Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Curt Glaser: Amerika baut auf. Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1932.
Amerika ist hier gesehen, wie heute gebildete, kenntnisreiche, exakt und besonnen den-
kende Europäer Amerika sehen. Die Haltung ist nicht zu enthusiastisch und nicht zu
skeptisch, nicht zu kritisch und nicht zu unkritisch. Der Verfasser hat sich selbst dem
verwirrend Neuen gegenüber zur Ruhe, ja zur Kühle gezwungen, um ehrlich in der Auf-
nahmefähigkeit zu bleiben. Der Leser darf den Konstatierungen trauen, auch wenn er
andern Temperaments ist. Darin liegt der Wert des Buches, das die Hin- und Rückreise
schildert, das Schilf, New Yorck, Boston, Philadelphia, Washington und Chicago, das von
Bahnhöfen und Museen, von Turmhäusern, Kunst, Photographie und vom Verhältnis
Deutschlands zu Amerika spricht. Es ist genau das Buch, das von der zuverlässigen
geistigen und seelischen Einstellung Curt Glasers zu erwarten war.

Die Entwicklung des Graphikmarktes

von ERHARD GÖPEL

Die Beruhigung des Graphikmarktes auf einer bald um zwei Drittel gesenkten Preis-
ebene veranlaßt den kritischen Beobachter, zurückzublicken. Seit Kriegsende fließen
die in Jahrhunderten angesammelten graphischen Kunstwerke aus Deutschland namentlich
in das angelsächsische Ausland. Aber erst seit dem Jahre 1924 erlaubt die deutsche Wäh-
rung eine vergleichende Beobachtung der Preise. Als im Mai des Jahres 1927 ein Amerikaner
10000 Dollar oder 42000 Mark auf einer deutschen Versteigerung für Dürers Adam und
Eva zahlte, schien ein Gipfel erreicht. Doch folgte darauf im November 1929 der Preis
von 70000 Mark für Rembrandts Drei Kreuze und im Frühjahr 1930 die denkwürdig
hohen Preise von 62000 Mark für Dürers Erasmus, von 53000 Mark für eine Zeichnung
Moreaus und von 31000 Mark für ein Skizzenblatt Raphaels. Die Käufer dieser Blätter
waren, kennzeichnend für die damalige günstige Wirtschaftslage, ein amerikanischer,
ein französischer und ein englischer Händler.

Im folgenden Herbst blieben plötzlich, als Auswirkung der amerikanischen Finanzkrise,
alle amerikanischen Aufträge aus. Zu gesunkenen Preisen teilte sich der europäische
Handel das schöne Angebot und versuchte im Frühjahr 1931 trotz der Verschlechterung
der Lage in Europa durch Stützungskäufe den Markt zu halten und so das eigene Lager
vor Entwertung zu schützen. Da inzwischen aber die private Spekulation nicht nur vom
Markte verschwunden war, sondern sich zu Verkäufen gezwungen sah, mußte die Stützung
des Handels auf die Dauer scheitern. Noch im Herbst 1931 wurde das Auseinanderfallen
des internationalen Marktes in seine nationalen Kerne deutlich.

Die letzten großen Käufe der Holländer, die kurz darauf auch von der Krise erfaßt
wurden, während der Versteigerung Hofstede de Groot, waren das sichtbarste Kenn-
zeichen dieser Entwicklung, der auf wirtschaftspolitischem Gebiet die zunehmende Ab-
schließung der einzelnen Länder gegeneinander entsprach. In Deutschland drohte der
Einbruch des fast zum Binnenhandel gewordenen Graphikmarktes. Doch Zwang nun
die fortschreitende Not zu Verkäufen aus besten Sammlungen, die bis dahin der Ver-
führung auch durch die höchsten Preise widerstanden hatten. So konnte die führende
Graphikhandlung den fallenden Preisen und namentlich dem schwindenden Vertrauen zu
den bis dahin für sicher gehaltenen Werten der alten Graphik mit dem Angebot der
Sammlung Yorck von Wartenburg und Dubletten der Albertina entgegentreten. Man
verkaufte, was als großer Erfolg in dieser kritischen Lage gelten mußte, und erzielte
mittlere Preise für Stücke, die dem üblichen Mittelgut um ein mehrfaches an Qualität
überlegen waren. Eine Bestätigung für diese hier schon kurz nach der Versteigerung
Yorck gemachte Bemerkung brachten die in der diesjährigen Herbstversteigerung ent-
haltenen Rückgänge aus Yorck und Albertina. Ihrer hohen Druckqualität wegen wurden
diese Blätter trotz der fallenden Tendenz des Marktes über den Preisen, zu denen sie
im Frühjahr zurückgegangen waren, verkauft.

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