Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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XXXVI. JAHRGANG. DARMSTADT. AUGUST 1925.

ZWANG UND FREIHEIT DER KUNST

die kunst dient, um zu durchgeistigen I

Von Andre Gide gibt es ein nachdenkliches
Wort: »Die Kunst lebt vom Zwang, sie stirbt
an der Freiheit«. Man kann wohl zunächst vor
einem solchen Worte stutzen. Es enthält aber eine
Wahrheit. Der vollkommen »ungebundene« Künst-
ler fällt leicht in einen Mißbrauch der Freiheit.
Freiheit der Kunst ist nur dann Vorteil, wenn
der Künstler imstande ist, sich selbst unter den
Zwang zu stellen, der unentbehrlich ist. Zwang
der Materialbeachtung, Zwang der Regeln, Zwang
des Dienens! Das ist die große Vernunft im Auf-
bau der alten Künstlergilden, daß sie die freischwei-
fende Kraft des Menschen, seine Willkür, sein pri-
vates Belieben unter eine herrische, reich durch-
gebildete »Regel« zwangen und der Arbeit des
Einzelnen das Dauernde, Erprobte beimischten.
An einen solchen äußeren Zwang ist heute nicht
mehr zu denken. Aber um so nötiger ist es, daß
der Künstler sich selber bindet, daß er seine roman-
tische Subjektivität verläßt und in die reiche, ob-
jektive Welt hinausgeht! Laune, Vernünftigkeit,
Heiterkeit, Klarheit — alles das ist im Werke gut,
nur die Leichtfertigkeit des Willkürlichen, des
Falschen und Halben ist vom Übel . . Kunst ist
Dienst. Sie bedarf der Freiheit, um dienen zu

können. Ketten, die man einem Dienenden anlegt,
berauben ihn gerade seiner Fähigkeit zum Dienen.
Als Diogenes, der Philosoph, nachdem er in die
Hände von Seeräubern gefallen war, auf dem Markt
stand, um als Sklave verkauft zu werden, fragte
ihn der Ausrufer, der die Sklaven anzupreisen
hatte, wozu er zu brauchen sei. Diogenes antwor-
tete: »Ich bin dazu brauchbar, Menschen zu be-
herrschen!« . So bindet sich auch in der Kunst der
Zwang an das Herrschen: ihre Freiheit ist Dienst,
ihr Dienen ist ihre Freiheit. Auch die Kunst sagt, in-
dem sie sich unter die unvermeidlichen Bindungen
der objektiven Welt stellt: »Ich bin dazu brauch-
bar, im Zwange frei zu sein und diejenigen frei zu
machen, die mein befreiendes und erlösendes Wort
vernehmen.« . Niemals wird die Kunst, da sie ja
freiestes Leben ist, unfrei durch das Beugen unter
die Zwecke, Lasten und Notwendigkeiten des
Lebens. Im Gegenteil: sie ist dazu bestimmt, diesen
Stoffen ihre eigene, ihre geistige Freiheit mit-
zuteilen . . Der Urgeist wurde nicht unfrei, als er
sich an die Stoffe und Formen der Schöpfung
band. Er tat das nur, um die Materie zu seinem
»Wohnort« zu machen, um sie zu durchgeisti-
gen und sie endlich zu »erlösen.«. Heinrich ritter.

1926. VIII. I.
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