Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Tonfilm von heute

von S. KRACAUER

Es ist schlechterdings unmöglich, die neuen Erzeugnisse der Filmproduktion
in thematischer Hinsicht auf einen Generalnenner zu bringen. Immer-
hin läßt sich rein negativ feststellen, daß die Operetten- und Schlager-
filme sich in den Hintergrund zurückziehen und auch jene Filme vom
Schauplatz abzutreten scheinen, in denen ein kleines Ladenmädchen am
Schluß eine gefeierte Künstlerin wurde oder doch ihren Generaldirektor
kriegte. Mit den Generaldirektoren ist heute kein Staat mehr zu machen,
und überhaupt wird die Not viel zu tief und allgemein empfunden, als
daß das Publikum noch an eines der Paradiese zu glauben vermöchte, die
ihm die Filme bis vor kurzem vorzugaukeln beliebten. Vorbei ist die ganze,
von der Industrie systematisch aufgezogene Zerstreuungskultur, die an eine
Zeit gebunden war, in der die Massen noch betäubt werden konnten. In-
zwischen sind sie durch die unaufhörlichen Krache aus dem Halbschlaf
erwacht; womit allerdings nicht gesagt sein soll, daß sie auch sehend ge-
worden wären.

Daß der „Klamauk"-Film ausgespielt hat, wird nicht zuletzt durch das
Ergebnis einer vom „Reichsfilmblatt" um die Jahreswende veranstalteten
Rundfrage bestätigt. Wie die eingelaufenen Antworten beweisen, stimmen
Darsteller, Regisseure, Kinobesitzer, Filmautoren usw. darin überein, daß
der sinnlose Amüsierfilm, der im vergangenen Jahr als Massenartikel her-
gestellt wurde und den Markt nahezu völlig beherrschte, endlich von der
Bildfläche verschwinden müsse. Leider wenden sie sich auch geschlossen
gegen die Produktion aktueller Zeitstücke; einmal der Zensur wegen, deren
faktische Handhabung in der Tat die Unternehmungslust einschränkt und
die Herstellung guter, zeitgemäßer Werke über Gebühr erschwert, zum
andern aus Angst vor der Verstimmung, die mit Filmen von ausgespro-
chener Haltung bei einem Teil der Bevölkerung erregt werden könnte.
Ich selber bin der Meinung, daß diese Angst, deren Folge immer wieder
die Flucht in die sture Neutralität ist, nicht zureichend begründet sei. Das
Publikum trägt zweifellos ein starkes Verlangen nach Filmen, die direkt
oder indirekt mit seinem eigenen Leben etwas zu schaffen haben, und es
gibt genug aktuelle Themen, die nur richtig angepackt werden müßten,
um trotz der politischen Zerrissenheit des deutschen Volkes eine bessere
Aufnahme zu finden als der öde Klamauk.

Die Frage ist, was jetzt produziert werden soll. So einmütig die Teil-
nehmer an der Rundfrage den bisherigen Filmbetrieb verwerfen, so weit
gehen ihre Zukunftswünsche auseinander; ohne daß auch nur einer von

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