Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Richard Gerstl

Die Galerie Gurlitt stellte die viel besprochenen — die fast zuviel besprochenen — Bilder
Richard Gerstls aus, jenes Wiener Malers, der 1883 geboren wurde, schon 1908 durch
Selbstmord endete, und dessen hinterlassene Bilder erst vor kurzem der Öffentlichkeit
durch den Inhaber der Wiener „Neuen Galerie" entdeckt worden sind. Diese Entdeckung
hat Aufsehen -erregt; mehrere öffentliche Sammlungen haben bereits Bilder erworben. In
„Kunst und Künstler" hat Hans Tietze im Novemberheft vorigen Jahres (Seite 68) über
die Wiener Ausstellung berichtet und gleich das Entscheidende gesagt.
Die Berliner Ausstellung weckt stärker ein psychologisches als ein künstlerisches Inter-
esse. Man lernt einen ungemein Begabten kennen, dem der feste Boden einer Schule fehlte,
einen jener jungen Maler, die mit dem Letzten beginnen und sich dann festrennen.
Gerstls Bilder beruhen nicht eigentlich auf Natureindrücken; man möchte sie Impressio-
nen des Impressionismus nennen. Sie sind von Kunst hergeleitet. Von Münch vor allem.
Mit einem großen Zug, mit viel Temperament, doch auch ziemlich wirr und verwirrt.
Das meiste ist formlos zerfasert, in einer programmatischen Weise pastos und „kolo-
ristisch" ohne lebendige Farbigkeit. Als Nachlaßausstellung und Exempel sehr interessant,
am Absoluten gemessen, recht problematisch. Mehr Rarität als künstlerische Realität.
Ein Funke, der verlosch, ehe er Flamme wurde, und von dem es zweifelhaft ist, ob er
jemals zur Flamme hätte aufschlagen können.

„Sonne, Luft und Haus für Alle"

von W. C. BEHREN DT

Unter diesem zugkräftigen Titel veranstaltet das Berliner Messeamt eine „Ausstellung
für Anbauhaus, Kleingarren und Wochenende" und es läßt sich nicht leicht ein passenderes
und hübscheres Thema für eine Sommerschau denken. Die Ausstellung greift sehr mächtige
und vitale Bedürfnisse der Großstadtbevölkerung auf, die in der neuerwachten Sehnsucht
nach einer unverdorbenen, der Natur wieder enger verbundenen Lebensweise ihre Wurzel
haben und deren Intensität an der starken Zunahme des Volkssports und der Wander-
bewegung, an der raschen und unaufhörlichen Ausbreitung der Kleingarten- und Wochen-
endbewegung zu ermessen ist. Sie zeigt an einem sehr geschickt ausgewählten Material,
das mit den modernsten Mitteln der Schaubarmachung dargeboten wird, wie diese Sehn-
sucht Erfüllung findet und wie die mannigfachen Bedürfnisse, die dem neuen Drang zur
Natur entspringen, die echten wie die in ihrem Gefolge auftretenden eingebildeten,
befriedigt werden. Die Ausstellung gibt sich belehrend und propagandistisch zugleich, sie
wirkt aufklärend im Sinne hygienischer Volksbelehrung, indem sie über das biologische
Problem von Arbeit und Ruhe gemeinverständliche Auskünfte erteilt, sie stellt mit den
plakatartigen Mitteln der Photomontage Idealbilder eines Lebenszustandes vor, für dessen
Verwirklichung sie wirbt, und sie wird überdies, ohne diese übergeordneten Tendenzen
zu verwischen, den vielfältigen merkantilen Interessen gerecht, mit denen jede Ver-
anstaltung solcher Art zu rechnen hat. Man spürt den Schwung eines neuen Lebensgefühls
an den Dingen, die hier zur Schau stehen und nimmt man die vielen Einzelheiten zu-
sammen, die über das Ausstellungsfeld verteilt sind, so gewinnt man ein anschauliches
und in vieler Hinsicht aufschlußreiches Bild von den neuen Lebensformen, die sich unter
dem Einfluß der in jenen Volksbewegungen konzentrierten Abwehr- und Aufbaukräften
herauszubilden beginnen. Da dieses Bild sich überdies in einem geschmackvollen Rahmen

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