Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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ALS GAST AM RUNDEN ESSTISCH

beschreibung eines chinesischen mahles

I

n einem jener reizvollen, etwas bizarren Gärten, in Fleischbrühe gekocht zu werden; die Haifischflossen da-
denen oft chinesische Restaurants liegen, auf einer gegen müssen in einer schmackhaften Soße gedämpft wer-
offenen Veranda war der runde Tisch gedeckt. Die den, und vor allem müssen sie sehr, sehr weich werden.
Chinesen gruppieren sich stets um runde Tische. Oft Alles, was suppig ist, schöpft man sich mit einem Por-
sind diese so groß, daß sie für fünfzehn bis achtzehn zellanlöffeichen in die kleine grifflose, tassenartige Schüs-
Gäste bequem Platz bieten. Seit Hunderten von Jahren sei. Man löffelt es aber nicht aus, sondern schlürft es
sitzt man in China auf Stühlen, genau wie bei uns, ja wie Tee, und was darin herumschwimmt, ißt man mit
wahrscheinlich hatte man die Stühle in China schon früher den Stäbchen. Der kleine Porzellanlöffel dient zum
als bei uns; in Japan aber sitzt man auf dem Boden. . . Herausschöpfen aus den allgemeinen Schüsseln. Alles
Zuerst setzten die Diener die vielen kleinen Schüsseln ist klein geschnitten oder zerhackt. Mit großer Geschick-
mit den appetitreizenden »Vorspeisen« hin: Saures und lichkeit ergreift der Chinese mit den Stäbchen einen
Süßes, gesalzene Fischchen und kandierte Nußkerne, Fleischwürfel, ein Stückchen Fisch oder eine Flosse. .
Salatartiges und die wundervoll schmeckenden, dunkel Der ausgezeichnete »Bo-Bo-Fan«: der »Acht-Früchte-
grünbraunen Sol-Eier. Diese ersten acht bis zehn, in die Reis«, ein in Wasser gekochter, stark gezuckerter und
Mitte gestellten Schüsseln besieht man sich erst eine mit allerlei weichen Früchten vermischter heißer Reis
Weile, wie ja überhaupt ein chinesisches »Mahl« ein lan- wird in der Mitte des Mahles, nicht am Ende aufgetragen,
ges Präludium und ein rasches Finale hat. Man kommt An Stelle dieses süßen Reises oder auch dazu gibt es
stets wenigstens eine halbe Stunde vorher und sitzt, Tee häufig in Zuckerwasser schwimmende weichgekochte
trinkend und rauchend, erst in einem anderen Raum oder, Lotoskerne; dem Zuckerwasser wird Orangensaft zuge-
an einem anderen Tisch. Nach dem Essen aber steht setzt. Nach diesen süßen Zwischenspeisen kommt erst
man nur noch kurze Zeit herum, höchstens fünf Minuten, die »piece de resistance«, die knusperige fette Ente, und
und geht dann fort . . Gegen- zwar auf der einen Platte das
über den ersten Schüsseln ' zarte weiche, in kleine Recht-
verhält man sich noch sehr ecke geschnittene Fleisch, auf
reserviert. Man führt mehr der anderen Platte die knuspe-
oder weniger weise Reden, bis rige, in Streifen geschnittene
schließlich der Gastgeber mit vh^^^iXSai. .1. , "IM Haut. Dazu gibt es Vierecke
seinen langen Stäbchen dies ^Ä1^33B«^^3Ä aus zartem Nudelteig; man
oder jenes herausangelt und aflMÄTj«,^ bettet in sie die fetten Enten-
seinen Hauptgästen etwas auf , iL und Hautstücke, schlägt den
das Tellerchen legt, das, nebst * Teig darüber zusammen, und
einem tiefen Schälchen und ÄSSL * ißt das Ganze wie eine kleine
dem henkellosen Täßchen für . '.' Pastete. Nach der Ente kommt
Reiswein, mit den Stäbchen * ^ bei einem größeren Mahl stets
zusammen ein chinesisches noch der ausgezeichnete, meist
»Kuvert« ausmacht. Das Es- > g' jfo I gebratene, große Mandarin-
sen von diesen Vorspeise- **J}pb fisch; dazu wird vor jeden
Schüsseln bleibt aber nur ein i Gast eine größere Tassen-
Kosten . . Nach und nach er- b Schüssel gesetzt, gefüllt mit
setzen die Diener diese Schüs- b weißem, gekochtem, aber sehr
sein durch die zweite Serie trockenem Reis. Aus dieser
von Gerichten, welche meist b Schüssel ißt der Chinese Teile
aus breiigen Speisen besteht, des Fisches, auch braune Boh-
also z. B. aus weißem Hühner- i nensauce, von der gleich zu
fleisch, das zu einem zarten, i Anfang des Essens etwas auf
fast creme-artigen Brei ver- ganz kleinen Tellerchen vor

arbeitet wurde, in den Rührei jedem Platz steht; auch aller-
hineingemischt ist. Auch Tau- lei Gemüsearten werden noch
beneiersuppe, d. h. Hühner- für den Reis hingestellt, z. B.
bouillon mit hartgekochten i die zarten weißen Bambus-
ganzen Taubeneiern, kommt b b' i prossen, die im Geschmack an
auf dieser Stufe neben den 'SäHm \ Mandelkerne erinnern. Sie sind
verschiedenartigsten Seegur- I gekocht und werden in einer
ken-, Seerosen-, Krabben- weißen Tunke aufgetragen,
und Langustengerichten an die Bk Der chinesische Diner-Gast
Reihe, während die kostbaren b spart seinen Appetit für diese
»Schwalbennester« erst etwas zwei letzten Hauptgänge auf.
später erscheinen dürfen,eben- Er mischt von oft zehnerlei
so die Haifisch-Flossen. Die Schüsseln Teilchen in seinen
Schwalbennester, eine gallert- Reis hinein. Diese Reisschüs-
artige Masse, brauchen nur in PROf. michael powolny. Keramik, schwarz u. gold seltasse hält er nahe an seinen
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