Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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WERKSTOFF UND WERKSTATTE

VON KUNO GRAF VON HARDENBERG

Jedes Material hat seine Seele, seine Möglichkeiten;
es ist der einen Behandlung zugänglich, der anderen
nicht, es will erfühlt und verstanden, es will vor allem
geliebt sein. Große künstlerische Leistungen kennzeich-
nen sich immer dadurch, daß der Meister, der sie hervor-
brachte, konnte, was er wollte und nichts wollte, was
ihm sein Werkstoff nicht geben konnte! Gestaltungs-
kunst, wenn sie echt und groß ist, läßt die Reize des
Materials, seine natürliche, ihm innewohnende Schönheit
mitklingen und vollbringt damit das ewig alte Schöpfungs-
wunder, die herrliche Vermählung von Seele und Geist.

Es hat immer Tyrannen in Kunst und Kunstgewerbe
gegeben, die rücksichtslos ihren selbstischen Gestaltungs-
willen dem Werkstoff aufprägten und dabei nicht fühlten,
wie sie ihn beraubten, seiner Sprache, seiner Anmut,
seines natürlichen Zaubers, — nicht merkten, daß sie
ihn mit ihren harten Händen töteten. Sie sind immer
bald vergessen worden. Die Sünde am Geist des Ge-
gebenen, des natürlich Gewachsenen, wurde ihnen eige-
nes Verderben, Künstlertod. Im Kleinen und im Großen,
bei den Genies, die titanische Leistungen für die Mensch-
heit vollbringen, bei den stillen, feinen Geist- und Hand-

1023. JX.8».

werkern, die im kleinen Kreise Anmut und Schönheit
verwirklichen — immer ist die errungene Ruhmespalme
nicht allein der Dank für Größe der Gestaltungskraft,
sondern auch für Größe der Liebe zum Werkstoff.
Marmor, Metall, Holz, Elfenbein, Ton, Porzellan, Glas,
und wie sie alle heißen mögen, die berufen sind, dem
Künstlergeist zu seiner Inkarnation zu dienen — sie
wollen geliebt und verstanden sein, damit sie ihr Leben
als frohes Opfer weihen können zum hohen Zweck alles
Schaffens, der da heißt Schönheit, über das begrenzte
»Ich« hinaus! . . Segen ruht auf denen, die den Werk-
stoff lieben und ehren, Segen auf den Stätten, wo der
lernenden Jugend nicht nur Formenbildung und Linien-
führung gelehrt wird, sondern wo sie auch erfährt, was
Werkstoff ist, worin sein Zauber, seine Reize bestehen,

welche Möglichkeiten in ihm schlummern........

In alten Zeiten, wo die Kunst noch sich innig dem
Handwerk verschwistert fühlte, da war es ein Selbst-
verständliches, daß Lehrstätten — Werkstätten, Werk-
stätten allein Lehrstätten waren, in denen der Werk-
stoff und sein Wesen so hoch bewertet wurde wie der
Geist der Kunst und sein Vermögen. Damals stand es
gut um die Kunst und um das Kunsthandwerk. In ernster
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