Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

PROFESSOR CARL SATTLER—MÜNCHEN EINCANGS-PORTAL. LANDSITZ »HOCHRIED«

DAS LEBEN AUF DEM LANDE

VON HANS SCHIEBELHUTH

Der gewußte Kontrast zwischen »Stadt« und »Land« dente »Zurück-zur-Natur« und die durch soziale Um-
ist sicherlich so alt wie der Städtebau überhaupt, stände veranlaßte Landflucht kannten jene glücklichen
also etwas mehr noch als zehntausend Jahre. Das Städte- Zeiten noch nicht . . Es ist beinahe sonderbar zu be-
wesen scheint durch ein geheimes inneres Gesetz für die achten, wie sehr uns heute Gebornen der Gegensatz
Kultur außerordentlich fördernd zu wirken, denn eine Stadt und Land wie eine Grundgegebenheit, wie ein
rein »rustikan« gestimmte, städtelose Kultur von größerer gar nicht weiter beachtenswerter Umstand vorkommt,
Bedeutung bat es erfahrungsgemäß nicht gegeben. Auf- man frage einmal zum Beispiel an, wem von den tausend
fallend aber ist im Rahmen dieser Betrachtung die Tat- Lesern von Tolstojs »Anna Karenina« aufgefallen ist,
sache, daß es in Europa eine rein »urban« eingestellte das die wesentliche Komposition dieses Werkes die stän-
Kultur, die der Römer, und in der Welt eine zumindest dige Gegenüberstellung von Stadt- und Landleben ist?
überwiegend städtisch akzentuierte Kultur, die der Der Stadtgedanke ist ein gewaltiger und berau-
Chinesen, war, die diesen Gegensatz zwischen Stadt sehender Gedanke, und die Alten hatten wohl recht, wenn
und Land in bewußter Weise daseinsgestaltend ausge- sie die Götter selbst oder die großen Heroen ihrer Mythen
deutet und lebenskünstlerisch genutzt hat. . . als Städte-Gründer feierten. Städte sind die leuchtenden
Diese beiden Völker sind es, die das, was man heute Symbole der Gemeinschaftsgesinnung, der kristallinische
Landhaus-Kultur nennt, in geradezu vorbildlicher Ausdruck gestauter und gebändigter Menschenkräfte,
Weise gepflegt haben. Es darf in Betracht gezogen Sammelbecken alles triebhaften und tätigen, alles geisti-
werden, daß gewisse äußere Umstände, so das unerträg- gen und vitalen Lebens einer Menschengemeinschaft, Näh-
liche Sommerklima der Städte und die Sehnsucht der rerinnen aller Kultur, prächtige Erzieher zur Zivilisation,
betriebsermüdeten Stadtmenschen nach einem ruhigen eifrig geschaffene, eifrig durchtoste Gehäuse, in denen
Refugium fördernde Momente für die Landhauspflege der Blutkreislauf eines hitzigen Daseins brandet und
waren, — die eigentliche Ursache aber waren solche Mo- dröhnt, in denen die maßlose Lebenswut in sichere
mente kaum, denn diese ist wohl immer der Sinn und Kanäle sich leitet und auslebt, — Städte sind groß! . .
das Verständnis für die vielfachen Reize des ländlichen Das Leben auf dem Lande aber ist breit ausge-
Lebens, die schöne und genießerische Freude an der ruht, idyllisch getragen, seine Spannungen sind latent,
Abwechslung gewesen. Das verdrossene und deka- erdgebunden, nicht freihin tosend und schäumend, son-
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