Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Bericht über den Prozeß Wacker

von MUSSIA EISENSTADT

„C'etait une assemblee oü l'on s'est peut-ötre
occupe de fausse monnaie, je ne dis pas non,
mais oü l'on traitaic surrout les questions . . .
de litterature . . . Un ami, . .. c'est quelqu'un
avec qui on serait heureux de faire un mauvais
Coup". Andre Gide, Journal des Faux-Monnayeurs.

In jenen wirren und heillosen Jahren, die zwischen dem Ausbruch des
Krieges und dem des Friedens liegen, kommt ein Düsseldorfer Junge,
Jahrgang 1898, mit seinen Eltern nach Berlin und sucht ihnen und sich
zu helfen. Er ist früh gereift und selbständig wie Kinder, die am Wirt-
schaftskampf ihrer Eltern teilnehmen; Bilder seines Vaters, der sich als
Tagelöhner und Hausdiener durchgeschlagen hat, um dann die karge gebun-
dene Existenz dieser halbproletarischen Berufe mit der Hungerfreiheit eines
ungeschulten „Kunstmalers" zu vertauschen, verkauft er dreizehnjährig auf
Wanderausstellungen. Im Jahre 1914 kommt er mit seiner Familie, unter
sehr wechselnden Vermögensumständen, nach Berlin. Sein Bruder Bernhard
(der später etwa sechzehn bis achtzehn der Wackerschen van Goghs restau-
riert hat) malt gelegentlich auch eine „Paraphrase" nach einem van Gogh-
Bild „zur Erinnerung" für Otto Wacker; seine Schwester Lucie ist ebenfalls
künstlerisch begabt. Er selbst hat nie, wie er angibt, versucht Bilder zu
kopieren, wohl aber hat er sich autodidaktisch im Zeichnen und Entwerfen
geübt. Für diesen mit Spürsinn und Formgefühl begabten Menschen scheint
der Kunsthandel die vorgezeichnete Möglichkeit, eine gehobene und materiell
aussichtsreiche Lebensstellung zu erreichen. Er fängt geschickt und hart-
näckig an, verschafft sich kommissionsweise deutsche Impressionisten, ver-
kauft sie an Kunsthandlungen. Einmal, 1917, muß er sich vorwerfen lassen,
einen unechten Stuck in den Handel gebracht zu haben, weigert sich aber
das „Geschäftsgeheimnis" der Herkunft zu lüften. Aus den ersten Friedens-
jahren entsinnen sich noch manche Bühnenleute des manierlichen, schmäch-
tigen Jünglings, der in kleidsamer Matrosentracht Bilder seines Vaters zum
Verkauf anbot. „Autodidaktisch", wie sein Vater Maler geworden war,
wurde er dann Tänzer; er trat auf, zuerst mit seiner Schwester Lucie, zeit-
weilig mit einer anderen Partnerin, dann meist allein. Dekorationen und
Kostüme wurden von ihm entworfen, von der geschickten Schwester ange-
fertigt. Da er sich in „altspanischem" Stil vorführte, gefiel es ihm, sich
„Olindo Lowael" zu taufen. Er ist, wie er in seiner Vernehmung nicht
ohne Erbitterung angibt, nie Eintänzer, sondern ausschließlich „Kunsttänzer"
gewesen. Unter Wolzogens Direktion machte er den Sprung auf die

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