Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

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form geändert hat, und die altbewährte Anschauungs-
methode durch Vergleich wird uns genauere Aufschlüsse
geben. Wir werden alsdann wissen, mit welchen Charak-
tern das Zeichen der Zeit geschrieben wird. Es ist un-
fraglich, daß die spielerische, zieratreiche Form weit des
Rokoko nicht mehr zu uns paßt. Das eitle, kokette,
unernste Gebahren dieser eleganten Zeit ist für unser
inneres Tastgefühl und unseren Geschmack nicht mehr
elegant. Je einfacher und unverschnörkelter eine Linie
ist, je »eleganter« ist sie uns Heutigen. Wir können der
reinen Ziermöbel leicht entraten, und Dinge, wie sie
damals bräuchlich und gültig waren, sehen und verstehen
wir unter ganz anderem Bewand; das Flimmernde und
Glitzernde im Wohnraum steht uns nicht mehr zumut.
Ein Rokokozimmer ohne Spiegel und Lüsterwerk ist
schwer auszudenken; unserer modernen Wohngesittung
nach sind Spiegel meist in den Vorraum und ins An-
kleidezimmer verbannt, und Lüster verwenden wir fast
nur in größeren Sälen und in offiziellen Festräumen.

Trotzdem aber ist uns der Geschmack am »Leichten«,
der das Rokoko so sehr auszeichnet, nicht abhanden ge-
kommen. Im Gegenteil, von der »Schwere« sind wir
sicher ebensoweit entfernt wie die Menschen von damals.
Die gewaltigen Riesenschränke und die mächtigen Truhen
und Laden, die in der Renaissance und im Barock die
Gemächer mit dem Baßton ihrer ausgebauchten Massig-
keit füllten, kennen wir nicht mehr. Wir bevorzugen
leichtere und leichter handliche Möbel, so die hundert
Spielarten der Kommode, die schon durch die Herkunft

hans stock. kredenz. silbergerat prof. theod. wende

architekt hans stock — pforzheim. glaserschrank

ihres Namens ihren Vorzug, eben »kommode« zu sein,
kundtut. Und wir werden uns eher zwei kleine Schränke
in ein Ankleidezimmer stellen, als einen Riesenkasten.
Der schwere Schreibschrank im Arbeitszimmer, der im
Empire und Biedermeier in jedermanns Hause zuhaus
war, wurde durch den einfachen, nüchternen, unend-
lich sachlichen Flach-Schreibtisch ohne Aufsatz ersetzt.

Solche Beispiele erhellen, welche Eigenarten der
moderne Wille zur Wohnlichkeit hervorkehrt. Zweifel-
los drückt sich ein neuer Sinn für »Sachlichkeit« aus,
und zwar Sachlichkeit, verbunden mit anmutigem Ernst,
unspielerisch und ruhig, aber ohne Neigung zur Schwere,
Gefühl für Eleganz in allereinfachster Gebung, deut-
licher Hang für Bequemes, leicht Handzuhabendes, be-
wußte Tendenz zum Schlichthin-Dienlichen, Unumständ-
Hch-Praktischen, Unmittelbar - Nutznießlichen, — das
sind die Grundzüge der Wohnlichkeit, wie sie dem moder-
nen Menschen gemäß ist. (Fortsetzung folgt). heinrich geron.



HAUSGERÄT. Ein überladener, verschnörkelter und
vergoldeter Prunksessel vom Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts kann uns heute zwar ein innerlich fremdes
Ding sein. Aber mit ideologischen Versuchen, gewalt-
sam unsere Umgebung dem »mechanisierten Zeitalter«
anzupassen, ist nicht viel geholfen. Die Beobachtung, daß
die Maschine auch ihre Schönheitswerte hat, darf doch nicht
einfach umgedreht werden: wenn man eine Lampe als
Hausgerät so bildet, daß der Unbefangene es zunächst
für ein zahnärztliches Instrument hält, so sollten solche
Dinge doch möglichst bald als das, was sie sind, nämlich als
Verirrungen erkannt werden, paul schutlze-naumburg.
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