutschland
die große Mehrheit dcm Einhcitsstaat zutreibt
und sein Gelingen weit mehr Ehanccn sür sich
hat, alS dieS hinsichtlich des Föd-ralismuS je
der Fall war. Weil die Glieder den Bundes-
staat zur rcchten Zeit nicht wollten, sind ste
bcdroht, in dem EinheitSstaat auszugehen, selbst
wenn ihnen vergvnnt bleibt, noch einige Zeit
eine Schcincristenz fortzuführen.

Jst nun aber dies das Endziel, wohin wir
Allc, die Einen mit dcn Andern wider Willen
durch die Macht der Dinge getrieben werden,
so wird eS die Ansgabe dcr wahrhaft patrioti?
schen und liberalcn Partei scin, zur Einheit die
Freiheit hier zu retten, dort hinznzufügen,

Karlsruhe, 19. Sept, ES unterliegt kci-
NIM Zweisel, schrcibt der Schw. M,, daß die
Macht der Ereigniffe anch in dcr bad. 2. Kam-
mer alle kleinen Parteischattirnngen in Dingen
der dcutschen Politik aufhebcn wird; namentlich
kann aus die jrüheie Fortschrittspartei für den
Anschlnß an die allgcmein deutsche, jetzt durch
den Nordbund »ertrctene Politik fest gerechnet
werden, Dcr süddeutsche Bund wird iin Hause
kaum 3—4 Stimmen haben, wcil man in ihm
einc Organisation dcr Trennung dcr dculschen
Stämme crblickt, d. h. daö Schlimmste, waS
Dcutschland begegnen könnte.

Mainz, 19, Scpt, Dic Landwchrmänner,
welchc pvrgcstern Abcnd unter Escvrte von
Frankfurt hicrhcrgebrachl wurden, werden alle
nach der Fcstung Ehrenbrcitstein bei Coblcnz

tranSportirt, wvselbst dic llntersuchnng einge-
leitet und gcsührt wcrden wird,

Berlin, 20, Scpl, D-r Einzug der Trup-
pcn crfolgte hcule um 11'/s llhr in vvrgeschrie-
bener Ordnunz und'uuter dem größtcn Enthu-
ffaSmus des VolkeS, Dem Königc voran rit-
len dcr Ministcrpräsident Graf BiSmarck, der
Kriegsminister v, Roon, dic Generale v, Moltke,
v, Vvigt-Rheetz und v, Blumeulhal, Von Jnng-
frauen empfing der König drei Lorbeerkränze,
einen für sich, eineu sür den Krouprinzen und
einen für den Prinzen Friedrich Karl, Auf
di- BegrüßungSrede des Obcr-Bürgermcisters
sprach der König seinen Dank für den würdi-
gcn und reichen Empfang aus, indem er her-
vorhob, daß derseibe nicht ihm, sondern den cin-
ziehenden Triippcn gcltcn möge, Zahlreiche Or-
dcnsvcrleihungeii und AvaucemenIS sind ersolgt.
BiSmarck wurde zum Chef scines Landwchrre-
giments und zum General ernannt, Der Kron-
prinz uud der Prinz Friedrich Karl erhielten
den Orden pvnr la m«rite mit dcM Bildniffe
Friedrichs des Großen.

OesterreieHische Monarehie

Wien, I tz. Sept, Die Bcfestigung Wiens
ist grundsätzlich angenommen, jedoch dürstrn
die Arbeiten erst im künftigen Zahre begonnen
wcrden,

Wien, 18, Septbr. Einer Meldung im
„Volksfreund" zufolge ist der Abschluß des Frie-
dens zwijchen Preußen und Sachscn erfolgt,
llnter den Bedingnngen befinden sich: Eine
selbstständige sächsische Armee im Stand von
40,000 Mann, Der Kronprinz, welcher deren
Oberbcsehlshaber ist , leistet dem König von
Preußen einen Eid. Der Königftein wird Bun-
desfestung, Die Rückkehr der sächsischen Trup-
pen erfolgt am 2i>. d. (N. C.)

