Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Von der Arbeitsweise der Alten Meister

von MAX J. FRIEDLÄNDER

Jedermann weiß, daß sich die Alten Meister — im Gegensatze zu den neueren
— Lehrlinge und Gesellen hielten. Ich kann aber nicht finden, daß sich
diese Kenntnis voll, in allen Konsequenzen auswirkt bei Beurteilung der
Kunstwerke. Man redet wohl obenhin von mehr oder weniger handwerk-
lichem Tun, vergißt aber, vor den Schöpfungen der Alten Meister sich die
Entstehungsweise zu veranschaulichen, sich in einen Arbeitsprozeß einzu-
fühlen, der uns tief fremdartig ist. In zeitlicher und örtlicher Nähe sehen
wir den für sich, allein, mit spontaner Freiheit schaffenden Künstler und
verfallen deshalb immer wieder dem Irrtume, jedes Gemälde als das Werk
einer einzelnen und einzigen Persönlichkeit hinzunehmen, vorausgesetzt,
daß uns nicht offenbare Warnung davon abhält.

Zuweilen besinnen sich die Kunstkritiker auf die Werk-Gemeinschaft,
wie sie im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert gebräuchlich war,
nämlich, sobald ihnen ein Bild im Stile Memlings oder im Stile Botticellis
nicht recht gefällt. Sie setzen dann mit dem Schlagwort: Werkstattarbeit —
ein, indem sie annehmen, der erfolgreiche und stark beschäftigte Maler
habe zwei Warensorten geführt und geliefert, nämlich außer den vor-
trefflichen „eigenhändigen" schwächere und geringere Tafeln, die unter
seinen Augen, nach seinen Vorlagen von Gehilfen ausgeführt waren. Diese
Vorstellung, mit der viele Erscheinungen, namentlich das Auftauchen exakter
Kopien, einleuchtend erklärt werden, setzt voraus, daß die Arbeit des
Meisters sich stets neben der Arbeit der Gesellen deutlich ausgezeichnet
und abgesetzt habe. Wie aber, wenn, was zu erwarten ist, die eine Arbeit
in, über und unter der anderen verborgen liegt?

Die üblich gewordene Unterscheidung — „eigenhändige" oder Werkstatt-
arbeit — geht überdies von der irrtümlichen Annahme aus, daß der Meister
an Können, an Begabung seinen Gehilfen unter allen Umständen überlegen
gewesen sei. Nun machte sich ein Geselle im fünfzehnten und sechzehnten
Jahrhundert nicht selbständig, wie etwa ein Künstler in unseren Tagen,
in dem Augenblick, in dem er die Kraft dazu fühlte, sondern er wurde
„Meister" unter gewissen wirtschaftlichen Bedingungen und erst in dem
Lebensalter, das von der Gilden-Regel vorgeschrieben war. Lucas van Leyden
zum Beispiel scheint ein Wunderkind gewesen zu sein und hat vermutlich
in der Werkstätte Engelbrechtzens mitgearbeitet zu einer Zeit, in der er
in manchem Betracht seinen Meister übertraf. Also: die Lehrzeit und die
Wanderjahre, als gesellschaftliche Stellung, als Berufslage, deckten sich
keineswegs mit einer Lernzeit, als einem geistigen Schüler-Verhältnis.

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