Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Anmerkung der Redaktion zu dem Künstlerprotest

Ein solcher Protest gegen die Kunstpolitik, die im Kronprinzenpalais gemacht wird,
war längst fällig. Hoffentlich wird er, wenn er von dieser Seite kommt, gehört. Hoffent-
lich hat er Folgen. Endlich sehen die Künstler ein, daß ihren wohlverstandenen Inter-
essen nur der wirksam dient, der mit allen Sinnen den Sieg des wahrhaft Künstlerischen
will, daß außerkünstlerischen Interessen dienende Diplomaten aber alles verderben.
Uns ist die Sammlung, die nach Oslo gegangen ist, nicht gezeigt worden. Natürlich nicht!
Man fürchtet Kritik im Kronprinzenpalais. Wir können die Ausstellung darum nicht be-
urteilen. Doch kennen wir den Katalog; und der läßt streckenweise das Schlimmste ver-
muten. Bekannt ist, daß ein deutscher Maler, ein Vertreter des Expressionismus, seine
schon ausgewählten und zugesagten Bilder zurückgezogen hat, nachdem er die Sammlung
gesehen hatte. Was die Veranstalter aber nicht hinderte, trotz eines strikten Verbotes,
fünf andere Bilder dieses Malers hinter seinem Rücken mit auszustellen. Dann hat Lud-
wig Thormaehlen selbst im Vorwort des Kataloges und in der deutschen Presse etwas
wie ein Programm verbreitet. Es sei hier wörtlich abgedruckt:

„Was läge näher, als in Norwegen zu zeigen, in welchem lehendigen deutschen künstlerischen Feld
die Kunst Edvard Münchs aufgenommen wurde. Die in dieser Ausstellung vereinigten Maler stehen in
dem Kunstraum, den Münch als einer der ersten eröffnete.

Münch war zu wiederholten Malen und längerem Aufenthalt in Deutschland. Die Bedingungen, aus
denen heraus sich die deutschen Maler, die in Oslo gezeigt werden, in ihren Anfängen entwickelten,
gaben hier auch für Münchs Arbeiten Anlässe und fordernde Kräfte. 1892 wurde seine erste Aus-
stellung in Berlin Anlaß zu einer Scheidung der Geister. Eine der folgen wurde die Gründung der
Berliner Secession, einer der ersten in Deutschland, die, oftmals gespalten, inzwischen zu festen Körper-
schaften in deutschen Kunst-Städten geworden sind. Aber die Kunst l-dvard Münchs wirkte weiterhin
von Generation zu Generation Leben weckend und Neuem zu Form und Dasein in Deutschland ver-
helfend. Nicht, daß eine unmittelbare Folge und Mache nachzuweisen wäre. Neben van Gogh, der
niemals in Deutschland war, dessen Kunst erst um die Jahrhundertwende bekannt wmde, hat kein
nichtdeutscher Maler den Umkreis künstlerischer Ideen, malerischen Traumes, innerer und realer Schau,
der Mittel und der Erlebnisbereichc für die Lebenden in Deutschland so zu weiten vermocht wie
Edvard Münch."

Im Kronprinzenpalais mag diese Geschichtsfälschung geglaubt werden, in Oslo wird man
sie vielleicht als Courtoisie werten; die deutschen Künstler, die es besser wissen, sind
darüber, wie der Protest zeigt, mit Recht entrüstet. Man sucht im Kronprinzenpalais end-
gültig mit der Meinung aufzuräumen, als sei ein Maler namens Manet richtunggebend
für die deutsche Kunst gewesen, als hätte es in Deutschland jemals eine impressionistische
Malerei gegeben. Kunsthistoriker, die so gewissenlos mit der Geschichte der Kunst um-
gehen, können es auch mit der Kunst der Lebenden nicht ehrlich meinen. Sie meinen
immer nur ihren eigenen Erfolg.

Berliner Chronik

Gedächtnisausstellungen

Zwei offizielle Ausstellungen waren dem Gedächtnis Verstorbener gewidmet: im Kron-
prinzenpalais wurde ein Ausschnitt vom Lebenswerk Maria Slavonas gezeigt, in der
Nationalgalerie war das erste Stockwerk den Bildern Lesser Urys eingeräumt. Gedächtnis-
ausstellungen haben meistens etwas Melancholisches. Nicht nur weil die Gestorbenen zu
betrauern sind, sondern weil nach dem Tode plötzlich möglich wird, was vorher um
keinen Preis zu erreichen gewesen wäre.

Welche Freude wäre es für Maria Slavona gewesen, wenn sie diese Krönung erlebt
hätte! In den letzten Jahrzehnten ist sie, die einst an der Tafel mit den Meistern sitzen

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