Heidelberger Zeitung — 1866 (Juli bis Dezember)

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tidtlbl'rgtr Ztilung.

Nl- 28Ä.


Tmmtag, 2, D-zember 18««.

Auf die „Heidelberger
Zeitrrng" kann man sich
noch für den MonaL
Aecember mit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalten. den Boten und Zeitungsträgern,
sowie der Expedition, Untere Neckarstraße
Nr. 13 n.

* Polilifche Umfcbnu.

Heidelberg, 1. Decembcr.

Die „Kreuzztg." bezeichnet die ZeitungSbe-
richte, nach welchen Freiherr v. Werther nach
Petersburg und Graf Ncdern nach Wicn gehen
sollcn, als völlig unbegründet.

Die Nachricht. daß der ehemalige Nedacteur
der „Schleswig-Holstein. Ztg.", Hr. May, im
auswärtigen Amte in Wien eine Anstellung
erhalten habe, wird für unrichtig erklärt.

Der Wiener „Wandcrer" bringt ein Tele-
gramm, nach welchem im heiligen Collegium
großes Zerwürfniß herrscht. Das Ministerium
Antonelli wankt. Exkönig Franz hat seine Equi-
pagen verkauft.

DaS italienische Parlament ist auf den 15.
December einberufen.

D e u t f ch t n d.

D Karlsruhe, 28. Novbr. Bekanntlich
besteht bei uns seit dem Jahre 1840 eine p o-
lizeiliche Verwahrungsanstalt, in wel-
cher unverbesserlichc Bettler und Müßigganger,
sowie rückfällige Diebe und Landstreicher im
Zntcresse dcr öst'entlichen Sicherheit unterge-
bracht werden können. Dic Ausnahme in diese
Anstalt ist an bestimmte Erforderniff? gcbnn-
den, die Manche, aus Erfahrung mit dcnselben
bekannt, gcschickt zu vermeiden wiffcn und sich
dadurch als Plage dcr Bcvölkerung im Lande
herumtreiben. Jn ihren Gcmeinden sind sie
aber genauFckannt und richtig gewürdigt, wenn
sie glcich andererscits dem rächenden Armc der
Polizci oder der Gerichte entgehen. Für solche
Jndividuen wären Kreisverwahrungöan-
staltenod.Kreisarbeitshäuser, in wclchen
dieselbcn Unterkunft und Beschäftigung crhalten,
von großem Werthe und würden vicl mehr im
öffentlichen Jnteressc licgen, alS die sog. Kreis-
armenhäuser, denen schon hier und da das
Wort geredet worden ist nnd welche doch die
Gemcindearmenhäuser nicht überflüssig zu ma-
chen vermöchtcn. So nützlich und anerkennenS-
werth alle die Beschlüsse, welche die KreiSver-
sammlungen in ihren diesjährigen Sitzungen
gefaßt haben, auch sein mögen, so haben wir
doch die Anrcguug dieses gcwiß nicht unwich-
tigen Gegenstandcs vermißt; die Errichtung sol-
chcr Kreisarbeitshäuser, wclche sogar von meh-
reren Kreisen zusammen geschehcn könnte, würde
zudem die Abschaffung der polizeilichen Vcrwah-
rungöanstalt, gegen deren Bcstehen ohnchin
schon längst rcchtliche Bedenken erhoben wurden
und welche dem Lande nicht unbcdeutende Ko-
sten vcrursacht, ermöglichen, und hoffen wir,
daß bei dem nächstcn Zusammentritt der Kreis-
versammlungen auch dicse Frage in Anregung
kommen wird. (Bei hiesiger Kreisversammlung
wurde in dieser Bcziehung ein Antrag zwar
gcstellt, jedoch vorerst noch'vcrschobcn. D. N.)

* Karlsruhe, 29. Nov. Die „Karlö. Ztg."
setzt die Gründe auöeinander, warum die ba-
dische Negierung auf den Vorschlag Prcußcn's,
die bestchenden Salzmonopole und Negale im
ganzen Zollvcreinsgebiet aufzuheben und eine
Salzsteuer von 2 NeichSthaler für den Centner
festzusetzcn, nicht durchaus zugcstimmt habe.
Die finanzielleu und wirthschastlichen Zustände
BadenS verlangen keine Aenderung der Besteue-
rung dcs SalzeS. Daffelbe wird gcgcnwärtig
von der Negicrung auf dcn beiden Salinen
Rappenau und Dürrheim selbst erzcugt; die

