Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Johan Thorn Prikker f

von GUSTAV BARTHEL

Johan Thorn Prikkers Lebenswerk ist reich. Wir müssen seine unermüdliche Schaffens-
kraft und seine rastlose schöpferische Arbeit bewundern.

Er hat Möbel, Batiken, Stoffe, Gobelins, Tapeten, Bucheinbände, Stickereien, Gemälde
und Mosaiken entworfen. Er sehnte sich nach kirchlichen Monumentalaufgaben: ganz
und rein sprach er sich in seinen Glasfenstern aus, sie entsprechen am meisten seinem
aktiven, heftigen und inbrünstigen Willen.

Er verleugnete auch in seinen letzten Arbeiten nicht die Jahre seiner Entwicklung: das
gärende, suchende und zukunftsträchiige erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Sich stets
wandelnd, niemals zurückblickend, blieb er der gleiche.

Er liebte das christliche Sj'mbol. Es hatte für ihn Inhalt, es war seine Sprache. Er
bändigte sein Gefühl durch das Denken, das zu einer Vergeistigung führte, die doch
schwer an der Erde hing. Seine Weltentrücktheit, in früheren Jahren gewaltig-visionär,
ahnungsvoll, dunkel-veiträumr, in späteren Jahren in kühlen, geschliffenen Formen des
Geistigen geklärt, ist in höchstem Grade Wirklichkeit. Er bleibt ebenso visionär wie
sinnenhaft. Man spürt in seinen Fenstern die Kraft des christlichen Wortes, dessen wunder-
bar tiefen Sinn er aufs neue durchdachte, um grüblerisches Sinnen hinter sich zu lassen
und mit ruhiger, selbstverständlicher Kraft und verstehendem Wissen das ewige Thema
der bildenden Kunst in sinnlich-bildhaften Zeichen auferstehen zu lassen.
Er liebt die knappe Formel und bändigt in ihr den überquellenden Reichtum innerer
Gesichte. Seine Bilder werden zum Ornament. Ornament aber heißt bei ihm vitaler
Ausdruck tiefer Ergriffenheit, menschlicher Erlebensfülle. Es ist verdichtete Form des
Erlebens. Es behält, niemals zwecklos-spielerisch, seinen Sinn.

Seine Fenster sind Symphonien von Farbe und Licht. Ihre Töne sind tief und stark und
zugleich kühl und gemeistert. Ihre Flächen sind in sich geschlossene Organismen, ohne
Illusionismus, voll rhythmischer Lebendigkeit, ja Eigenwilligkeit. Die strengen und ein-
fachen Konturen sind voll innerer Spannung. Die Verteilung der Flächen von feinem
Maßgefühl. Die Farben tief, dunkel, blühend, aber auch hell, leuchtend, gebändigt.
Johan Thorn Prikker ist weder dekorativ noch symbolistisch. Alle alten Inhalte entstehen
und bestehen in neuer Form. Das ist ein großes Geschenk für unsere Zeit.

Eine wichtige Versteigerung

Im Juni gibt es in Paris eine Versteigerung wichtiger französischer Bilder des neun-
zehnten Jahrhunderts aus deutschen Sammlungen unter dem Namen „Collections Mssrs.
S. et S.". Nachdem die Sammlung Schmitz aus Dresden von der Steuerbehörde, so darf
man sagen, in die Schweiz vertrieben worden ist, wird nun dieser wichtige Sammler-
besitz aufgelöst. Ein schlimmes Zeichen! Es wird interessant sein zu verfolgen, wie die
Bilder vom internationalen Markt aufgenommen werden. Werke von solcher Bedeutung
sind so lange nicht angeboten worden, daß diese Versteigerung den Wert einer Baro-
meteransage gewinnt.

hinunddreißigster Jahrgang, fünftes Heft. Redaktionsschluß am i. Mai, Ausgabe am 10. Mai 1032.
Für die Redaktion verantwortlich: Karl Scheiller, Berlin. Verlag Bruno Cassirer.
Gedruckt in der Offizin von Fr.Richter G.m.b.H., Leipzig.

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