Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

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1?

architekten josef berger, martin ziegler—wien. wohnraum. sofa wand mit behang

»Stil der Zeit« hat sich verflüchtigt, und es erhebt sich
die Frage: wie kann das Handwerk dem Bedürfnis nach
einer Form, die dem Rhythmus unseres Lebens entspricht,
Genüge tun? . Das rein handwerkliche Können ist im
wesentlichen erhalten. Wenn es wahr wäre, daß, wie oft
behauptet wurde, die Form nur ein Ergebnis von Zweck,
Material und Technik ist, so wäre der Weg klar vorge-
zeichnet: man brauchte ja den Handwerker nur vor eine
Aufgabe zu stellen, und er müßte sie lösen können. Die
Unmöglichkeit, auf diesem Wege auch nur bei den ein-
fachsten Aufgaben zum Ziele, d. h. zu einer lebendigen
Form zu gelangen, zeigt, wie falsch jene Theorie ist, wie
wichtig die aus ganz anderen Quellen gespeiste formende
Kraft für das Handwerk ist. Und diese formende Kraft
ist im heutigen Handwerk nur in Ausnahmefällen vor-
handen. Sie fehlt, weil es einen allgemeinen »Zeitstil«,
an dem das Handwerk einen Halt finden könnte, nicht
mehr gibt. Wenn sich heute die ersten Ansätze eines
überpersönlichen Zeitstils, der von der Maschine und
der technischen Form herkommt, zeigen, so ist auch davon
für das Handwerk bis auf weiteres kein Heil zu erwarten.
Denn das Bezeichnende dieses Stils ist ja gerade, daß
die Spuren der menschlichen Hand aus ihm getilgt sind.
So scheint in der Tat das selbständige Handwerk gefähr-
det zu sein. Der Handwerker wird gezwungen sein, dort
Anlehnung zu suchen, wo noch formende Kraft vor-
handen ist, d. h. bei den Architekten.« (schlussfolgt.)

»DIE INNEREN KRÄFTE«

Es ist zu unterscheiden zwischen Begriffen, die eine
vorhandene Wirklichkeit gedanklich zu beherrschen
gestatten, — und Begriffen, die Unwirkliches zu ver-
wirklichen trachten, Vorgestelltes herauszustellen
streben, im Inneren Gesichtetes zu betätigen wün-
schen. Jeder Vorstellung wohnt als solcher von Haus
aus eine Tendenz inne, sich in Wirklichkeit umzusetzen.
Die griechische Philosophie hatte auf ihrer Höhe den
wundervollen Begriff des »logos spermatikos« geschaffen,
aber die Folgezeit hatte nicht erfaßt, was damit gemeint

sei, oder was damit hätte gemeint sein können.....

Der analytischen Psychologie, mehr vielleicht noch
der »synthetischen« ist es in vollem Maß gelungen, nach
allen Richtungen der Seelenkunde hin an tausend über-
raschenden Erfahrungen zu erhärten, was es heiße, daß
unsere Gefühle, Vorstellungen, Gedanken und schöpfe-
rischen Begriffe ebensoviele Kräfte sind, die aus
dem Zustand dynamisch-energetischer Latenz mit oder

ohne unser Dazutun mächtig hinausdrängen.......

Gedanken, Bilder, Vorstellungen, die wir im Bewußt-
sein oder Unbewußtsein nähren, sind in Wahrheit schwän-
gernde und keimende Weltkräfte der lebendigen Er-
scheinung, sind innere Wachstums- und Ausbreitungs-
Reize, die den Strom urtümlicher Triebe je nach Wahl
und nach Absicht ablenken können. . Leopold ziegler.
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