Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Die Pariser Picasso-Ausstellung

von GRETE RING

Die Ausstellungsfolge des Frühsommers 1932 zu Paris fand Krönung und
Beschluß in zwei Veranstaltungen von sonderlicher Bedeutung: die Ex-
position Manet im Pavillon der Orangerie, die Exposition Picasso in der
Galerie Georges Petit. Die Manet-Schau, zugleich Hundertjahrfeier der
Geburt des Meisters, zeigt eine Reihe von Werken in bedachter Auslese,
damit die Zufallswahl der Londoner Royal Academy des vergangenen
Winters glücklich ergänzend und korrigierend. Die Picasso-Ausstellung
gibt eine lückenlose Ubersicht über das gesamte bisherige Schaffen des
Künstlers, mit einem wahrhaft gigantischen Aufgebot an Material: mehr
als 230 Bilder, zumeist stattlichen Formats, dazu Plastiken, sind zur Stelle.
Es ist die Eigenart des Pariser Ausstellungswesens und gewiß einer der
vorzüglichsten Gründe für seine jahrzehntelang nahezu unverändert erregte
und erregende Aktualität, daß jeder Künstler sich bei jedem neuen Auf-
treten gleichsam erstmalig der Öffentlichkeit darbietet. Der Bekannteste
und Berühmteste, ja der historisch Geheiligte unterliegt dem gleichen
Fegefeuer wie der wirkliche Anfänger. Damit verliert das Arriviertsein
das bonzenhaft Schreckende, das seine Vertreter bei uns so gern der Gefahr
aussetzt, zum alten Eisen geworfen zu werden, andererseits vermag eine
einzige mißglückte oder mißliebige Veranstaltung einen scheinbar auf ewig
gefestigten Ruf zu erschüttern. Selbst die Ausstellungen der Orangerie, staat-
lich repräsentative Manifestationen, werden in diesen lebendigen Fluß
einbezogen: so konnte die vorjährige Schau, „Degas, Bildhauer und Por-
trätist", dem eine Zeitlang vergleichsweise ungerecht Behandelten völlig
revidierte gesteigerte Wertung verleihen, die wohl in der Folge mit zur
Einrichtung des kleinen Degas-Sondersaals im Louvre, zum Erwerb ver-
schiedener früher Degasbildnisse durch die „Amis du Louvre" geführt
hat. Ja, selbst Pisanello wurde in der Orangerieausstellung dieses Winters
als Neuerscheinung den Pariser Kunstliebenden aufs schönste gegenwärtig.
Nach dieser Übung stellen sich jetzt Manet und Picasso erneut und gleich-
sam voraussetzungslos zur Diskussion, und es wird niemandem einfallen,
den Lebenden von vornherein mit dem Gewicht des großen Toten zu
zermalmen oder gar den Altmeister zugunsten des Jüngeren als „muffig",
„bürgerlich" oder dergleichen abzutun. Manet hat in der Tat eine der
größten und schwierigsten Positionen zu verteidigen, die die Nachwelt
einem Künstler zu geben vermag: an der Spitze der glanzvollsten Künstler-
generation seines Landes, dabei in stetem Wettstreit mit den beiden anderen
ganz großen Zeitgenossen, Renoir und Cezanne, von denen sich die rein

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