Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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WOHNKUNST IN MITTEL-EUROPA

vom standpunkt der vererbungslehre und soziologie

Die Fähigkeit, das Leben zu meistern, wird als eine
Kunst bezeichnet, und ähnlich kann man auch von
einem Teile dieser Lebenskunst, nämlich der Kunst zu
wohnen, reden. Wie bei allen menschlichen Betätig-
ungen läßt sich auch in den Künsten unendlich viel von
dem lernen, was Generationen fleißiger Köpfe und Hände
in der Behandlung der Materie und in der Gestaltung
immer zweckmäßigerer und ausdrucksvollerer Formen
als Kulturschatz aufgehäuft haben. Die Voraussetzung
hierzu aber, die Begabung, muß einer angeboren
im Blut mitbringen I Fehlt diese Blutsmitgift, so können
weder Umwelts-Einflüsse oder Erziehung sie hervor-
rufen, noch ihren Mangel ersetzen. Wäre dies nicht so,
so bliebe die Erscheinung unerklärt, warum so oft Per-
sönlichkeiten, deren Kinderstube in klug und schön ge-
leiteten Häusern stand und die in den geordnetsten Ver-
hältnissen aufwuchsen, mit dem Problem ihrer Lebens-
gestaltung nie fertig werden, wie auch der umgekehrte
Fall ebenso oft eintritt. Sie folgen wahrscheinlich mit
ihrer »Erbmasse« einem Vorfahren, der erst im Enkel
wieder aufwacht und in die Erscheinung tritt. Seit-
dem die Lehre von der Vererbung eine exakte Wissen-
schaft geworden ist, haben solche Erklärungen aufge-
hört, bloße Vermutungen zu sein und diese Erschein-
ungen fangen an, ihre Unverständlichkeiten zu verlieren.



Die »Kunst zu wohnen« liegt also im Blute. Es ge-
hört aber auch zu den Anfangsgründen der Soziologie,
zu zeigen, wie der Einzelne erst durch das Hineinwachsen
in die menschlichen Traditionen zum Kulturmenschen
wird. Ohne sie müßte er dort anfangen, wo der Ur-
mensch einst begann. Erst durch Übernahme des durch
Generationen angehäuften Kulturschatzes wird der Ein-
zelne auf eine hohe Kulturstufe gehoben und instand
gesetzt, an einem kunstvollen Gewirk weiterzuweben,
zu dem er selbst nur wenige Maschen hinzufügen kann.

*

Diese beiden Voraussetzungen der Vererbungs-
Lehre und der Soziologie müssen dem bekannt sein,
der über solche Fragen nachdenkt. Sie wären Binsen-
wahrheiten, wenn einerseits die Vorstellung von dem
allmächtigen Einfluß erzieherischer Maßnahmen und der
Unbegrenztheit ihrer Möglichkeiten nicht so allgemein
verbreitet wäre, anderseits nicht als Widerspiel die Irr-
lehre Schule machte, daß wir ohne Übernahme unserer
Traditionen irgend etwas aus eigener Kraft vermöchten,
eine Vorstellung, die sich nur aus einem nicht Zu-
Ende-Denken des Problems und aus einer Unkennt-
nis der gesamten soziologischen Vorarbeit erklärt . .

*

Nun gibt es sehr verschiedene Arten von Tradi-
tionen, und auch verschiedene Arten von Wohnkunst.
Man kennt genügend die der Deutschen, der Engländer
und vielleicht auch die der Italiener. Und genau so scharf
umrissene Formen des Wohnens bestehen für alle Völ-
ker, wenn sie auch nicht allen von uns als Vorstellung
geläufig sind und als Ergebnis anderer Kulturstufen und
anderer Verhältnisse für uns nur eine mittelbare Bedeu-
tung haben. Mit dieser Einteilung nach Völkern werden
Kulturkreise zusammengefaßt, wie sie sich uns in

Staatenbildung und Sprache darstellen. Sehr viel anders
würde das Bild ausfallen, wenn die Einteilung nach
Rassen geschähe, denn bekanntlich sind Rassen und
Nationen weder identisch noch sind Völker im rassischen
Sinne homogen. Hätten die Rassen in Europa und be-
sonders in Deutschland sich nicht so vermischt, so ließen
sich wohl noch weit interessantere und schärfer umris-
sene Bilder ihrer Wohn-Auffassung darstellen, als es
die uns geläufigereren Bezeichnungen nach politischen
Staatenbildungen vermögen. Auf diesem Wege ist zwei-
felsohne auch die Erscheinung zu erklären, daß das Wohn-
bild vergangener Zeiten in Deutschland hinsichtlich
seiner künst'erischen Harmonie weit höher steht, als
die heutige Durchschnitts-Leistung, der an sich doch
mehr Mittel und technische Möglichkeiten zur Verfügung
stehen. Aber wenn wir die verschiedenen Entwick-
lungs-Stufen der Wohnkultur unseres Volkes an den
uns aus älterer Zeit überlieferten Häusern und Wohn-
geräten bemessen, müssen wir immer wieder die Beob-
achtung machen, daß wir uns in der neueren Zeit zu-
nächst nur hinsichtlich der Quantität in einem enormen
Aufstieg befanden. Die Wohnkunst des durch die
deutsche Sprache zusammengefaßten Kulturkreises ist
heute, absolut gefaßt, immer noch keine sehr hohe.

*

Wohl gibt es die bekannten Zehntausend, (die in
unserem Falle nicht durchaus mit den gesellschaftlich
Obersten zusammenfallen) die heute in steigendem Grade
eine Wohnkultur als Erbmasse und Tradition
hüten, weitergeben oder neu erwerben. Doch würde
man sich einer Täuschung hingeben, wenn man aus der
Bekanntschaft mit ihr folgern würde, daß das die Wohn-
kunst des deutschen Volkes wäre. Die 59990000 Men-
schen, die jenen Zehntausend in unserem 60 Millionen-
Volke gegenüberstehen, besitzen zwar eine »relative«
Wohnkultur, deren Gesamtbild aber weder ein beson-
ders harmonisches noch ein in Einzelzügen durchgebil-
detes ist. Die Durchschnitts-Wohnung des Mittel-
Europäers ist noch spießig, unpraktisch, sinnlich reiz-
los und schönheits-arm, dem als »Aktivposten« nur
eine gewisse Ordnung und Sauberkeit gegenübersteht,
wenn man sie mit dem Durchschnitt anderer, wirt-
schaftlich günstiger gestellter Nationen vergleicht. . . .

*

Wenn man die Kultur nur nach ihren »Spitzen-Lei-
stungen« beurteilt, fällt das Bild natürlich nicht so pessi-
mistisch aus. Es besteht bei uns nur der große Unter-
schied gegenüber Zeiten wie etwa der Renaissance, daß
damals die gesellschaftlich oder geistig Führenden auch
im Besitz der gesamten Kultur und somit auch der hoch-
stehenden Wohn-Kultur waren, während sich bei uns
diese beiden Schichten nicht mehr durchaus decken. .

*

Die Lösung des Problems ist so schwierig und von
bloßen Umwelt-Einwirkungen ist so wenig dabei zu er-
hoffen, daß man versucht wird, in Anlehnung an rassen-
hygienische Gedankengänge, eine durchgreifende, dau-
ernde Besserung nur von einer Qualitätserhöhung des
Menschen-Materials, von einer Art »biologischer
Auslese« zu erhoffen, prof. dr. paul schultze-naumburg.
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