Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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ARCHITEKT L. L. DUSSAULT, F.R.l.B A. WOHNZIMMER. LANDSITZ »AVON HOUSE«

»DAHEIM UND^DRAUSSEN«

DIE POLE DES TÄTIGEN LEBENS

Wir leben in einem Zeitalter fundamentaler Umstell-
ungen, durchgreifender Neueinstellungen. Das
Erdreich ist die Welt des Erfinders geworden. Deut-
lich und für jedermann bemerkbar wird das Dasein im
Großen durch die Auswirkungen der gewaltigen tech-
nischen Vollbringungen der Neuzeit bestimmt. Vom
Impuls der Arbeit mit Maschinen befeuert sind Rhyth-
mus und Tempo des modernen Lebens Zusehens heftiger,
eifriger und unerbittlicher geworden. Das Räderwerk
der geschäftigen Abläufe greift täglich mathematisch-
genauer, mechanisch-pünktlicher ineinander ein und
zwingt den tätigen Menschen der Neuzeit immer dik-
tatorischer in den großen Zusammengang........

Dieser Vorgang wirkt sich notwendig im ganzen
Lebensgehaben des modernen Menschen aus, nicht zuletzt
auch in der Heimgestaltung. Ja, die alten Wechsel-
beziehungen von »Daheim« und »Draußen« treten heute
in ein neues Licht. Einmal beeinflußt das »Draußen«
das Daheim unmittelbar derart, daß unsere Wohngesittung
Zeitfarbe hat, Zeit-Charakter bekommt, und somit durch-
aus am Zeitwesen und seinen Eigenarten teil hat. . Wer
vermag sich noch ein Heim vorzustellen, wie es vor
hundert Jahren war, ohne die annehmlichen Umwand-

lungen, die die technische Ära gebracht hat, ohne all
den Komfort von Wasserleitung, Gasversorgung, Dampf-
heizung, elektrischer Kraft? Und wer wird bestreiten,
daß die Heimgestaltung ganz im Zeichen der Zeit steht,
wenn er nur flüchtig erwägt, wie sehr die Sachlichkeit
und Praktischkeit, jener Zweckdienlichkeits-Willen, der
den technischen Fortschritt der Menschheit bezeichnet,
auch das A und O aller unserer Formsetzungen und
Maßgebungen im modernen Hause geworden sind? . .

*

Zum andernmal aber wirken sich die alten Gegen-
setzungen von »Daheim« und »Draußen« heute in
verschärftem Maße aus. Die Heimgestaltung tritt in
vielen Bewandten mit ganz bewußter Andersartig-
keit dem Draußen gegenüber auf. Psychologisch wird
diese Tatsache am einfachsten verständlich. Wenn das
Leben Draußen ständig im Zeichen der Spannung und
Überspannung steht, wird der Mensch sein Heim natür-
licherweise zu einer Stätte der Entspannung machen.
Wenn der Ablauf des breiten Geschehens immer for-
dernder, immer mechanischer wird, dann muß das Heim
immer deutlicher die »Bleibe« sich selbst hingegebener
Geruhlichkeit, stillen geschöpfliehen Daseins werden.
Je weniger im Getriebe des Draußenlebens Platz für
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