Ausfuhr und der Handel damit — das Hau-
sircn ausgenommen — ist ganz freigegeben.
Der Preis deö Kochsalzes ist im ganzen Land
per Pfnnd 3 kr., das Vichsalz und daS zu ge-
werblichen Zwccken bestimmte noch billiger. Der
niedrige PreiS deS Salzes hat cinen bedeuten-
den Verbrauch hervorgebracht; auf den Kopf
kommen jährlich ungefähr 24 Pfund (fast eben
so viel in Württemberg uud Hohenzollern),
währeud der DurchschnittSverbrauch im Zoll-
verein sich auf nur ungefähr 15 Pfund beläust,
und trägt das Salzregal der badischen Staats-
kaffe ctwa 1 Mill. fl. ein. Würde nun ftatt
deffelben eine Aenderung nach dem preußischen
Vorschlag eingeführt und würde eine Vertheilung
dcs Ertrags der beabsichtigten Steuer im g> samm-
tcnZollvcrein nach derKopfzahl derBevölkerung
vorgenommen, so hätte die diesseitige StaatS-
kasse einen EinnahmeauSfall von 300,000 bis
400,000 fl. jährlich zu erleiden und die Be-
wohner würden gleichzeitig den Nachtheil cincs
höhern SalzpreiseS zu tragen haben. Unter
solchen Umständen scheint es nicht angemessen,
daß Baden auf den erwähnten Vorschlag cin-
gche, ohne daß ihm ein entsprechendes Äequi-
valent gesichert werde. Nur eine solche Aen-
derung des Systemö der Salzstcuer ist in Ba-
den wünschenSwerth, welche die Herabsetzung
des Salzpreises für die Consumentcn ermög-
licht. Läßt sich diese nach den Umständen nicht
erreichen, so ist wenigstenS ein Acquivalent an-
zustreben, welches eine gewisse Entichadigung
sür die dem Gemeininteresse gebrachten Opfer
bietet.

K KarkSruhe, 30. Nov. Bci der hcute
Nachmittag abgehaltenen Generalvcrsammlung
dcr Actionäre der bad. Gesellschaft für
Tabaksproduction und Handel, wclche
nicht sehr zahlreich besucht war, wurde der vor-
geschriebcue Jahreöbericht erstattct, der lcidcr
auch in diesem Jahre nicht günftig für das
Unternehmen lautet. Sowohl daS Tabaksge-
schäft, als auch der Betrieb des Gutes Lilicn-
thal am Kaiserstuhl haben nicht die gewünsch-
ten Nesultate geliefcrt und ergab sich nach dem
Gewinn- und Verlust-Conto des vergangenen
IahreS ein Dcficit von 62,976 fl. 5 kr,
welcheS zunächst den Neservefond von 25.721 fl.
21 kr. anfzehrt und mit 37,254 fl. 44 kr. un-
gedcckl bleibt. Auf Grund dieseS abcrmals un-
günstigcn ErgebnisseS wurde fofort von einem
Mitglied der Äntrag aüf Einleitung der L-qui-
dation gestellt, der auch Unterstützung fand und
den Gegeustand einer bcsonders zu berufendcn
Generalversammlung bilden wird. Die Bcrichte
übcr den Stand des GcscllschaftSgutes Lilien-
thal und des NechnungSwesens stellten Beides
alö nicht zu bcanstanden dar und erhiclt auch
der Verwaltungsrath von der Vcrsammlung daS
erforderliche Äbsolutorium für seine Dienst-
führung. Der Bestand des Gutes Lilicnthal
besteht zur Zeit in 8 Pferden, 180Stück Nind-
vieh, 250 Schafen und 18 Schweinen. Das
Erndtcerträgniß und der Herbst waren befrie-
digend. doch blieb dcr lctztere an Quantität ge-
gen den in andern Ncbgegenden des Kaiser-
stuhls erzielten znrück, da eine minder saftreiche
Nebe auf dcm Gute gepflanzt kvorden war.

Z Heidelberg, 1. Dec. Gestern Abcnd
faud in der Harmonie wieder cine der bcliebten
und zahlreich besuchtcn Vcrsammlungen des
Protestantenvereins statt. Und sichcr legen dicse
Versammlüngen Zeugniß ab, ebensowohl von
dcm Jntercffe, daS ihnen entgegenkommt, als
auch davon, daß sie daffelbe in cchter Weise
zu befriedigen wissen. Das bewies auch der
gestrige Abend.

