Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Die schöne, echte Naivität der alten Arbeiten wird in der Staatlichen Sammlung ver-
anschaulicht; in den Verkaufsräumen aber kann man sehen, wie diese Naivität neuer-
dings einer fatalen artistischen Absichtlichkeit gewichen ist. Diese Erscheinung wiederholt
sich an vielen Stellen. Aufhalten läßt sich der Auflösungsprozeß nicht, denn die Volks-
kunst hat ihren natürlichen Boden verloren; und politisch kann sie ihn nicht zurück-
gewinnen. Es bleibt nur die Möglichkeit, die alten Kräfte der Industrie vernünftig nutzbar
zu machen und eine Art von Blutübertragung vorzunehmen.

Besonders interessant ist in der gut gemachten Ausstellung eine Darstellung der Jucca-
kulturen. Es handelt sich um eine Pflanzenzüchtung, um einen Baumwollenersatz, der,
wie es scheint, die Baumwolle vollständig vom deutschen Markt verdrängen könnte. Auch
hier ist eine Idee der Selbstversorgung am Werk; aber eine sehr hoffnungsvolle. Beweis:
die Engländer, die ihren Baumwollen-Markt bedroht sehen, sind hinter den Patenten her.
Um sie zu vernichten. In vielem ist die Ausstellung rückwärts gerichtet; in diesem einen
Punkt hat sie etwas aufregend Zukünftiges.

Neues aus den Berliner Museen

Das Deutsche Museum hat die Einrichtung getroffen, in jedem Monat wechselnd eine
besonders schöne Klein-Plastik der Sammlung in einer Vitrine isoliert aufzustellen. Im
Anschluß daran wird eine Postkarte mit einer guten Reproduktion und einem erläutern-
den Text verkauft. Als erstes Werk wurde im Mai ein um 1480 entstandener Heiliger
Christophorus, eine Lindenholzstatuette mit alter Bemalung und Vergoldung aus Ober-
bayern gezeigt. Ein Detail der schönen Arbeit bilden wir ab.

Ferner sind kleine Sonderausstellungen im Eingangsraum des Kaiser-Friedricb-Müseums be-
gonnen, die alle zwei Monate wechseln sollen. Dort werden mehrere, innerlich zusam-
menhängende Stücke der italienischen Sammlung gezeigt. Der ersten dieser Ausstellungen,
die elf der schönsten italienischen Bronzen vereinigte, ist jetzt eine Sonderschau „Ita-
lienische Bozetti der Spätrenaissance und des Barock" gefolgt. Sie enthält Arbeiten von
Giov. da Bologna, Lorenzo Bernini, Giov. Batt. Foggini, Tomaso Amantini und anderen.
Der Flußgott, den wir abbilden, ist unter dem unmittelbaren Einfluß von Giv. da Bologna
in dessen Werkstatt um 1590 entstanden, wahrscheinlich als Modell für eine Brunnenfigur.
Weist man neben diesen Veranstaltungen noch auf die Ausstellung der herrlichen alt-
deutschen Bildniszeichnungen aus dem Kupferstichkabinett im Durchgang zwischen dem
Deutschen Museum und dem Kaiser-Friedrich-Museum, auf die Ausstellung islamischer
Kunst aus Berliner Privatbesitz, auf die Sonderveranstaltungen des Kupferstichkabinetts
und der Staatl. Kunstbibliothek und auf die Ausstellung im Antiquarium „Der Schmuck
als Kunstwerk" hin (wovon im Maiheft die Rede war), so wird es deutlich, in welcher
Weise die Museen mit wachsendem Erfolg bemüht sind, ihre Bestände den Besuchern
lebendig zu machen.

Neues aus Amerika

von HERMANN POST

In den American Anderson Galeries wurden Bilder der Sammlung Marchioness Curzon
of Kedlestone versteigert. Folgende Preise sind von Interesse: Franqois Boucher: Venus,
aus der Sammlung Baron Alfred de Rothschild, 31000 Dollar (von Chester Dale er-
worben); Joshua Reynolds: Bildnis Katherine Angelo, auch aus der Rothschild-Samm-
lung, 12000 Dollar; Greuze: ein Knabenkopf, 5200 Dollar, ein Mädchenkopf 4600 Dollar.
Das Gesamtergebnis betrug 93672 Dollar.

Charakteristisch für die amerikanische Mentalität ist ein Brief, den der Präsident Hoover,

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