Heidelberger Volksblatt — 5.1872

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Genüge geſchehen. Probatum est. Das Publikum aber
kauft friſch drauf los und bezahlt Flaſchen, die keinen Cent
werth ſind, mit 10 und 20 Dollars. Hat doch ein Doc-
tor in Waſſercur und Orin (sie!) 5 Flaſchen verſchrieben,
die zu gleicher Zeit genommen werden ſollten, eine "zum
Ausputzen" der Lunge, die andere "zum Ausputzen" der
Leber, die dritte "zum Ausputzen" der Milz, die vierte
"zum Ausputzen" des Magens und die fünfte "zum Aus-
putzen" des Blutes. Der europäiſche Magen hat zwar auch
gelernt, ſtarke Stückchen der Reclame und ihrer Wirkung
zu verdauen, aber das iſt all' nichts gegen die unioniſti-
ſchen Pfuſcher, die in großer Zahl ihre Hunderttauſende
erſchwindelter Dollars verpraſſen.
(Fortſetzung folgt.)

Schwarzſeher, welcher der herbſten Verſtimmung über die
Verkommenheit Luft macht, die er geißelt.
Die charakteriſtiſchen Typen des amerikaniſchen und
New-orker Volkslebens treten der Reihe nach vor uns,
udd wir theilen über einige derſelben das Weſentlichſte
mit. An der Spitze aller Bilder und Betrachtungen aber
ſteht und ſtehe auch hier das große Motiv alles Dankee-
thums: "Möglichſt viele Dollars zu möglichſt raffinirtem
Genuſſe!" Etwas anderes gibt es nicht. Die Staatsma-
ſchine und die religiöſen Geſellſchaften erſcheinen nach dem
Verfaſſer faſt ausnahmslos durch dieſe Triebfeder bewegt,
ſo gut wie jeder Einzelne, der Richter und Geſetzgeber,
der Arzt und der Paſtor, der Advokat und der Kaufmann,
der Leiter der Rettungs- und Wohlthätigkeitsvereine, Greis
und Jüngling, Mann und Frau. Das Ganze aber iſt
mit einem glänzenden Firniß überzogen, den die beiden
Dämone kaltblütig und hohnlächelnd abkratzen, um einen
Einblick zu gewähren, wie ihn die Phantaſie des ſchlimm-
ſten Peſſimismus kaum erwartet hätte. - -
Wir wollen unter den Gekennzeichneten dem Quackſal-
ber oder Medicaſter den Vortritt laſſen, ſowohl weil das
neue deutſche Medicaſtergeſetz mit ſeiner Freigebung der
Quackſalberei unſer Jntereſſe hierfür zu einem näheren ge-
ſtaltet, als auch weil die Zahl der Schmarotzer medicini-
ſchen und medicaſtriſchen Berufs, die in der Bevölkerung
der Vereinigten Staaten und von ihren Krankheiten zehrt,
ſich mäßigen Schätzungen zufolge auf 100,000 Mann
(Aerzte, Wundärzte, Zahnärzte, förmliche Quackſalber, Apo-
theker und hauſirende Medicinverkäufer) beläuft. Es muß
ſomit als ein Beweis für die große Lebensfähigkeit des
ankees angeſehen werden, daß ihr Geſchlecht trotzdem noch
nicht zu Grunde gegangen iſt und nur eine mit Weltun-
tergang verbundene Sündfluth wird das zu leiſten im
Stande ſein, was dieſe 100,000 noch nicht zu Wege
bringen.

Loſe Blätter.

