Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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XXXVI. JAHRGANG.

DARMSTADT.

MÄRZ 1925.

KUNST, HANDWERK, ARBEITSFREUDE

BEDEUTSAME WORTE VON HANS THOMA t

Die Seele des Künstlers strebt nach der Frei-
heit, das machen zu können, was sein Inner-
stes ihn machen heißt. Dazu ist nun notwendig, daß
er die Ordnungs-Gesetze seiner Mittel, mit denen
er seine Kunst offenbar machen kann — wenn auch
nur sich selbst vorerst klarmachen kann, — genau
kennen lernt . . Kunst ist doch immer eine Art
Ordnung, welche die Menschenseele aus dem
Chaos der Gefühle zu schaffen sucht, ob sie nun
Formen, Farben, Töne oder Worte als Mittel dazu
braucht.. Ich verspreche mir aus jeder Beachtung
der aus dem Volk herauskeimenden Kunst-Tätig-
keit Erfolge, wenn es auch als friedliches Element
still und unscheinbar mitwirkt im Heilprozeß, dem
unser Vaterland wieder entgegenzugehen hofft.
Der Anfang zu einer richtigen Gesundung unseres
Volkswesens, zu einer Genesung liegt in der wieder-
erwachenden Arbeitsfreude, wie sie von jeher
in den Handwerks-Künsten gelebt hat. Sie kann
dazu beitragen, uns wieder inneren Frieden zu
bringen, weil diese Handwerker-Arbeitslust auf
der uns schier verlorengehenden Herzens-Fröh-
lichkeit beruht! Es ist mir, als ob das Hand-
werk ein sicheres Gerüst wäre, an dem sich
die zarte Pflanze Kunst in die Höhe schlingen

1»2«. III. 1.

kann. Meine Freude an dem Handwerk hängt wohl
damit zusammen, daß das Wesen meiner Kunst
ganz aus dem Handwerk herausgewachsen ist. Ich
bin gerne dabei, wo man das Handwerk auch in
seiner Bescheidenheit achtet und ihm nicht zu viele
Vorschriften macht . . Es ist im deutschen Volk
viel Begabung und Freude an künstlerischer, d. h.
guter Handarbeit. Diese Arbeit führt zum inneren
Frieden; immer noch und unter allen Umständen
gibt es Arbeiter, die ihr Werk zur eigenen Freude
gut und schön machen. So ein eifriger Handwerker
ist von seinem Tun so ganz erfüllt, daß er darüber
alle Misere des Lebens vergessen kann. Das Werk
seiner Hände, — es sei auch in den Augen der fast
immer hochmütigen Weltmeinung noch so gering,
ihm, dem Schöpfer des Werkes ist es lieb, er freut
sich daran, daß er mit seinen Händen, vielleicht
auch mit seiner Seele einer Materie sichtbare Form
geben konnte, die immerhin ein Zeugnis unseres
Menschentums ist . . Es wird die Freude des ech-
ten Handwerkers sein: sein Werk, — sei es nun
der Notwendigkeit gewidmet oder als beleben-
der Schmuck, als Zierat gedacht, — immer schö-
ner zu gestalten, sodaß es mit den Hervorbring-
ungen der Natur wetteifern kann! . HANS THOMA
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