Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

Page: 180
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1925/0198
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
180

INNEN-DEKORATION

architekt theodor merrill —köln kaminplatz im herren-zimmer. haus sch.

dabei hochoffiziell und korrekt in der Runde auf jenen
Stühlen, die uns Heutigen nach fünf Minuten Unbe-
hagen und nach einer Viertelstunde Rückenschmerzen
machen; alles war formell und es ging wie am Schnürchen.
Wie grundverschieden ist damit verglichen unsere
gesellschaftliche Form! Die große Dame von heute
empfängt nicht einmal immer im Salon, sie bittet sogar
Herren in ihr Boudoir, man sitzt zwanglos, kann sich im
Raum bewegen, ans Fenster oder zum Bücher-Regal
gehen, man bedient sich selbst und ist anderen dabei be-
hilflich, man sitzt einmal da im Sessel, und ein andermal
setzt man sich ein bißchen aufs Sofa, oder viel häufiger
noch auf den Diwan oder die Ottomane, dieses Möbel,
das, — weil es zugleich Liege- und Sitzmöglichkeit ab-
gibt, — dem nur »besitzbaren« Sofa den Rang streitig
macht, als wohleingestandener Exote unter unsern Möbeln,
der die Aufgeschlossenheit unseres Zeitgeschmacks für
praktische Dinge aus fremden Wohngesittungen dartut.
Wie unformelhaft ist unsere gesellschaftliche Form, wie
frei, wie sehr auf zwanglose, sachliche Anmut gestellt,
Konventionen werden nicht mehr als absolut autoritativ
angesehen, Steifheit und Formalität sind schon gerade-
zu Unform. Freimut und Offenheit, ganz natürliches Sich-
geben anstatt des Zeremoniellen und der Poliertheit

sind zur Ziemlichkeit des erzogenen Erdenbürgers ge-
worden. Wer zwangshaft und mit betonter Bewußtheit
äußere Anstandsregeln befolgt, der wirkt entweder ge-
künstelt oder so, als ob er den inneren Takt nicht hätte,
der ist alles andere in seinem Benehmen, nur nicht mo-
dern, er paßt nicht in die Zeit, nicht in den Klubsessel.

Auf diesem Punkt stehen wir heute: die Manieren
eines Menschen sind je besser, je unauffälliger und un-
umständlicher er sich »gut benimmt«, ein Heim ist je
besser eingerichtet, je unumständlicher und unmittelbarer
es wohnlich ist, das heißt unseren modernen Wohn-
betrachten, unserm zeitgemäßen Gesellschaftsstil es ent-
spricht. -Gesellschaftliche Form und Heimge-
staltung gehen Hand in Hand, und zwar so, daß
immer das Wesen des Einen die Art des Andern er-
gibt, bedingt und stützt, (fortsbtzung folgt). Heinrich geron.



VON ALLEN FREUDEN sind die nachhaltigsten
die häuslichen Freuden,« meint Jean Paul. Man
kann unbedingt zustimmen. Auch die Umkehrung gilt:
von allen Unannehmlichkeiten sind am nachhaltigsten
die häuslichen . . Welche wichtige Beihilfe, so folgern
wir, vermag die gute Einrichtungskunst zu leisten,
um die häuslichen Freuden zu vermehren! ... h. l.
loading ...