Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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zeigt sich einige Minuten, nicht in einer bestimmten ruhigen Stellung, sondern beliebig
sich bewegend." (S. 5) Das müssen die Schüler dann „aus der Einbildungskraft" aufs Papier
bringen. Und das heißt dann auch noch Naturstudium.

Das Ergebnis des Naturstudiums, das wir sonst als Können bezeichnen, nennt er hart-
näckig „Geschicklichkeit". Sein individuelles Verhältnis zu den Begriffen (vergl. oben die
„Pedantenordnung") erleichtert ihm theoretische Konstruktionen und Ausweichen in der
Polemik.

Herrschender Typus. Nicht malen und nicht denken können, und damit sich berufen
lühlen, eine Malerei von Jahrhunderte alter Geschichte abzuschlachten und der Welt eine
neue zu versprechen, von der man selber zugibt, daß man von ihr eigentlich nichts
zeigen kann und ihr Werk bisher als „Verzweiflungstat" zu entschuldigen ist; von der man
zugeben muß, daß man hier auch „vor offenbarem Unsinn nicht zurückscheut" (S. 24).
Zur Jugenderziehung zu empfehlen. Denn „diese wichtigsten und schwierigsten Probleme
dürfen nicht aus dem Gesichtskreis der Anfänger gerückt werden", — man muß sie
verrückt machen.

Berliner Chronik

von KARL SCHEFFLER

Bildnisausstellung Max Liebermann

Im Ausland, zum Beispiel in der Schweiz und in Holland, schätzt man Max Liebermann
in erster Linie als Bildnismaler. Das ist insofern eine falsche Einschätzung, als Lieber-
mann auf anderen Gebieten noch Höheres erreicht hat. Richtig ist, daß dem Porträtisten
Meisterwerke gelungen sind, die im gegenwärtigen Europa durch nichts übertroffen
werden, daß uns kein anderer Maler lebt, der in glücklichen Stunden das Wesen eines
Menschen so spontan erfassen, der Menschen so naiv geistvoll nachschalfen und es
machen könnte, daß der Betrachter die Dargestellten zu kennen glaubt. Was um so
wichtiger ist, als Liebermann der Porträtist einer ganzen Epoche geworden ist.
Es war darum ein guter Gedanke, verwirklicht in der Zusammenarbeit von Erich Hancke
mit dem Verein Berliner Künstler, den fünfundachtzigjährigen Liebermann durch eine Aus-
stellung von dreiunddreißig Bildnissen aus Privatbesitz zu ehren. Vertraute Bilder in einer
neuen Umgebung, in einer neuen Konstellation wiederzusehen, das schärft den Blick für
die Gesamtleistung. In dieser Ausstellung treten die Bedingtheiten einiger Bildnisse deut-
lich hervor; um so siegreicher spricht aber auch die große Leistung im ganzen und im
einzelnen. Niemals sah das große Doppelbildnis der Eltern schöner aus als jetzt in der
Tiergartenstraße. Es ist schlechthin der Gipfel der Berliner Bildnismalerei im neunzehnten
Jahrhundert; es ist klassisch in seiner künstlerischen Zurückhaltung, es erläutert einen be-
rühmten Ausspruch Menzels dahin, daß Fleiß und Genie Geschwister sein können, es hat,
bei aller Intimität, die zudringliche Kraft der alten Meister. Ein anderer Gipfel einfach-
breiter Malerei und ergreifender Menschendarstellung ist das viel später entstandene
Bildnis der Frau Biermann. Mit einer stillen, verzagten Geste, ohne den leisesten genre-
haften Zug, ist der ganze Mensch gegeben: da steht er und sieht dich an — mit den
geringsten Mitteln gemacht. Nicht weniger eindrucksvoll ist das Bildnis der Gattin: monu-
mental in der Gesamthaltung, von einer Lebenswahrheit, die in jedem Zug mittelbar und
übertragen ist und die eben darum die Natur, in ihrer Einmaligkeit sowohl wie in ihrer

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