Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

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professor bruno paul in berlin ausstellungsraum. haus p1esbergen

des Oberteils den Zugang zu der Konditorei aus der
Gesamtheit der Front mit Betonung heraushebt. Die
Anlage des Innern in ihrer Helligkeit, Freundlichkeit
und Sachlichkeit, die mit sich selbst ein wenig liebens-
würdig kokettiert, ist ein kleines Meisterstück. Auch
hier war ein neutraler Raum, in dem man keine Person^
lichkeitstöne anzuschlagen brauchte, ja garnicht anschla-
gen durfte. Andererseits aber war es doch auch
wieder ein Raum der Erholung und des Ausspannens.
wo Menschen etwas genießen und miteinander plaudern
wollen. So war auf der anderen Seite auch keine nur-
zweckhaf (-maschinelle Stimmung am Platze. Bruno Paul
hat das zumal durch ein Detail eigenartig angedeutet:
durch die Beleuchtungskörper. Mit indirektem Licht
war hier nicht auszukommen, es mußten schon sichtbare
Träger der elektrischen Birnen angebracht werden. Da-
für jedoch wurden neue Formen erfunden. Wunder-
hübsche, graziöse Stücke. Von fern fast an Signalstel-
lungen bei der Eisenbahn erinnernd, oder an die aufge-
reihten Porzellan-Isolatoren der Telegraphenstangen, in-
dessen durch die subtile Montierung mit Metall und
Stein und Holz aus dem Technischen ins Komfortable
verpflanzt. Diese Beleuchtungskörper stimmen sehr fein
mit den durch leise anschwellende Farbenstreifen hori-

zontal gegliederten Wänden, mit den flach ausladenden
Holzleisten am Tür-Einbau und am Tragpfeiler in der
Mitte des Raumes, mit den betonten Gesimslinien an
verschiedenen Punkten überein. Paul hat die große und
garnicht so leicht zu bewältigende Aufgabe gelöst, hier
einen Raum von spezifisch modernem Charakter und
anheimelnder Stimmung zugleich zu schaffen. Diese
»Konditorei Telschow« dürfen wir mit den Räumen bei
Piesbergen als den verheißungsvollen Beginn einer neuen
Phase seiner Kunst begrüßen. Neuzeitliche Theorien
verbinden sich darin mit seinen angeborenen Eigen-
schaften kultivierten Geschmacks und, so möchte ich
es nennen, gesellschaftlichen Weltmann-Gefühls . . m.o.



AUFSTIEG. Wenn es sich um den Fortschritt des
Ii. Menschen handelt, von Etappe zu Etappe zur Er-
kenntnis, so bedeutet »Sich entwickeln« nicht »Sich
wandeln«, sondern »Sich verbessern«. Sich verbessern
oder an Qualität gewinnen, d. h. allmählich zu höheren
Werten aufsteigen . . Es handelt sich nicht darum, eine
große Epoche in der Kunst der Nation »wieder herzu-
stellen«, — sondern eine andere, gleichwertige neue
zu schaffen! Wer nicht Neues schaffen kann, verdient
nicht den Namen eines Künstlers . . leonce rosenberg.
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