Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION 397

architekt d1pl.-1no. otto f1rle-berlin palisander-bupett im hause urv-berl1n

UEBER FORM UND FUNKTION

und vom künstlerischen wachstum

Alle Dinge in der Natur haben eine Gestalt, eine Form,
£\. die uns sagt, was sie sind, wie sie sich unterschei-
den von uns selbst und voneinander. Untrüglich drücken
diese Formen in der Natur das innere Leben aus, die
angeborenen Eigenschaften. Sie sind so charakteristisch,
so erkennbar, daß wir einfach sagen: es ist »natürlich»,
daß es so ist. Form in der Natur folgt immer der Funk-
tion, — und dies ist Gesetz. Wo kein Wechsel der
Funktion, da ist in der Natur auch kein Wechsel der
Form. . Es ist das allgegenwärtige Gesetz aller natür-
lichen Dinge, organischer und anorganischer, aller phy-
sischen und metaphysischen Dinge, Gesetz aller echten
lebendigen Manifestationen des Kopfes, des Herzens,
der Seele, daß das Leben erkennbar ist in seinem
Ausdruck, daß »Form« immer der »Funktion« folgt.

Wenn in der Ausübung der Baukunst eingeborener
Instinkt und Empfindungsvermögen regieren wird, wenn
das Naturgesetz gelten wird, daß Form immer der Funk-
tion foljft; wenn der Architekt ehrlich fühlt, daß dieses
Gesetz Freiheit in der Gestaltung von überlieferten
Formen gibt, und die Schönheit und Köstlichkeit der
Auswirkungen dieses Gesetzes jeden vernünftigen, jeden
empfindenden Architekten davon abschrecken wird,

diese Freiheit in Zügellosigkeit zu verwandeln; wenn es
klar wird, daß unter dem wohltuenden Einfluß dieses
Gesetzes es ihm möglich ist, auf die einfachste, maß-
vollste und natürlichste Weise das, was in ihm ist, aus-
zudrücken, und die Baukunst so eine lebendige Sprache
der Form, eine natürliche Form der Äußerung wird: —
dann darf endlich behauptet werden, daß wir auf dem
rechten Wege sind zu einer naturlichen und befriedigen-
den Architektur, zu einer Baukunst, die lebendig sich
auswirken kann und wird, weil sie eine Kunst des Volkes,
eine Kunst für das Volk und durch das Volk sein wird.

*

Wohl nach einem Naturgesetz des künstlerischen
Wachstums bemüht sich der Geist in seinem Streben
nach Ausdruck zuerst um die »technischen« Einzelhei-
ten. Darnach um gewisse »Abstraktionen« oder Theorien,
— die großenteils mechanisch sich ergeben und in
ihrem engen Bereich ziemlich leicht verständlich sind.
Er läßt dann endlich diese Theorien allmählich wieder
fahren und erreicht eine langsame, wunderbare Ver-
mählung aller seiner konstruktiv-begrifflichen Fähigkei-
ten mit den anders und zarter gearteten Äußerungen
seiner künstlerischen Erregbarkeit. . louis suluvan.

1925 XI. 8.
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