Wien, 19, Sept, Aus-Venedig wird be-
richtet: Nach erfplgtem dcfinitivem Friedens-
schluffe zwischcn Öesterrcich und Jtalicn und
nach dem Abzuge der k, k, Truppen aus den
hieffgen Festungen wird dcr französtsche Gene-
ral Lebocnf im Namen FrankreichS provisorisch
die Leitung dcr RegiermigSgeschäste übernehmen.
Es stnd bereits die Personen bezeichnet, welche
alS VertrauciiSmämicr Bcnedigs dem französi-
schen Kommiffär zur Scitc stehen und die Gc-
schäflc besorgen Ivcrden. Dic Stadt Venedkg
ist bckanntlich in sechS Theile (sestisni) einge-
theiit, und ein j-der solcher Stadttheil wird der
Verwaltung eineS VertraucnSmanne« übergebcn
werden, welcher flch jedes jeincr Organe wählt
und mit diesen für dir Aufrechthaltung der öf-
fenilichen Ördiiung und Ruhr und die Vor-
nahme des sutkrsK« univeisöl jorgt, Zur
Alljrechthaltung d-r Ordnung wird die Nalio»
nglgarde errichtct werden, welche in jedem Se-
sticre den Bcfchlcn des genannten Vertrauens-
manncs untersteht, Als Ch-f sämmllicher sechS
Vertrauensmänncr wird dcr nck latus deS Ge-
nerals Lcboeuf, der Graf B-redin auS Treviio,
fungiren, welcher demnach der eigentliche Chef
d-r zu dildenden provisorischcn Regiernng wäre,

Triest, 18, Sept. Die Kaiserin Charlotte
von Mepiko ist heule srüh nach Rom g-rcist.

Polei, 19, Sept. (A, Z,) Das Kanonen-
boot „Dalmat" fährt heute nach Candia ab,
Mehrere KriegSschiffe werdcn solgen.

Niederlanve

Haag, 1ß, Sept. Hr, My-r, der unlängst
entlaffenc Kvlonialminister, ist anstatt des Hrn,
Sloeh van de Bele zum Generalgouverneur der
niederländisch-ostindischen Kolonien ernannt.

F r a n k r e i ch

Paris, 17. Sept. Ueber die Bedeutung
des Nundschreibens Lavalette's herrscht
keine Verschiedenheit des Urtheils in der fran-
zösischen Presse. Ohne Ausnahme erklärt man
es für ein im höchsten Sinn friedliches Acten-
stück; es wird deßhalb selbstverständlich günsti-
ger von den Freunden Preußens, minder gün-
stiger von dessen Gegnern ausgenommcn. Wir
führen für heute die Acußerungen des Tcmps
und des Journals des Dcbats an. Der Temps
bemerkt: „Wir zweifeln nicht, daß das Rund-
schreibcn besonders in Deutschland die ange-
nehmste Aufnahme finden wird. Es zeichnet
die Politik der Regicrung in seltener Bestimmt-
heit, und diese Politik ist nichts AndereS als
die osfene, unumwundene Annahme, ja mehr

