Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Berliner Auktionen

Die Versteigerung kostbarer französischer Bücher des achtzehnten Jahrhunderts, die von
Paul Graupe am 15. Februar veranstaltet wurde, war zu ihrem vollen Gelingen auf eine
begüterte Bibliophilenschicht angewiesen, die im Augenblick nur schüchterne Lebens-
zeichen gibt. So blieben wichtigste Werke unverkauft, sogar das auf 20000 Mark taxierte
„Oeuvre grave" von Antoine Watteau in zwei sehr schönen grünen Maroquinbänden;
trotz des Fehlens bedeutender Blätter eine Rarität. Zwei vorzügliche Exemplare von
Montesquieus „Temple de Gnide" wurden für 1650 und 1800 Mark verkauft, die vier-
bändige Baskerville-Ausgabe des Ariost, in braunem Kalbleder mit dem Zarenwappen,
für 6oo, die zweibändige Tasso-Ausgabe in olivgrünem Maroquin mit Spitzenbordüre,
Kupfer von Cochin, Simonet, Sr. Aubin, für 1500 Mark. Auch die Farbstiche wurden
nicht hoch gesteigert: die beiden Familienszenen von Debucourt auf 2850, das frische
Schabkunstblatt der Sophia Western, John Raphael Smiths berühmtester Porträtstich, auf
2250, die Angler-Pendants von Ward auf 2250 Mark, alles Blätter, um die man noch
vor einem Jahr gekämpft hätte.

Gemälde des neunzehnten Jahrhunderts wurden zugleich mit einer guten Breslauer Menzel-
Sammlung am 23. Februar bei Lepke versteigert. Monets flirrender „Kanal in Zaandam"
stieg auf 12000, eine zarte Dorflandschaft von Pissarro auf 4700, Courbets stürmischer
„Winter im Walde" auf 1750 Mark. Das „Sommer"-Bild von Thoma, mit der verschränk-
ten Baumgruppe unter mattem Himmelsblau, wurde mit 4200 zugeschlagen, Israels' blonde
Malerei der „Weißzeugnäherin" für 1260, Achenbachs ausführlicher „Strand bei Scheve-
ningen" für 2350 Mark. Unter den aquarellierten Menzel-Zeichnungen war die vorzügliche
Darstellung der Treppe im Schloß zu Neiße besonders begehrt, sie erreichte 1550;
3300 die stupende Momentaufnahme der vier bäuerlichen „Passagiere eines süddeutschen
Stellwagens", 2700 Mark die bildmäßige Studie eines bärtigen Kopfes. E.

Berliner Chronik

Gustave Dore

In Frankreich ist vor einigen Wochen der hundertste Geburtstag dieses hyperroman-
tischen, fruchtbaren und einfallsfreudigen Illustratoren gefeiert worden. Deutschland hat
weniger Notiz genommen, obwohl Dore als geborener Straßburger ein halber Deutscher
gewesen ist; es war mit dem gleichaltrigen Manet beschäftigt. Vor etwa zehn Jahren,
während eines Hochbetriebs der modernen Illustration, waren Dores Arbeiten, die sich
gern „expressionistisch" im Schrecklichen bewegten, ziemlich aktuell; jetzt ist dieses
Konjunkturinteresse vorüber. Daß die Schätzung Dores in dieser Weise schwankt, ist ver-
ständlich. Denn hart neben dem sehr Begabten liegt immer sichtbar das nur Professions-
mäßige, neben dem Gestalteten das nur Gemachte. Wenn aber die künstlerische Schätzung
auch schwankt, so bleibt Dore doch als historische Erscheinung dauernd interessant. Man
weiß, daß der erfolgreiche Illustrator bald aufhörte, selbst auf den Holzstock zu zeich-
nen, daß er nur noch Skizzen hinwarf und Einfälle notierte, sie photographisch auf den
Holzstock übertragen ließ und es einer großen Schar von Holzschneidern überließ, etwas
Fertiges daraus zu machen. Der Künstler war nicht frei von Leichtfertigkeit. Eben dieses
aber macht ihn historisch merkwürdig. Es ist noch nicht genügend beachtet worden —
und doch wäre es ein fruchtbares Thema für eine Doktorarbeit —, daß Dore mit seiner
Massenproduktion, mit seiner etwas gewissenlosen Fruchtbarkeit nicht allein stand, son-
dern daß sie eine Zeiterscheinung war. Neben ihm wirkte Scribe, der fruchtbare Bühnen-
HO
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