Stadtpfarrer Schellenberg eröffnet die
Versammlung mit einem Nückblick auf die Er-
eigniffe des verwichenen Sommers, welche so

i alles Jntereffe in Anspruch nahmcn, daß man
bis dahin die Vcrsammlüngcn auSsetzen mußte.
Doch sollen jene Ercigniffe uns auf diesem Ge-
biete nicht trennen. Jm Gegentheil dürfe man,
welcher politischen Nichtung man auch angehöre,
nicht verkenncn, daß es wesentlich der prote-
stantische, freiheitliche Staat sei, der gegenüber
dem Äbsolnrismus gcsicgt, und der nuu in sei-
ner weitcrn Machtfülle nm so mehr berufen
sei, Hort des ProtestantiSmns zu sein. — Da-
mit sei sogar für den Protestautenverein noch
ein weiterer Grnnd zu erncutcr Arbeit, sowohl
in Prcußen selbst für seineGrundsätze zu wir-
ken, als auch in den anncctirten Ländcrn das
zu wahrcn, was sic bereits Preußen vorauS
haben. — Gegenüber den, statt der geschlagenen
Heere, nun neu anrückenden schwarzen Schaa-
ren katholischer und protestantischer Jesuiten
müffe der Protestantcnverein wachen und ar-
beiten.

Hierauf trug Stadtvicar Hönig seinen kla-
ren, geistvollen Vortrag vor: „Geschichtlicher
Nückblick auf die verschiedenen Stufen der Ent-
wickelung deS Christenthums."

Ausgehend von der verschiedenen Anschauung
über das Christenthnm. welches die Einen qls
fertig nur in der Vergaugenheit, die Andern
dagegen als sich cntwickclnd in dcr Zukunft
suchen, gcht er nun auf die Darstellung
der vcrschiedenen Entwickelungsstufen des Chri-
stcnthums, wie cS sich namentlich im Volksleben
ausgcprägt, über.

Fünf Stnfen wcrden charakterisirt. Die erste
Stufe ist crfüllt von dem übermächtigcn Ein-
druck dcr Person Zefu, die Phantasie fieber-
artig erregt, nameutlich auch untcr dem Ge-
dankcn der nahen Wiedcrkunft Christi. Das
Christenthum erscheint als 'Wunder. Dieser
Charakter prägt sich auch in dcn Versammlun-
' gen der Christen, in ihrcr Weltflucht, im Hcr-
bcidrängcn zum Märtyrerthum u. s. w. aus.
Eine solche Erregtheit und Spannung konnte
natürlich nicht dauernd anhalten und so ge-
winnt mit dem 4. Jahrh. das Christenthum
einen andern, mehr nüchtcrnen Chrarakter. Eine
Abipannung tritt ein, dic zweite Stufe ist
die des rcflectirenden VcrstandcS, die Periode
des Dogma. Das ganze Lebcn wird von den
subtilen Streitigkeiten über das Wescn, über
die Natur Christi u. s. w. ergriffen, Kirchen-
versammlungen, kaiserliche Edikte sctzen bald
diesen, bald jenen Punkt fest, Volksaufstände,
Empörungcn sind dieHolge. Doch da ein sol-
cher Zustand Daö Gemüth auf die Dauer nicht
zu bcfriedigen vermochte, kommt daffelbe mehr
und mehr in sein Necht, namentlich da nun
mit dem 8. sol. die germanische Wclt in den
Vordergrund tritt. Wie die Dome so ist auch
in dieser drittcn Stufe das Christcnthum
eigenthümlich, gchcimnißvoll, ja abenteuerlich,
wnnderlich. Davon zengen die Kreuzzüge, dcr
Mariencultus, das Neliquien-, Mönchs- und
Klosterwesen. Ucppig wuchert die Sagenwclt.
Doch ncben dem Geheimnißvoll-Wllnderlichen
trägt die Neligion jencr Zeit auch noch den
Charakter deS Sinnlichen. Ncben der Fröm-
migkeit oft grobe Unsittlichkcit, heitercr Lcbens-
gcnnß; wie das von der Kirche sclbst begünstigt
Wird. die z. B. mit ihren Osterspaßcn die Gläu-
bigen für lange Entsagung zu entschädigen
suchte.

Eins geht aber besonders dieser Zeit ab, der
Ernst der Moral. Es mußte darum zum
Bruch kommen. Die Neformation bildet die
vierte Slufe. Ietzt kommt das Gewiffen zu
seinem Necht, eine inncrliche Frömmigkeit tritt
an die Stelle der früheren Phantasterei. Die
Persönlichkeit tritt hervor. Diese Nüchternheit
und Jnnerlichkcit zeigt sich in der Einfachheit
der kirchl. Gcbäude sowohl als auch der gotteS-
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