Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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XXXVI. JAHRGANG. DARMSTADT. SEPTEMBER 1925.

NEUE ARBEITEN VON LUDWIG KOZMA

VON ERNST KALLAI.

Das moderne Stilproblem ist eine Alternative:
Zweckform oder Ornament. Dabei kommt
dem Begriff der Zweckform ein eindeutig be-
stimmter Inhalt zu, wonach die Zweckform als
ein Komplex von unverrückbar festgelegten ob-
jektiven Beziehungen, wie: Material, Gebrauchs-
zweck und Gestaltung zu betrachten ist. Diese
Objektivität verbürgt Allgemeingültigkeit, also
Kollektivität. Das soziale Problem der Kunst, ins-
besondere der Baukunst und Innenarchitektur, wird
mit der Forderung nach objektiv gesetzmäßiger
Zweckform beantwortet. Denn nur diese Zweck-
form erlaubt eine Organisation im Sinne der typi-
sierten und ökonomisierten Befriedigung von
Massenbedürfnissen. Der Hang zu individualis-
tischer Absonderung und Fülle im Eigenbegrenzten
mag Typikund Ökonomie der Zweckformnüchtern,
sogar öde finden. Sicher ist, daß auch sie ihre dyna-
misch vitalen Möglichkeiten haben, und daß nur
sie den wirtschaftlich sozialen Forderungen unserer
technischen Zivilisation Rechnung tragen können.
Diese Forderungen sind keineswegs einfach mit
Sozialismus gleichzustellen. Ford und Lenin be-
gegnen sich in ihnen. Ob überkapitalistisch oder
staatssozialistisch, jedenfalls bleiben Typisierung

und Ökonomisierung die Forderungen, die auch in
Baukunst und Inneneinrichtung das Fortschrittliche,
Welterschließende, Zukunftskräftige bedeuten.
Nun gibt es aber Bezirke unseres europäischen
Lebens, Kräfte, die sich dieser zwangsläufigen
Entwicklung entgegenstemmen. Gegen Industrie-
großstadt das Agrarprovinziale, gegen das welt-
bürgerlich oder proletarisch Typisierte das bürger-
lich Individualistische. Schließlich, doch nicht zum
allerwenigsten, gegen Mittel- und Westeuropa das
Östliche..Ludwig Kozma ist der Innenarchitekt,
in dem diese dreifachen, immer lebendigen Trieb-
kräfte des Neukonservativismus ihren hervorragen-
den künstlerischen Ausdruck gefunden haben.
Man sehe die barocke Fülle an organischer Plastik
des Körperlichen seiner Möbel, ihre breitgela-
gerte schwere Ruhe und doch wieder ungestüm
drängende Dynamik, die Impulsivität der Form, die
vom zweckmäßig Struktiven, Notwendigen immer
wieder ins Dekorative, Überflüssige, Luxuriöse
hinüberspielt und von einem sprühenden, flimmern-
den Reichtum des Ornamentalen umgeben wird.
Dieser ganze phantasievolle Aufwand an Rhythmik
und Farbe, an blendenden Kostbarkeiten des Ma-
terials, diese überschwengliche Schönheitsfreude

1926. IX. J.
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