Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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VON URSPRÜNGLICHER KUNST

das kunstwerk ist autonom

Schier bis zur Unwiderruflichkeit sind wir gewöhnt
worden, Kunst in der »Perspektive der Entwick-
lung« zu sehen; so beinahe, als ob das Wesen der Kunst
oder ein gewaltiger Teil von ihr darin bestünde, daß in
der Kunst aus dem Ersten immer das Zweite hervorgeht.
Es gibt eine Art europäischen Genusses, die ein System
der Befriedigung darin gefunden hat, immer nach dem
»Nächsten« zu fragen, das aus dem Ersten hervorgeht.
Der Zwischenraum, den man mit dem Wort »hervor-
gehen« bezeichnet, ist die Hauptsache geworden. Man
lebt zwischen den Instanzen, — unaufhörlich auf das
»Kommende« bedacht. Die Evolution ist ein Aberglaube
geworden, sie wurde eine Hysterie. Man hat es uns
unmöglich gemacht, das Einzelne an sich zu sehen.
Gegenüber jeder Einzelheit ist durch die Kenntnis der
Entwicklung ein besonderes Maß der Entfremdung vor-
geschrieben. Die Skala evolutionär empfundener Ent-
fernungen gibt heute die Temperatur des Wohlgefallens.

Aus dieser Verfassung, die mehr oder minder ein
Verhängnis für unser Kunstgefühl geworden ist, muß
man sich losreißen, ist man willens, von ursprünglichen
Kunstwerken das zu sehen, was sie zu geben haben . .
Das ursprüngliche Kunstwerk ist, was es ist. Es ist Kör-
pers genug. Der Zuschauer ist, was er ist. Er sollte
sich genug sein und keiner Vermittlung bedürfen. Das
Verhältnis zwischen Werk und Zuschauer soll und
kann vollständig sein, derart, daß alle entwicklungs-
geschichtlichen Erläuterungen abfallen. . w. hausenstein.

Die »Überraschung« ist ein Grundelement der Kunst.
Das Kunstwerk muß autonom sein, d. h. nichts
ähneln als sich selbst, und daher als ein »Wunder* er-
scheinen . . Alle großen Kunstwerke hatten bei ihrem
Erscheinen außer den Werten des Aufbaues, des Rhyth-
mus, der Formen und Farben auch den wesentlichen
Wert ihrer überraschenden »Neuheit« ! Unsere Kenntnis
dieser Werke, ihrer Nachbildungen und Plagiate haben
ihnen den Rest der Neuheit genommen. Das besagt, daß
der übertriebene Kultus der Werke der Vergangenheit,
die wir bewunderten, imitierten und plagiierten, nicht
nur insofern vernichtend ist, als er schöpferische Bega-
bungen erstickt, sondern auch absurd ist, weil man heute
immer nur einen Teil dieser halbgestorbenen Werke
bewundern, imitieren oder plagiieren kann . . Die Über-
raschung ist ein wesentliches Element der Kunst, — heute
mehr als je, — weil nach Jahrhunderten voll von Meister-
werken, welche alle die Welt überrascht haben, es sehr
schwer ist, heute die Welt zu überraschen, f. t. marinetti.



POLYPHONIE. Die Kunst der Musik suchte ehe-
mals die Reinheit und Süße des Tones. Dann ver-
schmolz sie die Töne, um durch sanfte Harmonien die
Ohren zu ergötzen. Heute erstrebt die Musik die Ver-
schmelzung der dissonanten, einander fremden Töne.
Um unsere Empfindung aufs neue zu reizen, sucht die Mu-
sik eine komplexere Polyphonie und eine größere
Skala der Klangfarben und Tongeräusche, l. russolo.

professor walter reger-berlin. farbige plastik im »haus p1esbergen«
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