Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION 183

ARCHITEKT THEODOR MERRILL IN KÖLN FRISIERTISCH U. SP1EOEL IM SCHLAFZIMMER

DER NEUE RHYTHMUS

»SYNKOPE« DES EIGEN- UND GEGENRHYTHMUS

Bewußt oder halbbewußt glauben wir alle an eine ein- tanzen alle die Tausend, die sich niemals sahen, wie von
greifende Veränderung unserer Kultur«, so Geisterhänden gelenkt in gleichem Takt. Weiter kann die
führt Dr. Victor Engelhardt in der Zeitschrift »Die »Vergesellschaftung« unseres geselligen Lebens, unserer
Sendung« aus. »Denken wir an die Tage der Urgroß- Ruhestunden, unseres Heims kaum mehr getrieben
väter zurück, als die Kultur des Bürgerhauses ihre feinsten werden .. Diese Wahrheit ist weder gut noch böse, — sie
Blüten entfaltete. Jeder Salon hatte seine ihm eigentüm- ist Tatsache und als solche einfach da. Gut und böse
liehe Atmosphäre, alles war auf die »Kultur des Ein- wird sie erst durch die Stellungnahme der Menschen,
zelnen« gestellt . . Wir sind heute andere Menschen Die steht jedem frei. Die Tatsachen aber wirken sich
geworden, — das fühlt jeder von uns. Und doch: im immer aus, nach eigenem Gesetz, und gehen über die
Heim blieb jener Geist der Vorväter noch lebendig. Der Wünsche der Menschen hinweg .. Der Rundfunk zwingt
Abend in der Familie, im Kreise der Freunde wahrte dort, wo er wirkt, alles in einen gemeinsamen Bann. .
einen Abglanz aus der Persönlichkeits-Kultur der alten Die Gewalt der Technik vollzieht eine »Umwer-
Zeit. Das Buch sprach zu uns. Feinsinnige Musik wurde tung«, die dahin führt, dem Einzelnen nur bedingte Da-
gepflegt. Im Schoß der Familie hörten wir das Brausen seinsrechte einzuräumen, die Einordnung des Einzel-
einesalle gleichmäßig zwingenden Rhythmus nur von Fern, wesens in ein großes Ganze aber als den Sinn der
Was bedeutet nun die Erfindung des »Rundfunks« neuen technischen Zeiten zu erleben . . Alle, an denen
in dieser Welt des häuslichen Kreises? Nicht anderes sich diese Umwertung vollzog, sehen im Eindringen tech-
alsdies: die »Öffentlichkeit« ist mit ihrem Rhyth- nischer Gewalten in das geistige Leben des Familien-
mus in unser Heim gedrungen. Das letzte Bollwerk kreises kein Übel, sondern den letzten Schritt auf einem
ist gefallen. Der Einzelne wird eingespannt in den großen notwendigen Weg. Sie fürchten das »Anderswerden«
Rhythmus, der durch den Raum strahlt und der alle an ihres Innenlebens nicht, — denn sie wissen: noch immer
den Hörem Hängenden zwingt. Vor den Lautsprechern wurden aus neuen Zeitaltern neue Menschen geboren.

1925. V. 4.
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