Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Für die Kunst!

von CURT GLASER

Rings um den Kemperplatz ist es still geworden. Das stolze Kunsthandels-
viertel Berlins, das in ungesunder Eile nach dem Kriege aufgeblüht war,
ist in raschem Schwinden begriffen. Die Wirtschaftskrisis hat zerstört, was
die Inflation aufgebaut hatte. Damals war der Begriff der Wertbeständigkeit
entdeckt worden. Als alles ins Gleiten kam, erschien das Kunstwerk als
der ersehnte ruhende Pol. Die Deflation hat auch diese Hoffnung ent-
täuscht, und die vielen falschen Kunstfreunde, die „fest auf Bilder" waren,
haben sich als einziges Andenken an die Zeit der großen Hausse eine
instinktive Abneigung gegen alles, was Kunst heißt, bewahrt.
Nicht sie allein. Kunst steht — auch bildlich gesprochen — nicht mehr
hoch im Kurse. Es scheint wieder so zu sein, wie es vor nun genau
vierhundert Jahren gewesen sein muß, wenn es wahr ist, was Lukas Moser
damals auf seinen Altar in Tiefenbronn geschrieben hat: „Schrei, Kunst,
schrei und klag dich sehr, deiner begehrt jetzt niemand mehr." Es begehrt
ihrer auch heute niemand mehr. Schließung der Museen, Abbau der
Akademien, Beseitigung des Zeichenunterrichts sind zugkräftige Parolen
versteckter Kulturfeindschaft, die sich unter dem Motto der Notwendigkeit
kräftiger Abstriche am öffentlichen Haushalt wieder einmal hervorwagen.
Kunst ist Luxus. Das gefährliche Wort geht allenthalben um und wird
gern geglaubt, weil seine Wahrheit so scheinbar unabstreitbar auf der
Hand liegt. Man kann ohne Kunst leben. Kunst ist nicht lebensnotwendig.
Mit Verlaub. Hat man den Begriff des Lebensnotwendigen wirklich genau
geprüft, ehe man sich seiner mit solcher Gewißheit bediente? Was für
die Erhaltung des nackten Daseins erforderlich ist, scheint leicht festzu-
stellen, und die Kunst scheidet bei dieser Betrachtung aus. Aber es ist

Anmerkung der Redaktion: Diese Ausführungen eines alten Mitarbeiters greifen in
mehreren Punkten Meinungen an, die wir ausgesprochen oder begünstigt haben. Mit dem
Verfasser sind wir einig über die Bedeutung der Kunst und ihrer Pflege. Das versteht
sich von selbst. Nicht einig sind wir mit ihm über einige der Wege, die zum Ziel führen.
Was den heutigen Hochschulbetrieb betrifft, so neigen wir den Ansichten Albert Lamms
zu; nicht aus Sparsamkeitspolitik, sondern um der Kunst willen. Und gegen das Über-
lebte im heutigen Ausstellungsbetrieb sind wir auch im Interesse der Kunst und der
Künstler. Den Künstlerprotest endlich haben wir willkommen geheißen, weil er weitere
Kreise aufmerksam macht auf Mißstände, die der deutschen Kunst seit langem mehr
schaden, als ihre Aufdeckung es zu irgendeinem Zeitpunkt tun kann. Unverständlich
bleibt uns, wie der Verfasser sich zu Protesten dieser Art in seinem Gewissen gedrungen
fühlen kann, während er nicht ein einziges Wort des Widerspruchs gegen das findet,
womit die Veranstalter der Osloer Ausstellung dem Ansehen nicht nur der deutschen
Kunst, sondern auch des deutschen Nationalcharakters schwer geschadet haben.

IOI
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