noch, Rechtfertigung der vollendeten Thatsachen,
obwohl diese offenbar die ursprünglichcn An-
sichten oder Wünsche unserer Regierung, wie
sie im Brief an Drouyn de Lhuys niedergelegt
sind, überschritten haben. Es ist sogar eine
neue Theorie Europa's und der Welt, gegrün-
det auf diese Thatsächen. Weit entfernt^ zu
bedauern, daß Oesterreich nicht seine große Stel-
lung in Deutschland bewahrt, scheint der Mar-
quis v. Lavalette vielmehr diese Macht zu be-
glückwünschen, daß sie ihrer deutschen, wie ihrer
italienischen Verwicklungen ledig ist. Preußen
herrscht auf dem rechten Mainufer, und die Er-
wahnung dieser Gränze ist die einzige Anspie-
lung auf die Stipulation von Nikolsburg. Will
Preußen je über den Main hinübergehen, so
scheint es nicht, daß wir uns darüber sehr be-
trüben sollen, denn eine unwiderstehliche Macht,
„„ein vielleicht providentieller Jmpuls treibt
die Völker dazu, sich als großes Ganze zusam-
menzuschließen und die kleineren Staaten ver-
schwinden zu machen."" Dieses prophetische
Licht, auf unsere zeitgenössische Geschichte gewor-
fen, verdient sicherlich alle Aufmerksamkcit: der
König von Sachsen wird dabei erseufzen, und
vielleicht mag es auch noch an andern Orten
Schlaflosigkciten verursachen." Das Journal
des Debats schreibt: „Der Minister ist also
der Ansicht, daß Frankreich kein Recht und kein
Jnteresse hatte, Deutschland zu hindern, sich
entjprechend dem Wunsch seiner Bevölkerungen
selbst zu konstituiren, daß die Vergrößerung
Prcußens aufgewogen sei durch den Bruch des
Bandes, welches es mit Oesterreich verknüpfte,
daß die Politik, welche hie Stärke eines Staats
auf die Schwäche seiner Nachbarn gründet, ver-
allet und vom neucn Recht Europa's verur-
theilt sei, daß endlich Frankreich mit seinem
compacten Gebiet, seiner unzerstörbaren Natio-
nalität nichts zu fürchten habe, wenn es die
benachbarten Staaten nach densclben Grnnd-
sätzen sich organisiren sieht, die es selbst ange-
wandt hat und die seine Größe und Stärke
ausmachcn. Das Rundschreiben ist von einem
versöhnlichen, hohen Geist beseelt, geeignet un-
würdige Besorgnisse oder Nacenantipathieen zu
verscheuchen, die glücklicherweise in unserer Zeit

denen, die meinen, es sei eine gute Politik, An-
gesichts Europa zu erklären, daß Frankreichs
Lage gefährdet, sein Einfluß verloren, seine
Macht gebrochen sei, weil Deutschland seine
Verfassung verbeffert hat. Die Regierung denkt
wic wir, daß ein besser constituirtes Europa
eine Bürgschaft des Friedens ist. Sehen wir
nun zu, ob die beste Art den Frieden zu haben,
nicht die ist, sich zum Frieden vorzubereiten,
und lassen wir uns durch keine kriegerische Auf-
hetzungen dazu bringen, die Jnteressen der eu-
ropäischen Bildung und unserer eigenen Frei-
heiten zu vernachlässigen."

Paris, 18. Sept. Die „Patrie" glaubt
zu wissen, daß die Zuaven und die Fußjager,
wie die hundert Linienregimenter das neue Zünd-
nadelgewchr erhalten werden. Man denkt, daß
die Fabrikation so schnell vor sich gehen kann,
daß binnen zwei Iahren die ganze ftanzös. Jn-
fanterie mit dieser Waffe versehen sein wird.
Ueber die Bewaffnung der Kavallerie werden
noch specielle Versuche angestellt werden.

Paris, 20. Scptbr. Jm „Moniteur" be-
nachrichtigt der Präsident der mericanischen Fi-
nanzcommission die Jnhaber von mexicanischen
Renten und Obligationen, daß, da von Seiten
der Negierung von Mexico keine Deckung für
Zahlung der Rückstände nnd der Coupons,
welche zum 1. October fällig sind, gemacht wor-
den ist, die Rückzahlung nicht stattfinden wird.

Marseille, ^9. Sept. Die diesen Mör-
gcn angekommene englische Post bringt folgende
Nachrichten: Bombay, 23. Aubust. Die Baum-
wolle geht herunter und ein neues Fallen ist
wahrscheinlich, dcnn die seit 2 Mönaten unter-
brochene Zufuhr wird bedeutend sein. — Kur-
rachu, 20. Angust. Eine von einer wahren
-Sündfluth begleitcte Cyclone hat am 5. nnd 6.
große Verheerungen angerichtet. 500 Hauser
sind zusammengestürzt. Es gab viele Todte.
Der Telegraph, die Eiscnbahn uud die Land-
straßen sind unterbrochen worden. Der Negcn
ist indessen der.Ernte günstig gewescn. Der
Sesam, der hier selten ift, ist im Jnnern in
Menge vorhanden.
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