Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

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fritz august breuhaus-düsseldorf arbeits-zimmer des general-direktors

Seele. Es ist bezeichnend, daß das zweite Kapitel des
ersten Buches, eines der schönsten des ganzen Werkes,
darin Weisheiten stehen, die uns einigermaßen an Marc
Aurel erinnern: »Uber den Umgang mit sich selbst« heißt.

*

Dadurch, daß Knigge den Schwerpunkt seines Buches
in das Innere, nicht auf das Außere des Menschen
legte, sicherte er seinem Werke immerwährende Moder-
nität. Nichts beweist das besser, als ein Vergleich mit
Chesterfield. Chesterfield schrieb 20 — 40 Jahre vor
Knigge. Aber wie veraltet wirken seine Erziehungsbriefe
an seinen Sohn und Enkel I Er fragte wenig nach Seele
und stellte sich vollkommen auf dasÄuß e re, aber dadurch
auch allzusehr auf das Zeitlich-Bedingte ein. Wieviel
von dem, was er lehrte, ist wirklich heute noch anwend-
bar? Wielange wird es dauern und sein Werk ist nur
noch für den Kulturgeschichtsscbreiber interessant, der
daraus den Idealtypus des Weltmannes jener Zeit abliest,
so wie wir heute aus Castigliones »Curtigiano« jenen
des Renaissance-Menschen erkennen.. Knigges Buch hin-
gegen ist bei aller Vielseitigkeit — und es gibt in der Tat
kaum ein Vorkommnis des menschlichen Lebens, das nicht
darin besprochen würde, — durch diese Einstellung auf das
Seelische heute ebenso anwendbar wie vor 150 Jahren.

Denn die menschliche Seele bleibt sich immer gleich!
Die Weisheit, die aus den Büchern der Alten strahlt,
tut es uns kund. Und das wird gewiß auch noch so
sein, wenn längst abenteuerliche Träume verwiiklicht sind
und wir ferne Gestirne betreten . . august kuhn-foelix.

BAUKUNST UND CHARAKTER

Immer wieder sieht man, wie unmöglich es ist, formale
und ästhetische Fragen von solchen psychologischer,
ökonomischer und sozialer Natur zu trennen, wie innig
die Beziehung der Architekt ur zur Totalität unseres
Lebens ist, wie Bauwerk und Möbel nichts anderes
sind als Manometer-Zeiger der vitalen Spannung unserer
Generation. So ist die Betrachtung der heutigen Archi-
tektur identisch mit einer »Morphologie der Kultur-
lage« unserer Zeit. Denn jedes Bauwerk ist eben nicht
zur Formung eines realen, technischen und künstlerischen
Problems, sondern unerhört aufschlußreich über die
Wunschvorstellung des Bauherrn oder der großen Ge-
meinschaft, die es gestaltete, — ebenso wie für die
Weltanschauung (im eigentlichen Sinne) des Architekten.
Niemals werden beide identisch sein, selbstverständ-
lich ist der Kampf zwischen ihnen, und die stärkere
Intensität wird siegen. Deswegen ist Architektur in
unserer Situation nicht mehr eine Frage des Geschmacks,
sondern eine solche des Charakters . . Paul Zucker.



JEDE ZEIT schreibt ihre Geschichte am wahrsten in
den Kunstwerken, die sie schafft . . hekmann g«imm.

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Zum echten Wesen des Deutschen gehört, sich nicht
in eine enge Besonderheit einzuspinnen, sondern
sich den Blick frei und das Herz weit für alles Große und
Edle zu erhalten, wo immer es sich finden mag. eucken.
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