Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 31.1932

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Zum Ankauf des van Gogh

von KARL SCHEFFLER

Mit aller Deutlichkeit hat Max Liehermann hier — im Märzheft — dem Gedanken Aus-
druck gegeben, den er jetzt in der Julinummer von „Kunst und Wirtschaft" wiederholt
hat: daß als einziges Kriterium für den Ankauf von Kunstwerken für die National-
galerie die Qualität zu gelten habe. Gegen den Preis von nahezu einer viertel Million
Reichsmark für einen van Gogh hat er Einspruch erhoben, weil das problematische Werk
ihn nicht rechtfertigt, weil Ludwig Justi mit mangelhafter „Warenkenntnis" in einem
Augenblick gekauft hat, als alle Preise ungesund übersteigert waren und ein starker
Rückgang unschwer vorauszusehen war. Dieses allein ist gesagt worden, nichts anderes.
Die laute Wirkung, die Liebermanns Protest hatte, hat leider alles wieder einmal ver-
schoben: vom Künstlerischen zum Wirtschaftlichen und Politischen. Zuerst protestierte
die Münchner Künstlerschaft und sodann der Reichsverband bildender Künstler Deutsch-
lands. Aber nicht eigentlich gegen unkünstlerisches Verhalten, sondern gegen die „Ver-
schleuderung von Geldern für ausländische Kunstwerke". Auf eine Eingabe des Reichs-
verbandes hat der Reichsminister des Inneren mit einem Rundschreiben an die Kunstver-
waltungen der Länder geantwortet, worin er bittet, die vorhandenen Mittel nicht zum
Ankauf ausländischer Kunstwerke zu verwenden, sondern die lebenden deutschen Künstler
zu berücksichtigen. Er empfiehlt damit den Ländern das Gegenteil von dem, was die
Regierung, der er angehört, in einer Programmerklärung formuliert hat, als sie sagte,
der Staat sei keine Wohlfahrtsanstalt.

Auch Justi erwidert ausführlich. * Er verschiebt das Thema ebenfalls mit all seiner
Diplomatengeschicklichkeit. Er sucht die Verantwortung für den Kauf des van Gogh auf
seine Kommission abzuschieben, weist mit starkem Selbstlob und großen Zahlen nach,
wieviele Werke lebender deutscher Künstler er schon gekauft hat und stellt fest, daß
er von Gemälden ausländischer Künstler im ganzen nur sieben erworben hat, „franzö-
sische überhaupt nicht", sondern drei von Münch und vier von van Gogh, also nur von
den „großen germanischen Meistern neuerer Zeit". So empfiehlt er sich dem Nationalis-
mus, wie er sich vor zehn Jahren dem „Marxismus" empfohlen hat, beschwichtigt die
Protestierenden mit Zahlen und umgeht mittels eines taktischen Manövers den Vorwurf,
daß er nicht als einziges Kriterium beim Ankauf die Qualität gelten ließe oder nicht im-
stande sei, sie zu empfinden. Seine Zahlen sprechen in Wahrheit gegen ihn, denn er hat
ja nie zu wenig, sondern stets zu viel (Mittelmäßiges) gekauft; und die Art seiner Polemik
spricht auch gegen ihn. Das merken freilich nur die verhältnismäßig Wenigen, die künstlerisch
denken und die auf dem Parnaß weder wirtschaftliche noch politische Fragen zulassen.
Hiermit ist nun aber überhaupt aufs bestimmteste bezeichnet, was uns von Ludwig Justi
und denen seines Geistes auf ewig trennt: wir vertreten die naturgemäß kleine Zahl
derer, die alle Kunst zweckfrei beurteilen, der Direktor der Nationalgalerie vertritt die
Masse derer, die alles Künstlerische zweckvoll behandeln, denen die Kunst nur ein Stein
auf dem Schachbrett der Zeitpolitik bedeutet — und nicht einmal die Königin.
* Alles dieses in der schon genannten Julinummer von „Kunst und Wirtschaft".

Liebermanns Graphik

Bei Hugo Helbing am Lützowufer wird, gelegentlich des fünfundachtzigsten Geburts-
tages Max Liebermanns, das graphische Werk des Künstlers gezeigt. Die Ausstellung
macht einen vorzüglichen Eindruck: es ist alles in einer schon historischen Weise
klassisch; aber es ist alles auch noch wie von gestern.

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