Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

Seite: 292
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1925/0310
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
292 INNEN-DEKORATION

VON TECHNIK UND BAUKUNST

programmatisches von j. j. p. oud-rotterdam

Ich beuge das Knie vor dem Wunder der Technik,
doch ich glaube nicht, daß ein Dampfer mit dem Par-
thenon verglichen werden kann . . Ich kann begeistert
sein von der Linien-Schönheit des Autos, doch das Flug-
zeug kommt mir immer noch unbeholfen vor. Ich ver-
stehe wohl, warum amerikanische »Silos« als Beispiele
zeitgemäßer Kunst gezeigt werden, — doch ich frage
mich, wo sich im Bau die Kunst versteckt hat? . . . .

Ich hasse die Eisenbahnbrücken, deren Formen goti-
schen Kathedralen ähnlich sind, — doch die reine
»Zweck-Architektur« mancher vielgerühmten Ingenieur-
bauten kann mir auch gestohlen werden . . Ich hege die
schönsten Hoffnungen auf die Verfeinerung, welche die
maschinelle Produktions-Weise der Architektur bringen
kann, — doch ich fürchte, daß die zur Zeit übliche
kritiklose Bewunderung für alles Mechanische zu einem
bedauerlichen Rückfall führen wird!..........

Ich halte es für ausgemacht, daß eine neue Bau-
kunst nur auf dem Boden rationeller Prinzipien ent-
stehen kann, — doch der Rationalismus ist mir der Gegen-
pol zur Kunst . . Ich freue mich, daß in einer Zeit ohne
Liebe zur Arbeit die Technik Formen schaffen konnte,
gleich vollkommen in der Erscheinung, wie gewissenhaft

in der Zweck-Erfüllung, — doch ich ärgere mich, daß die
Werke mancher Künstler, die diese Eigenart loben, von
so manierierter Oberflächlichkeit sind . . Ich begreife das
Drängen nach einer unsymmetrischen Gestaltung in einer
destruktiven Epoche der Kunst, — doch mir ist nicht
deutlich, weshalb eine konstruktive Kunst-Periode sich
nicht auch in symmetrischer Form ausdrücken sollte . .
Ich schwärme für die Wiederbelebung der Farbe in der
Architektur, — doch ich stimme denen bei, die behaupten,
daß zuviel Farbe nicht farbig, sondern bunt macht . .

*

Ich verkündigte, daß die Künstler sich in den Dienst
der Maschine stellen müßten, — doch es wurde mir be-
wußt, daß die Maschine Dienerin der Kunst sein soll!
Ich sehne mich nach einer Wohnung, welche alle An-
forderungen meiner Bequemlicbkeits- Liebe befriedigt,
doch ein Haus ist mir mehr als eine »Wohn-Maschine« !

*

Ich liebe die anstürmende Energie der Bahnbrecher,
doch ich weiß, daß der Schönheit nur durch Selbst-
Disziplin näher zu kommen ist. Ich erkenne an, daß
es nötig ist, einseitig zu sein bei der Propagierung neuer
Ideen, — doch ich kann mir das Werden eines neuen
Stiles nicht vorstellen ohne die Umfassung des Lebens
in seiner Allseitigkeit...........j.j.p.oud.
loading ...