Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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maierei meistert. Wer Kopenhagen kennt, der weiß, daß alles dies nicht als künstlicher
Archaismus gewertet werden darf, sondern ganz echt und lebendig gewachsen ist.
Einmal aber hat alle Tradition ihr Ende. Die junge Malerei in Dänemark ist nur zu ver-
stehen aus dem Geist der Empörung. Wie sonst wäre es möglich, daß es dort unter den
bekannteren Malern der Gegenwart keinen gibt, der der sogenannten „sachlichen" Rich-
tung angehörte, die in der beruhigteren Kunstwelt Schwedens so zahlreiche Jünger hat ?
Wie wären die riesenhaften Formate zu verstehen, wie die auffallende Vernachlässigung
aller technischen Vollendung: Von all dem hat man durch mehr als ein Jahrhundert über-
genug gehabt und möchte damit aufräumen. Was aber sucht man Neues? Die Skizzen-
haftigkeit der äußeren Bilderscheinung ist nicht selten begründet durch die Kühnheit der
Auseinandersetzung mit der rein malerischen Aufgabe. Leuchtkraft der Farbe, Temperament
der Pinselführung, Ökonomie der Mittel, sichere Flächenteilung, alles deutet auf Er-
oberungslust im rein artistischen Bereich. Auch die Hinwendung zur französischen Malerei
— bis zur Bedrohung landestümlicher Eigenart — ist in diesem Zusammenhang verständ-
lich. Man kann von einer Vorkriegs-Abgeschlossenheit der Künstler in ihrer eigenen Welt
sprechen, ermöglicht durch eine immer noch große Zahl von Sammlern und Mäcenen.
Uns allerdings wird der Zugang in solches Paradies des l'art pour l'art nicht immer
ganz leicht.

Harald Giersing, der schon 1927 verstorbene, ist heute noch die Zentralfigur des jüngeren
Kreises. Er kommt von Matisse; farbig gelingen ihm stillere Akkorde von durchaus persön-
lichem Klang. Jedes Bild zeugt von ernsthaftem Ringen um neue malerische Probleme,
nicht ohne eine selbstquälerische Note. Auch Olaf Rüde verleugnet nicht französische Schu-
lung. Doch es gibt von ihm Bilder von derb-dekorativer Wirkung und sicherem Farben-
geschmack, die unserem deutschen Expressionismus verwandt sind. Höst und namentlich
Söndergaard stehen durch den gleichen Ahnherrn ihrer Kunst, durch Edvard Münch und
sein gespenstisches Weltgefühl, den Deutschen noch näher. Ein Bild wie Jens Sönder-
gaards Seestück ist mehr als Kunst um der Kunst willen. Perlmuttern schimmert das
Meer, unheimlich leuchten die weißen SchifFe auf. Die Technik ist weltläufig modern,
sehr raffiniert im gedämpften Bunt der Palette und im pastosen Auftrag, das Erleben natur-
nah, tiefbewegt von den dunklen Mächten, die Menschenwerk zum unsicheren Spiel der
Elemente machen. Das ist nordische Meisterschaft.

Eine kleine aber gewählte Ausstellung dieser jungen dänischen Malerei reist jetzt durch
Deutschland, zusammengestellt auf Anregung der „Nordischen Gesellschaft" in Lübeck. Im
November war sie im Kronprinzen-Palais in Berlin zu sehen. Auf Wunsch der Ver-
anstalter bringt sie nicht Proben aller bekannten dänischen Maler der Gegenwart, son-
dern jeweils etwa sieben Bilder einiger der besten jüngeren Meister aller Richtungen.

Ernst Barlachs „Gemeinschaft der Heiligen"

Die Plastiken von Ernst Barlach, die wir abbilden, gehören in die Figurenreihe, die die
gotische Fassade der zum Gottesdienst nicht mehr benutzten St. Katharinenkirche in
Lübeck schmücken soll. Barlach nennt sie die „Gemeinschaft der Heiligen", „Leidende
und Selige im Aufblick nach oben". Jede Figur steht in einer gotischen Nische. Fertig
sind drei Figuren: der Sänger, der Bettler, die Frau im Wind. Sie sind zur Zeit in der
Akademie ausgestellt. Geplant sind vorläufig acht Figuren. Zeichnungen für die noch
fehlenden sind ebenfalls ausgestellt. Von jeder Figur werden zwei Exemplare in Klinker-
masse angefertigt; eins davon wird verkauft, zugunsten der Finanzierung des Gesamt-

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