Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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XXXVI. JAHRGANG. DARMSTADT. FEBRUAR 1925.

DAS GESICHT DER WOHNUNG

ÄUSSERES WIRKT AUF INNERES AKTIV ZURÜCK!

Es gibt ein physiognomisches Grundgesetz, das
in allem menschlichen Tun wirkt und von allem
Lebendigen anerkannt wird. Seine Hauptpunkte
sind erstens, daß jedes Inwendige sich in der Stoff-
welt mit charakteristischen, ihm allein gehörigen
Zügen ausprägt; zweitens, daß wir infolgedessen
bei unseren Urteilen vom Äußeren auf das In-
nere schließen. Verweilen wir zunächst bei diesem
zweiten Punkt. Wir treiben alle »Physiognomik«.
Wir sehen die Hände eines Menschen an, und
schon beginnt unsere Urteilskraft einen Schluß auf
seinen Charakter zu ziehen. Wir betrachten die
Handschrift, das Ohr, den Mund, das Haar, wir
nehmen das Ornament des Ganges, des Mienen-
und Faltenspiels, den Klang des Organs in uns
auf, und aus allen Einzelheiten ziehen wir, ob
wir wollen oder nicht, arglos und voller Ver-
trauen Schlüsse auf Geist und Seele. Wie sehr
wir gewohnt sind, auf diesen Zusammenhang zwi-
schen Außen und Innen, »Gesicht« und Wesen
zu vertrauen, erfahren wir sehr deutlich da, wo er
»unterbrochen« wird, d. h. wo der Schluß von
Äußeren auf das Innere offensichtlich »fehlgeht«.
Das große Beispiel für eine solche Fälschung des
physiognomischen Zusammenhanges ist die Mas-

ke. Wir antworten auf diese Fälschung mit Ab-
wehr, Stutzen, Betroffenheit. Das löst sich in harm-
losen Fällen zum heiteren Lachen auf. Aber in
ernsten Fällen kommt es zu stärksten Abwehrge-
fühlen. Jeder Schreck über eine ernsthafte Ver-
larvung bestätigt den zweiten Punkt des physio-
gnomischen Grundgesetzes. Wir können über-
haupt nur leben unter der Voraussetzung, daß der
Schluß vom Äußeren auf das Innere untrüglich
ist. Der erste Punkt jenes Gesetzes aber besagt,
daß kein lebendiges Wesen sich der Forderung
entziehen kann, seine innere Art in dem stofflichen
Material seiner Umwelt eindeutig und charakter-
voll auszuprägen. Die Menschen ahnen im all-
gemeinen nicht, wie sehr sie sich offensichtlich
»enthüllen« durch die Art und den Grad, womit
sie jener Forderung entsprechen. Das Sprichwort
sagt: »Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will
dir sagen, wer du bist«! Goethe sagt: »Handle,
daß ich dich sehe!« Aber wir gehen heute viel
weiter: »Zeige mir deine Wohnung, und ich habe
dich durchschaut!« Unzweideutig prägt sich alles
Tüchtige und Edle, alles Schwammige und Halbe
in dem Apparat von angeblich »leblosen« Dingen
aus, der uns umgibt. Zum mindesten müssen wir

1925. n. i.
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