Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

nun gen hin ist für die Kunst-Psychologie von unschätz- weiter gehen und neue, eigene, aus der schöpferischen

barem Werte. Im Ablauf dieser Entwicklung lösen sich Phantasie geborene Form-Elemente bilden. Eine jede

Perioden ab, solche, die übersinnliche Tendenzen ver- »Zeit-Seele« redet durch die Sprache des künstlerischen

folgen, und solche, die ihre formalen Elemente der Natur Ausdruckes und verrät, ob ihre Gesinnung eine aufrich-

entlehnen. Und zwar können wir sagen, daß in Zeiten tige, echte, eigenartige ist, oder eine unselbständige. Es

vorherrschender Verstandesarbeit, rationalistischer Ein- darf aber keine Erfindungs-Sucht einsetzen, kein Suchen

Stellung der Geisteswissenschaften, das Kunstwollen und Gestalten um jeden Preis zur Gewinnung neuer Reiz -

»naturalistisch« gerichtet ist, eine stärkere Anlehnung mittel. Wenn wir beobachten, daß es neben solchen

an die Formen der wirklichen Außenwelt erstrebt; in vergänglichen Mode-Erscheinungen Formen gibt, deren

Zeiten einer geistigen Vertiefung mit Betonung des unmittelbarer Ausdruck Jahrzehnte, Jahrhunderte hin-

Metaphysischen, kurz in Zeiten einer übersinnlichen »Ge- durch ungeschwächt geblieben ist, so resultiert hieraus

fühls«-Steigerung die Kunst ihre ganze Kraft nur von die Erkenntnis, daß »Stil« und »Mode« zweierlei

der zeugenden Seele erhält, sich das subjektive Ich über Dinge sind: Stil ist das objektivierte Ergebnis einer all-

die objektive Gegebenheiten der äußeren Natur erhebt, gemeinen künstlerischen Sehnsucht, das Resultat eines

Der Ausdruck »stilisieren«, den man gern bei Beob- seelischen Prozesses, der nur in der Richtung von innen

achtung von naturbezwingenden und naturumwandelnden nach außen denkbar ist, und zwar um seiner selbst willen.

Kunstformen gebraucht, reicht bei weitem nicht aus, um Mode hingegen ist die Erfindung neuer Formen um des

den Urgrund des künstlerischen Wollens auszudeuten. »Einflusses auf andere« willen, nicht selten der Spielball

Ein Ornament wird stets stilisieren, es wird aber noch von Opposition oder Übersättigung, dr. Herbert hofmann.

professor josef vago-rom. marmor-kamin im herrenzimmer einer villa in rom
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