Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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DIE WÜRDE DER ÄUSSEREN LEBENSFORM

ASS das (bhöne, liebevoll durchgeformte Heim etwas Höheres
und Wichtigeres ift als bloß eine Sache der Annehmlichkeit, des
leiblichen Behagens, — diefe Erkenntnis bricht fich immer weitere
Bahn. Wir willen heute, daß die Frage des Wohnens mit
den bellen, felbft mit den geiftigften Werten des Menlchenlebens
zufammenhängt. Gerade die Jahre der Entbehrung, die hinter uns liegen,
haben uns einen lehrreichen, vielfach Ichmerzlichen Anfchauungs-Unterricht er-
teilt über die Wichtigkeit und Würde der äußeren Lebensdinge. Wir fahen
die Kleiderfchränke fich leeren, wir fahen das Mobiliar, die Wohnung, die Häufer
der Verwahrlofung preisgegeben, wir fahen unfere ganze Lebens-Umgebung
und felbft unferen Lebens-Stil entarten — und wir fpürten, daß dies keine bloß
»äußerlichen« Veränderungen waren, fondern daß dadurch unfer Inwendigftes,
d. h. unfer Selbftgefühl, unfere Menlchenwürde, unfere Tatluft und Schaffens-
kraft in höchft unerwünlchtem Sinn beeinflußt wurden.

Der Menlch verlangt eben — einerlei ob er fich darüber bewußt klar
ift oder nicht — eine äußere Umgebung, die feiner inneren Kulturftufe
und Bedeutung entfprieht. Unfere Wohnungen find nicht bloße Hohl-
räume, die Schutj gegen Wind und Wetter bieten, fondern wir verlangen
von ihnen, daß fie unfer inneres Sein formvoll und fprechend widerfpiegeln.
Folgerichtig fieht man jet$t, wo das wirtlbhaftliche Leben wieder langfamer zur
Stabilität zurückftrebt, jedermann mit der Wiederherftellung der gefchädigten
»Lebensform« belchäftigt, — fo gut es irgend gehen mag. Zunächft wurde im
persönlichen Auftreten, befonders alfo in den Dingen der Kleidung, der Nah-
rung ufw., der entfprechende Lebens-Stil wieder aufgebaut. Aber nun ift die
Zeit herangekommen, wo auch das vielfach beeinträchtigte Heim wieder zur
Bedeutung einer unfer Leben darftellenden und fördernden Formenwelt er-
hoben werden muß. Dies ift eine wichtige Kultur-Arbeit, und der Mithilfe
an ihr darf fich keiner entziehen, der die Bedeutung begriffen hat, die einer
wohl durchgebildeten Di n g w elt im Rahmen eines Volkslebens zukommt.

Wie kommt eine folche formvolle Dingwelt, die fchließlich Gemein-
befitj eines ganzen Kultur-Kreifes wird, zuftande? . . Sie kommt fo zuftande,
daß die Form, wie früher an den Höfen oder im Patriziat, fo heute im Bezirk
des Befi^es und der gepflegten Lebenshaltung entwickelt wird und von da
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