(Uebergaunert.) Kürzlich fuhr in Hamburg ein
alter, mehr dumm als gutmüthig ausſehender, ſorgfältig
gekleideter, corpulenter Herr in einem Ommibus. Zwei
Gauner ſchwatzten ihm eine Uhr für acht Thaler auf, die
nicht zwei Thaler Werth hatte. Der Alte gab ihnen ei-
nen Zehnthalerſchein und ließ ſich zwei Thaler herausge-
ben. Die Gauner ſtiegen darauf aus, kamen aber bald
athemlos zu der Stationsſtelle des Ommibus zurück und
fragten den Conducteur nach der Richtung, welche der
alte Herr eingeſchlagen habe, denn - der Zehnthalerſchein
war falſch, die zwei Thaler aber, die ſie herausgegeben
hatten, aber ächt!

(Liebesbüßer.) Zu Anfang des vierzehnten Jahr-
hunderts bildete ſich in Poiton eine Geſellſchaft von Her-
ren und Damen, die ſich "Liebesbüßer nannten. Um zu
zeigen, daß die Liebe die ſeltſamſten Verwandlungen be-
wirken könne, hüllten ſie ſich im heißen Sommer in dicke
Pelze und ſetzten ſich ſo angethan um große Feuer, wäh-
rend ſie im Winter ſich ſo leicht als möglich kleideten.

Die ankees zerfallen dieſem entſetzlichen Humbug ge-
genüber in zwei Klaſſen. Die erſte umfaßt diejenigen,
welche demſelben zum Opfer fallen und dies ſind vermöge
des außerordentlichen Mangels an Fachbildung unter den
Heilkünſtlern einerſeits und an guter und nicht ſcheinba-
rer Schulbildung andererſeits, weitaus die meiſten Bürger
der Union. Die zweite Klaſſe, weit geringer an Zahl der
Mitglieder, beſteht aus denjenigen, welche den Humbug
durchſchauen, aber dieſes Eingeweihtſein nach Kräften be-
nutzen, um auch etwas von den Millionen zu erſchnappen,
welche die heilloſe Braxis abwirft.
Ein Mann, der in Amt und Würde ſitzt und wenig-
ſtens die Pflicht hätte, den ihm bekannten gar zu frechen
Pfuſchern und Menſchentödtern das Handwerk zu legen,
läßt zwar ſolche Subjecte, etwa einen Liebespulverhändler
oder einen Vergifter von Erbonkeln verhaften - aber
nur zum Schein. Die Schelme werden wegen bewieſener
Unſchuld jedesmal entlaſſen. Dreierlei iſt erreicht. Der
Beamte ſtreicht eine Tantieme vom Verdienſte der Wieder-
entlaſſenen ein, die Qnackſalber, welche ſolche Scheinver-
haftungen gut bezahlen, werden dadurch für das ſcandal-
ſüchtige Publikum nur noch viel intereſſanter und durch
die Gloriole eines vermeintlichen Märtyrerthums anziehen-
der, und endlich iſt von Seiten der Beamten dem Geſetze

(Aus der Zeit der Troubadoure.) Richard
de Barbenſien hatte einer Prinzeſſin Treue geſchworen,
aber ſein Gelübde gebrochen. Aus Reue erbaute er ſich
in der Tiefe eines Waldes aus Zweigen eine Hütte und
ſchwor, dieſe nie zu verlaſſen, bis die beleidigte Dame
ihm wieder ihre Gunſt zuwende. Er war ein ſehr belieb-
ter Minneſänger; im Herrenſaal und im Damenzimmer
vermißte man ihn darum ſchwer; Ritter und Damen ſand-
ten oft zu ihm Boten, er möge zurückkehren. Aber ihre
Bitten blieben vergebens da verſuchten ſie Alles, um den
Zorn ſeiner Dame zu beſänftigen. Endlich ließ ſie ſich
erweichen; ſie verſprach ihm zu verzeihen, wenn hundert
tapfere Ritter und hundert ſchöne Damen, die einander
ewige Liebe geſchworen, vor ihr niederknieen und mit ge-
falteten Händen für ihren Troubadour um Gnade bitten
würden. Einhundert Paare ſolcher Liebenden erfüllten
dieſe Bedingung und dem Sänger ward vergeben.
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